Film Zutiefst berührend: Das Animations-Kunstwerk «Anomalisa»

Die Hauptfiguren sind Puppen, die sich nach Liebe und Nähe sehnen - nicht nur deswegen ist Charlie Kaufmans Film eines der ungewöhnlichsten Werke des Jahres.

Von dpa
Oscarnominiert für den besten Animationsfilm: Charlie Kaufmans «Anomalisa».
Oscarnominiert für den besten Animationsfilm: Charlie Kaufmans «Anomalisa». Foto: Paramount Pictures

Berlin (dpa) - Trickfilme sind etwas für Kinder - dieser Irrglaube hält sich hartnäckig. Schließlich werden gezeichnete oder am Computer animierte Werke noch häufig mit süßen Disney-Klassikern von einst assoziiert.

Doch im Schatten der großen Blockbuster gab es in den vergangenen Jahren wahre Meisterwerke wie den japanischen Animé «Chihiros Reise ins Zauberland» oder die Tragikomödie «Mary & Max». Auch der US-Amerikaner Charlie Kaufman zeigt nun, wie menschlich das Leben nicht-realer Helden sein kann. Dafür gab es gerade völlig zu Recht eine Oscarnominierung als bester Animationsfilm.

«Anomalisa», beim Festival Venedig 2015 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, kreist um einen Mann in der Sinnkrise. Michael Stone ist erfolgreicher Buchautor und Motivationsredner. Sein eigenes Leben aber erscheint ihm leer und gleichförmig. Als er für einen Vortrag in Cincinnati allein in seinem Hotel ist, lernt er in der Bar Lisa kennen und verliebt sich in sie. Lisa scheint anders als all die anderen Menschen um ihn herum, er tauft sie «Anomalisa». Die beiden kommen sich vorsichtig näher und erleben in einer Nacht zusammen ein paar kurze Momente des Glücks.

Regisseur Kaufman holte sich für den Film den Animationsspezialisten Duke Johnson an seine Seite. Gemeinsam entwickelten sie die Figuren, die ganz offensichtlich Puppen sind - aber eben mit überraschend menschlichen Zügen. So betrachtet Michael Stone etwa seinen nicht mehr wirklich perfekten Körper resigniert im Spiegel, und Lisa senkt beim ersten Näherkommen verschämt den Blick. Es sind viele Details wie diese, die Kaufman und Johnson da aus dem Alltag aufgreifen und bei denen sich sicher viele Zuschauer selbst wiedererkennen können.

Gedreht wurde «Animalisa» in aufwendiger Stop-Motion-Technik, bei der die Spielfiguren in jeder Einstellung neu arrangiert werden müssen. Dadurch wirken ihre Bewegungen etwas hakelig und ungelenk. Doch die Puppen-Figuren ermöglichten den Filmemachern auch einen erzählerischen Kniff: Sie setzten für alle weiblichen und männlichen Charaktere - bis auf Michael und Lisa - immer dieselben zwei Gesichter ein. So stellen sie wunderbar plastisch dar, wie es beim Verliebtsein ist, wenn man nur noch Augen für diese eine Person hat.

Die Geschichte von «Anomalisa» mag dabei nicht ganz so schräg sein wie Kaufmans frühere Werke - immerhin machte er sich zunächst einen Namen mit seinen Drehbüchern wie zu der durchgedrehten Komödie «Being John Malkovich» oder «Vergiss mein nicht», für das er einen Oscar für das beste Originaldrehbuch gewann.

Doch auch im ersten Stop-Motion-Film seiner Karriere gelingt es Kaufman, seine Charaktere erneut komplex darzustellen und ihnen sehr nah zu kommen. Ihre Ängste und Sorgen werden dank kleinster Gefühlsregungen genau spürbar und schaffen eine berührende Tiefe und Authentizität - «Anomalisa» wird so zu einem Kino-Kunstwerk.

Anomalisa, USA 2015, 91 Min., FSK ab 12, von Charlie Kaufman, Duke Johnson

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