Champions League-Finale 1999
Bayerns Final-Alptraum: «Schlimmste, was passieren kann»

Auch 20 Jahre nach dem 100-Sekunden-K.o. seiner Bayern mag sich Ottmar Hitzfeld die Bilder des Endspiels gegen Manchester United nicht ansehen. «Die ganze Grausamkeit hat uns getroffen», seufzt Franz Beckenbauer in der Bankettrede. 2001 folgt ein Happy End.

Samstag, 25.05.2019, 10:25 Uhr aktualisiert: 25.05.2019, 10:28 Uhr
Die Spieler vom FC Bayern München verlassen am 26.05.1999 niedergeschlagen das Camp Nou-Stadion. Foto: Kay Nietfeld

München (dpa) - Draußen vor dem Camp Nou stand Giovanni Trapattoni auf einem Busparkplatz und hauchte fassungslos: «Ottmar tut mir so leid!» Der italienische Maestro litt mit seinem Nachfolger auf der Trainerbank des FC Bayern.

Drinnen im Fußball-Tempel des FC Barcelona versuchte der angesprochene Ottmar Hitzfeld das Unfassbare zu erklären, dieses legendäre Drama im Champions-League-Finale gegen Manchester United, eine der schmerzhaftesten und zugleich auch unnötigsten Niederlagen in der bewegten Münchner Europapokal-Historie.

Auch 20 Jahre nach dem 1:2 am 26. Mai 1999 schmerzt Hitzfeld im Trainer-Ruhestand diese Nacht immer noch wie eine frische Wunde. «Es war das Schlimmste, was passieren kann», sagte der 70-Jährige der Deutschen Presse-Agentur zum 20. Jahrestag des Endspiels.

Ansehen mag sich Hitzfeld die TV-Bilder auch zwei Jahrzehnte später nicht. «Ich habe sicherlich eine DVD irgendwo bei mir zu Hause. Aber ich habe immer lieber vergangene Triumphe angeschaut.» Da geht es ihm wie vielen seiner damaligen Spieler, von Kapitän Oliver Kahn über Spielmacher Stefan Effenberg bis hin zu Sammy Kuffour, der nach dem Schlusspfiff schluchzend auf dem Rasen lag, hemmungslos heulend.

Es gibt Bilder, die zeigen, wie Uli Hoeneß, damals noch Manager des deutschen Rekordmeisters, über den Rasen irrt und versucht, den total enttäuschten Kapitän Kahn zu trösten und aufzurichten. «An so einem Erlebnis kannst du zerbrechen», erinnert der heutige Präsident.

Bis die Nachspielzeit anbrach, war Bayern Champions-League-Sieger. «Nach 90 Minuten hatten wir den Henkelpott in der Hand, dann haben wir ihn verloren», sagt Alexander Zickler rückblickend zu dem, was geschah. Mit einem schlitzohrig ins Torwarteck geschossenen Freistoß brachte Mario Basler die Bayern früh in Führung. Hitzfelds Team dominierte die United-Elf um David Beckham. Ein gefühlvoller Lupfer von Mehmet Scholl prallte an den Pfosten, ein Fallrückzieher von Carsten Jancker an die Latte. Das hochverdiente 2:0 fiel nicht - es sollte sich bitter rächen für die Bayern.

Denn in der Nachspielzeit geschah ein Wunder aus Manchester-Sicht. Der eingewechselte Teddy Sheringham glich aus. Und dann traf nach einem Eckball auch noch der zweite Joker, Ole Gunnar Solksjaer, der heutige Trainer von Man United. «Wir waren alle deprimiert», sagt Hitzfeld rückblickend im Mai 2019. Was für eine Untertreibung!

Franz Beckenbauer zitterte bei seiner Ansprache beim Bankett im Teamhotel «Barcelo Sants» die Stimme. «Die ganze Grausamkeit hat uns getroffen», hauchte der «Kaiser» ins Mikrofon. Günter Netzer, einer der vielen anwesenden deutschen Fußball-Promis, erklärte: «Solange ich Fußball sehe, habe ich so etwas Grausames noch nicht erlebt.»

Kahn blieb nach dem Schock dem Bankett fern. Der Torhüter verweigerte jeden Kommentar. Er verkroch sich nach seinem 50. Europapokalspiel im Hotelzimmer. Andere ertränkten ihre Enttäuschung im Alkohol, suchten Trost bei der Lebensgefährtin oder tanzten wie der verhinderte Finalheld Basler bis zum Morgengrauen den Frust aus dem Körper.

Vor 90.000 Zuschauern war Bayerns Abwehr nach der Auswechslung des entkräfteten Liberos Lothar Matthäus zusammengefallen. Der faire Verlierer Hitzfeld gratulierte in den Katakomben des Stadions seinem siegreichen Kollegen Alex Ferguson, als sich ihre Wege kreuzten. «Wir haben uns in die Arme genommen. Er hat mich irgendwie auch getröstet. So ist eine Freundschaft entstanden», berichtet Hitzfeld.

Er war jetzt als Chef gefordert. Es musste ja weitergehen. «Ich habe am Tag danach direkt gegengesteuert. Ich habe die längste Teamsitzung in der Zeit bei Bayern gemacht. Ich habe die Mannschaft gelobt, weil wir die bessere Mannschaft waren. Aber ich habe auch angesprochen, dass wir bis zur letzten Sekunde sehr konzentriert sein müssen und Fehler gemacht haben», schildert Hitzfeld. Er habe den Spielern in dieser schwierigen Stunde «das Vertrauen ausgesprochen» und an sie appelliert: «Wenn wir das ändern, haben wir die Chance, in den nächsten Jahren vielleicht wieder mal ins Finale zu kommen.»

Die Prophezeiung erfüllte sich. «In dieser Nacht kam der Spirit auf, dass wir es unbedingt noch mal schaffen wollten», erzählt Angreifer Jancker 20 Jahre später. Am 23. Mai 2001 halten Hitzfeld, Effenberg, Kuffour, Scholl und Co. in Mailand den Henkelpott dann doch in den Händen. Titan Kahn wehrt beim Finaltriumph gegen den FC Valencia in einem dramatischen Elfmeterschießen drei Schüsse der Spanier ab.

Hitzfelds Spieler hatten aus dem Alptraum von Barcelona gelernt. «2001 waren wir auch darauf vorbereitet, dass es 120 Minuten gehen kann oder ins Elfmeterschießen», sagt Hitzfeld: «Es gehört auch das Glück dazu. Und Oliver Kahn war Weltklasse im Elfmeterschießen.»

An diesem Sonntag, exakt 20 Jahre nach dem historischen Endspiel des 26. Mai 1999, kommt es zwischen Manchester United und dem FC Bayern zu einer Neuauflage. In Manchester treten die United Legends gegen eine Legenden-Elf des FC Bayern gegeneinander an - für einen guten Zweck. Zahlreiche Akteure, die in Barcelona live dabei waren, wollen im Old Trafford wieder auflaufen: Matthäus, Effenberg, Tarnat, Fink, Elber, Jancker, Zickler, Babbel, auch der Ghanaer Kuffour, der im Vereinsmagazin des FC Bayern zu der unvergesslichen Fußballnacht von Camp Nou bemerkte: «Es macht mir immer noch so viel weh.»

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