Medien Operation Zucker. Jagdgesellschaft

Manchmal genügt schon ein Film, um viel Aufmerksamkeit für ein schreckliches Thema wie Kinderhandel zu bekommen. Jetzt präsentiert das Erste sogar einen zweiten Film dazu. Er wühlt auf und verstört.

Von dpa
Medien : Operation Zucker. Jagdgesellschaft
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Berlin (dpa) - Vor einigen Jahren erregte der Spielfilm «Operation Zucker» große Aufmerksamkeit. In dem Film ging es um Kinderhandel und Kinder, die zu Sex mit Erwachsenen gezwungen werden.

Am Dienstagabend läuft eine Wiederholung des Films von 2012. Jetzt gibt es eine Fortsetzung dazu - zumindest in gewisser Weise: «Operation Zucker. Jagdgesellschaft» ist an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) im Ersten zu sehen. Direkt im Anschluss läuft dann die Talkshow «Maischberger» zum Thema Kinderhandel.

Karin Wegemann (Nadja Uhl) hat sich versetzen lassen: Die einst engagierte, aber zunehmend desillusionierte LKA-Polizistin unterrichtet nun angehende Kollegen an der Berliner Polizeischule. Doch die dringend erhoffte innere Ruhe mag sich nicht so recht einstellen - erst recht nicht, als sie eines Abends in einer Kneipe dem investigativen Journalisten Maik Fellner (Andre Szymanski) begegnet. Er recherchiert seit Jahren zum Thema Kinderhandel, doch seine erschütternden Artikel zeigen letztlich überhaupt keine Wirkung - teils wird er verleumdet oder gar bedroht.

Die beiden brauchen sich also gegenseitig, um endlich etwas in Bewegung zu bringen. Karin lässt sich nach Potsdam versetzen, wo sie nach anfänglichem Zögern gut mit ihrem Kollegen Ronald Krug (Misel Maticevic) zusammenarbeitet. Nach einem Tipp des Informanten Victor (Rick Okon) begegnen sie an einem Bahnsteig der sehr auffällig geschminkten Lucy (Carlotta von Falkenhayn) und wenig später dem Ehepaar Voss (Jördis Triebel, Sebastian Hülk), das offenbar neben seiner Nichte Lucy noch ein weiteres Mädchen bei sich wohnen lässt. Ganz allmählich stoßen sie auf eine verschworene Herrengemeinschaft, die bis zum Innensenator (Matthias Matschke) reicht und die sich unter dem Decknamen «Jagdgesellschaft» in einer einsamen Waldhütte bei formidablem Gelage die kleinen Mädchen (und Jungen) zuführen lässt.

Autorin und Produzentin Gabriela Sperl («Die Flucht», «Tannbach») beschäftigt das Thema nach wie vor. «Nach der Ausstrahlung des ersten Filmes hat sich einiges bewegt, weil das Thema plötzlich eine ganz andere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekam», erklärt sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Auf der Basis aller Recherchen habe sich stetes das gleiche Muster herauskristallisiert: Die Täter fänden sich vorwiegend in akademischen und höchsten Kreisen, weil diese ihnen Schutz verliehen. «Sie sind miteinander vernetzt, was auch immer wieder geleugnet wird, weshalb sie sich aber in Sicherheit wiegen - zumal auch keiner aus ihrem Umfeld jemals hinschauen will.»

Sperls Ziel: Eine Anzeigepflicht für Ärzte, Anwälte, Therapeuten und Betreuer, die es beispielsweise in Österreich oder in Frankreich gibt. «Wir wollen weiterhin auf ein großes Unrecht und ein Verbrechen mitten unter uns aufmerksam machen.» So lange es eine wachsende Milliardenindustrie rund um verschleppte, verkaufte und geschundene Kinder und junge Frauen gebe, werde sie weiter solche Filme machen. «Wir hoffen darauf, dass sich Gesetze dadurch verändern, dass Menschen wachsamer werden, wenn wir Licht in diese dunkle Ecke unserer Gesellschaft werfen. Und nicht länger gesagt werden kann: 'Das gibt es doch gar nicht'.»

Laut der Kriminalstatistik der Polizei gab es 2014 in Deutschland bei 13 374 Kindern unter 14 Jahren einen vollendeten sexuellen Missbrauch, davon bei etwa 1500 Kindern bis sechs Jahren - die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Die meisten der vom Kinderhandel betroffenen Jungen und Mädchen kommen vom Balkan, der Ukraine und aus Weißrussland. Die «Abnehmer» sitzen vor allem in Deutschland, Belgien, Frankreich und England.

Der verstörende Film (Buch: Friedrich Ani und Ina Jung; Regie: Sherry Hormann) hat eine drastische Sprache («Ware», «Kinderficker») und ein schnelles Tempo, und er zeigt jede Menge kaputte Figuren. Die Liebesgeschichte hätte es allerdings nicht unbedingt gebraucht. Nadja Uhl als innerlich brennende Ermittlern und Jördis Triebel als Ex-Nutte und eiskalter Teufel, der angeblich die Kinder rettet, bilden klare Pole mit eindrucksvollem Spiel.

Ganz sicher bewegt sich der Film noch nicht nah genug an der Realität, die lässt sich wohl kaum zeigen. Aber die Ausstrahlung zur Primetime setzt ein wichtiges Signal: jeder kann aufmerksamer sein und auf kleine Zeichen (Schuh am Spielplatztor, Puppe im Kinderzimmerfenster) achten, die auf Kinderhandel hindeuten könnten. Eingesperrte Kinder im Kofferraum stellen schon eine gewisse visuelle Brutalität dar - schlimmere Bilder bleiben dem Zuschauer zwar erspart, aber ein latentes Magengrummeln stellt sich trotzdem ein. Man bleibt zurück ohne jeden Lichtblick - bei diesem Thema wird es nie ein Happy-End geben.

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