Gegen das Vergessen Gedenken an Anti-Nazi-Kämpfer Hans Litten

Hans Litten ist ein fast vergessener Held: Als junger Rechtsanwalt wagte er es, Adolf Hitler ins Kreuzverhör zu nehmen - und unterschrieb damit sein eigenes Todesurteil. Seine Nichte erzählt Hans Littens Geschichte - und zeigt, wie aktuell sie heute ist.

Von dpa
Patricia Litten will aufrütteln und sagt: «Das, was war, und das, was heute ist, hängt zusammen.»
Patricia Litten will aufrütteln und sagt: «Das, was war, und das, was heute ist, hängt zusammen.» Foto: Daniel Karmann

Nürnberg (dpa) - Nicht jeder kennt seinen Namen, dabei kann er als großes Vorbild gelten: der Anti-Nazi-Kämpfer Hans Litten. Seine Nichte, die Schauspielerin Patricia Litten, kämpft dafür, die Erinnerung an den 1938 im Konzentrationslager Dachau gestorbenen Rechtsanwalt wach zu halten - mit Lesungen und einem Theaterstück.

«Mir geht es darum zu sagen, wie verdammt aktuell das in der heutigen Zeit ist», sagt die 62-Jährige.

Sie verweist etwa auf die Türkei: «Hier wird eine sogenannte Revolution dazu genutzt, innerhalb weniger Wochen die gesamte Opposition kalt zu stellen.» Ähnliche Tendenzen gebe es derzeit in vielen anderen Ländern. «Wir erleben, wie schnell - mit einem Wimpernschlag - Demokratien ausgehebelt werden.» Zuerst werde die Rechtsstaatlichkeit abgeschafft. Dann die freie Presse.

Darum sei es ihr so wichtig, an ihren Onkel Hans und an dessen Mutter Irmgard Litten, ihre Großmutter, zu erinnern. Letztere hat über das Schicksal ihres Sohnes und ihren verzweifelten Kampf für dessen Freilassung ein Buch mit dem Titel «Eine Mutter kämpft gegen Hitler» geschrieben. An diesem Donnerstag (16. März) liest Patricia Litten in Nürnberg aus der Neuausgabe vor.

«An diese beiden Menschen zu erinnern, die so einen Mut und so eine Aufrichtigkeit hatten, ist das Eine. Das Andere ist zu sagen: Diese Menschen gibt es auch hier und heute», sagt Patricia Litten - ob das ein junger Blogger in Saudi-Arabien sei, der fast zu Tode geprügelt werde, oder der Anwalt Abdolfattah Soltani, den das autokratische Regime im Iran vor sechs Jahren ins Gefängnis gesteckt habe.

Littens Onkel Hans kämpfte gegen das NS-Regime, etwa indem er dessen Gegner vor Gericht verteidigte. 1931 legte er sich im sogenannten Edenpalast-Prozess mit Adolf Hitler persönlich an. Der damals erst 28 Jahre alte Jurist nahm Hitler ins Kreuzverhör und trieb ihn zwei Stunden lang mit dessen eigenen Zitaten in die Enge. Doch damit unterschrieb er sein eigenes Todesurteil. Hitler empfand es als große Demütigung. Sofort nach der Machtergreifung - in der Nacht des Reichstagsbrandes 1933 - wurde Litten in «Schutzhaft» genommen.

Seine Mutter Irmgard versuchte lange vergeblich, Hans aus der Nazi-Folter zu befreien. Ihr Buch schildert die Demütigungen, die sie dabei erfährt, und die ergebnislosen Gespräche mit NS-Größen. «Es war ein fast übermenschlicher Kraftakt, das fünf Jahre lang durchzuziehen», sagt Patricia Litten, die noch bis zum Sommer am Nürnberger Staatsschauspiel ihre eigene Großmutter in «Der Prozess des Hans Litten» spielt.

Das Buch schildere einen Teil der Nazi-Zeit, von dem fast nie die Rede sei, sagt die 62-Jährige - weil es fast immer um den Holocaust und den Massenmord an den Juden gehe. «Ich glaube, das liegt an der Scham, nicht viel früher eingeschritten zu sein.» Die ganze Diplomatie habe damals versagt. So sei es aktuell auch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die Politik entschuldige es damit, dass man den Dialog mit ihm nicht abbrechen dürfe.

Sie habe erst mit 17 Jahren - zwei Tage nach dem Tod ihres Vaters - das Buch entdeckt, sagt Litten. «Da hat mich fast der Schlag getroffen.» Vorher habe sie zwar gespürt, dass es in ihrer Familie etwas «unfassbar Trauriges» gab, sich jedoch nie getraut, danach zu fragen. «Daher sage ich bei meinen Lesungen immer: Stellt Fragen! Mein Vater war tot, ich konnte ihm keine Fragen mehr stellen.»

Sie versuche ihren Zuhörern auch immer klarzumachen, «dass wir jetzt in die Puschen kommen müssen». Die Demokratie sei in Gefahr, wenn alle sie als selbstverständlich hinnehmen. «Wir müssen endlich aus dieser Komfortzone raus.» Das könnten auch ganz kleine Schritte sein - etwa die alte Nachbarin mit ins Theater zu nehmen, damit sie sich wahrgenommen fühlt. «Aber es ist wichtig, dass wir diese kleinen Schritte machen», betont Litten mit Blick auf die AfD und US-Präsident Donald Trump. «Wir müssen Position beziehen, denn wir sind an einem Punkt, der extrem gefährlich ist.»

Ihre Zuhörer erreiche sie vor allem, weil sie ein Buch lese, das ihre eigene Großmutter geschrieben habe. «Das öffnet die Herzen.» Es sei etwas anderes als «die Anonymität der Millionen», die in Konzentrationslagern gestorben seien. «Es handelt sich hier nicht um das x-te Buch über den Nationalsozialismus», sagt Litten. «Sondern man erkennt hier genau die gleichen Vorgänge, die jetzt vor unseren Augen passieren. Das schnürt einem die Kehle zu.»

Vor allem Schülern mache sie bei Gesprächen über Flüchtlinge klar, dass sie nicht vor ihnen sitzen würde, wenn es nicht zwei Länder gegeben hätte, die ihrer Großmutter und ihren Eltern politisches Asyl gewährt hatten - Großbritannien und die Schweiz. Die 62-Jährige ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen. «Dann horchen die auf», sagt Litten. Und ihnen werde klar: «Das, was war, und das, was heute ist, hängt zusammen.» Die 62-Jährige betont: «Wir können es nur besser und anders machen, wenn wir uns bewusst sind, was es für ein Glück ist, seit 70 Jahren in Frieden zu leben und Meinungsfreiheit zu haben.»

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