Die Heimat verlassen «Der ungarische Satz» über Fragen der Flucht

Der 1974 in Sarajevo geborene Autor Andrej Nikolaidis setzt nur einen einzigen Punkt in seinem Roman, ganz am Ende. Der Bewusstseinsstrom seines Ich-Erzählers reißt, nur durch Kommas getrennt, bis zum Schluss nicht ab. Es geht um Vertreibung, Ethik und das Dasein.

Von dpa

Berlin (dpa) - Diesen Roman sollte man in einem Ritt lesen. «Der ungarische Satz» von Andrej Nikolaidis kommt nämlich mit nur einem Punkt aus - hinter dem letzten Wort auf Seite 119.

In einem fabelhaft gestalteten Bewusstseinsstrom nähert sich zuvor der Ich-Erzähler anlässlich des Selbstmordes eines Freundes moralischen Fragen nach Vertreibung, Ethik und Dasein.

Der 1974 in Sarajevo geborene Autor gilt als eine der wichtigsten Stimmen in der zeitgenössischen Literatur Ex-Jugoslawiens. Bevor die Belagerung seiner Heimatstadt durch serbische Truppen 1992 begann, ging er nach Montenegro. Er habe alles, worüber er schreibt, selbst auf irgendeine Weise erlebt, sagt Nikolaidis. Immer dabei: das Kriegstrauma.

So heißt es im Roman wie in einem Mantra einmal, «dass flüchten bedeutet, aus dem eigenen Leben zu flüchten, dass der Geflüchtete nirgends etwas wert ist, nicht dort, woher er geflohen ist, und noch weniger dort, wohin er geflohen ist». Gleich zu Beginn steht, man könne Ungarn zwar hinter sich lassen, «schwer ist es, in das Land hineinzuschleichen» - und sofort wird klar, dass hier aktuelle Debatten mit geschichtlicher Erfahrung verwoben werden.

«Der ungarische Satz» ist keine einfache Lektüre, aber eine lohnenswerte Herausforderung.

- Andrej Nikolaidis: Der ungarische Satz, Voland & Quist, 128 Seiten, 16,00 Euro, ISBN 978-3-863911-95-9.

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