Im Hamsterrad Heiner Müllers «Mauser» am Residenztheater

Heiner Müllers «Mauser» ist ein Stück über Revolutionen und die Ohnmacht des Einzelnen. In der Inszenierung von Oliver Frljić hat das Drama erschreckende aktuelle Bezüge.

Von dpa
Das Probenfoto zeigt eine Szene aus «Mauser» von Heiner Müller in der Regie von Oliver Frljić im Residenztheater in München (Bayern).
Das Probenfoto zeigt eine Szene aus «Mauser» von Heiner Müller in der Regie von Oliver Frljić im Residenztheater in München (Bayern). Foto: Konrad Fersterer

München (dpa) - «Ein Mensch - was ist das?», lautet eine Frage aus Heiner Müllers Drama «Mauser» von 1970. In der Premiere am Münchner Residenztheater hat der in Bosnien geborene Regisseur Oliver Frljić am Donnerstag nach Antworten gesucht und sie auch in seiner eigenen Biografie gefunden.

«Mauser» erzählt vom Revolutionär «A», der im russischen Bürgerkrieg plötzlich Zweifel an seinem Auftrag bekommt, Konterrevolutionäre zu erschießen. Weil er der Revolution damit nicht mehr nützlich ist, muss er seiner eigenen Erschießung zustimmen.

Wer dem Kollektiv dienen will, muss sich selbst überwinden: Das ist der Leitsatz des Tribunals, vor dem «A» sich verantworten muss. Für den Einzelnen ist in dieser Revolution kein Platz.

Auch die fünf Schauspieler dürfen in der Aufführung keine eigenen Stimmen haben. Franz Pätzold, Alfred Kleinheinz, Marcel Heuperman, Nora Buzalka und Christian Erdt wechseln zwischen den Rollen hin und her.

Ihr Schauplatz ist der Körper. An ihm zeigt sich der Wunsch der Figuren, aus dem Hamsterrad der Revolution auszubrechen. Die Schauspieler schreien, hecheln, zittern, rollen sich ineinander verschlungen quer über die Bühne.

In einer eindringlichen Szene schreitet der 22-jährige Marcel Heuperman die Publikumsreihen entlang. Den Blick auf einzelne Zuschauer gerichtet, gibt er sich immer wieder Schläge auf seinen nackten Hintern, bis dieser von roten Striemen gezeichnet ist. «Der Körper ist immer ein Einspruch gegen Ideologien», zitieren die Schauspieler eine Aussage Müllers.

Frljić hat derzeit auch fernab der Bühne mit Ideologen zu kämpfen. «Mein Name ist Oliver Frljić. Ich bin aus Kroatien, diesem faschistischen Land im Balkan», sagt Pätzold plötzlich.

Er nimmt Bezug auf Frljićs Stück «Naše nasilje i vaše nasilje - Unsere Gewalt und eure Gewalt», das teils drastische politische und religiöse Kritik formuliert. Derzeit wird es unter heftigen Protesten in der kroatischen Stadt Split aufgeführt. Medienberichten zufolge erhalten die Schauspieler Morddrohungen. Hunderte Demonstranten versammelten sich vor dem Theater. Manche fordern Frljićs Verhaftung.

«Wir verurteilen die kunstfeindlichen Proteste aufs schärfste und stellen uns der Hetze extremer Nationalisten entgegen», kommentierte das Martin Kušej, Intendant des Residenztheaters.

Von 2014 bis 2016 war Frljić Intendant am Nationaltheater der kroatischen Stadt Rijeka. 2016 seien dem Theater unter dem damaligen, wegen seiner Nähe zu Rechtsextremisten oft kritisierten Kulturminister Zlatko Hasanbegović die Zuschüsse gestrichen worden, sagte der Regisseur in früheren Interviews.

Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović erklärte Frljić seinen Aussagen nach öffentlich zum Staatsfeind. Aus Protest gab er 2016 seine Stelle auf.

Der Kampf gegen politische Ohnmacht hört bei Frljić nie auf. «Es ist nicht zulässig, über Gewalt als Mittel zur Veränderung der sozialen Verhältnisse nachzudenken, unterdessen ist die Gewalt das wesentliche Instrument zur Aufrechterhaltung der bestehenden sozialen Ordnung», schrieb der Regisseur über «Mauser».

Doch Frljić ist kein sozialromantischer Revoluzzer, der die Gewalt verherrlicht. Gewalt findet bei ihm nicht auf der Straße, sondern der Bühne statt. Damit ist «Mauser» vor allem eine Liebeserklärung an die Kunst, die einen ohnmächtigen Menschen zu einem widerständigen machen kann.

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