Burgsteinfurt kehrt bei Anno 1604 in die Renaissancezeit zurück Glaubhaft gelebte Geschichte

Burgsteinfurt -

Stadtgeschichte zum Anfassen: In malerischen Kostümen gestalteten am Samstag rund 200 Akteure das Historienevent „Steinfurt 1604“.

Von Rainer Nix
Da nützte alles Keifen nichts: „Schumachers Stine“ landete als zänkisches Weib auf dem Schandesel.
Da nützte alles Keifen nichts: „Schumachers Stine“ landete als zänkisches Weib auf dem Schandesel. Foto: Rainer Nix

Dabei war die Stemmerter Innenstadt von Menschen bevölkert, die aus zwei Zeitepochen zu stammen schienen. Nur, dass sich niemand darüber wunderte.

Wer im Vorfeld Karten ergattern konnte, konnte an Führungen teilnehmen, bei denen historische Gebäude und ihre illustren Bewohner live erlebt werden durften.

Bürgermeisterin Claudia Bögel-Hoyer begrüßte im prunkvollen Gewand an der Kommende und verteilte „Kerbhölzer“. Mit ihnen konnten Erfrischungen eingefordert werden: „Falls es jemanden dürstet.“

Kammerfrau Sieglinde Neumann führte die erste Gruppe am Schloss vorbei auf Pfaden, die der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleiben. An der Schlossgräfte standen die „Waschfrauen“ und mühten sich ab, auch ohne chemische Hilfsmittel neuen Glanz auf ihre Bettlaken zu zaubern. Clever wie sie waren drückten sie dem Publikum Wäschestücke in die Hand und zeigten, wie zu verfahren sei.

Bei alldem schlich ein düsterer Geselle mit spitzer Vogelmaske durch die Reihen: der Pestarzt. Er tauchte an vielen Stellen des Geschehens auf und erinnerte an die Allgegenwart tödlicher Seuchen. Das war „gefühlte Geschichte“, denn vielen lief beim Anblick der Gestalt ein Frösteln die Wirbelsäule herunter.

Gruselig wurde es in der Hahnenstraße gleich noch einmal, als sich ein Leichenzug mit frisch gezimmertem Sarg in Bewegung setzte. Mit Grabesmiene schritt Prädikant Alexander Becker als Geistlicher voran. Auf dem Marktplatz war eine Gruft improvisiert. Die Sargträger stellten ihre Last auf einem Holzgestell ab. „Dem Herrn hat es gefallen, die Magd Anna zu sich zu holen“, verkündete der Priester und machte sich an einem geheimnisvollen Hebel zu schaffen. Als er ihn umlegte fiel die „Leiche“ unter dem Aufschrei des Publikums aus dem Sarg – ein äußerst effektiver Gruseleffekt. Beruhigend, dass die Maid schließlich wieder aufstand und den Platz verließ. Dechant Markus Dördelmann wechselte kurzzeitig die Konfession und war ebenfalls im Namen des Herrn unterwegs.

Vor dem alten Rathaus verurteilte Richter Eberwien in Gestalt von Heinz Epker das „zänkische Weib Schumachers Stine“ zu einem Ritt auf dem hölzernen Schandesel. Ebenso verurteilt wurde ein ehrloser Bursche, den jeder mit – vorher ausgeblasenen – Eiern bewerfen durfte.

Als Bänkelsänger zogen Martina und Peter Furchert durch die Stadt. Zahlreiche Szenen am Rande faszinierten das Publikum, wie etwa ein Schreiner und ein Schäfer bei der Arbeit, Mädchen, die Gänse durch die Stadt trieben oder ein Glücksspiel der besonderen Art, das „Rattenroulette“ mit Meerschweinchen als Protagonisten.

Vera Menzel in der Rolle als Wehmutter Anna Krechting zog in der Hahnenstraße die Blicke auf sich. Sie wusste als Kräuterfrau zu heilen und kannte sich überhaupt mit dem Leben bestens aus. So belehrte sie Unwissende über „Hübschnerinnen“, die „gegen einen Obolus den Männern beiwohnen“ oder etwa darüber, was bei unerwünschter Leibesfrucht zu tun sei.

Klöppeln, Leinenstände, Söldnerlager, Spinnerin, Wahrsagerin – die Liste der Attraktionen war lang. „Wirklich toll, wie glaubhaft alles wirkt“ war ein Kommentar, der öfter zu hören war.

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