Münchner Kammerspiele «Der erste fiese Typ» als atemlose Performance

Cheryl ist um die 40, gehemmt und von fixen Ideen besessen. Eine davon ist Philip. Doch der steht auf junge Mädchen. «Der erste fiese Typ» von Miranda July - ein packender Reigen aus Obsessionen, Neurosen und Erotik - ist bei den Münchner Kammerspielen zu sehen.

Von dpa
Rebecca Meining (v.l.), Maja Beckmann und Anna Drexler in dem Stück «Der erste fiese Typ» nach dem Roman von Mirinda July.
Rebecca Meining (v.l.), Maja Beckmann und Anna Drexler in dem Stück «Der erste fiese Typ» nach dem Roman von Mirinda July. Foto: David Baltzer

München (dpa) - Miranda July ist ein Multitalent. Sie dreht Videos und macht Performances. Sie singt, sie dreht Filme, sie schauspielert und sie schreibt Bücher. Ihr Debütroman: «Der erste fiese Typ».

Im Mittelpunkt steht Cheryl, um die 40, ordnungsfixiert, neurotisch und unglücklich verliebt. Als die deutlich jüngere Clee bei ihr einzieht, entwickelt sich eine von Abneigung, Gewalt, Neugier und erotischer Spannung geprägte Beziehung. Die Münchner Kammerspiele durften die Geschichte auf die Bühne bringen, am Freitagabend war Uraufführung.

Regisseur Christopher Rüping hat eine temporeiche, atemlose und unterhaltsame Performance inszeniert, in der zwei Schauspielerinnen, eine Sängerin und eine Videokünstlerin Großartiges leisten. Ein packender, bisweilen verwirrender Reigen aus Obsessionen, Liebe, Gewalt und Erotik, bei dem die Kammerspielbühne zur Partyzone wird.

Maja Beckmann und Anna Drexler schlüpften in dichter Abfolge in unterschiedlichste Rollen. Sie lesen aus Julys Buch, sprechen ihre Dialoge oder kommentieren. Mal sind sie Cheryl, mal Clee oder eine der vielen anderen Figuren. Cheryls klinisch reines Leben ist von Obsessionen und Neurosen geprägt und von der Sehnsucht nach einem ganz bestimmten Baby. Eine fixe Idee ist auch ihre Liebe zu Philip, einem Kollegen über 60, der auf blutjunge Mädchen steht.

Eines Tages zieht Clee bei Cheryl ein, eine rebellierende 20-Jährige, die ihre Schuhe durch die Wohnung schmeißt, Chaos anrichtet und ständig Grenzen überschreitet. Cheryl reagiert erst panisch. Doch Clee hat eine gewaltvolle, anarchische Seite, die Cheryl fasziniert. Während sie miteinander ringen, im wahrsten Sinne des Wortes, entsteht eine subtile, erotische Spannung, die immer stärker wird.

Den Takt liefert die Sängerin Brandy Butler, die 2016 mit «The Inventory of Goodbye» ihr erstes Soloalbum veröffentlicht hat. Sie spielt Klavier, singt und untermalt das Stück mit unterschiedlichsten Tönen. Mal heizt sie die Spannung mit nervigen Geräuschen an. Mal glättet sie die Gefühlswogen, wenn sie mit kraftvoller, beruhigend weicher Stimme singt. Zentrales Element ist die Videokünstlerin Rebecca Meining. Sie verfolgt die Darsteller mit der Handkamera.

Großformatige Bilder werden live projiziert auf durchscheinende Leinwände, die hoch- und runtergelassen werden. Dazu vorab gedrehte Videosequenzen wie die schlüpfrigen Kurznachrichten, die Philip an Cheryl schickt. Gierige, feuchte Träume eines alten Mannes, der etwa fantasiert, wie er mit einer 16-Jährigen Oralsex hat.

Die Inszenierung passt zu Julys Buch, auch weil sie vor nichts zurückschreckt. Das ist spannend, wenn auch an einigen Stellen etwas bemüht krawallig. Außerdem zieht sich das Stück in die Länge, bei mehr als 130 Minuten ohne Pause kein Wunder.

Trotzdem ist der Abend lohnenswert, greift er doch ein zentrales Thema in Julys Werk auf. Wie schon in ihren Filmen («Ich und du und alle, die wir kennen») geht eine Frau auf die Suche nach sich selbst. Vorsichtig, staunend, gehemmt. Nicht umsonst hat July ein Kunstprojekt überschrieben mit «Learning to love you more».

Cheryl muss dazu an ihre Grenzen gehen, und mit ihr die Zuschauer, vor allem die in den ersten Reihen. Flüssigkeiten spritzen, Essensreste fliegen umher. Doch Rüping unterbricht das Chaos. Immer wieder sorgt er für Ruhe auf der Bühne, verschafft Cheryls besonnener Seite Gehör und vereint am Ende alle in einem filmreifen Finale.

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