Abbruch der baufälligen Websäle Fledermäuse mögen‘s nicht zu kalt

Borghorst -

Wolfgang Spille spielt nervös mit dem gelben Plastikteil in der Hand. Was so aussieht wie ein Grillfeuerzeug, ist ein Thermometer. Es ist kurz nach 18 Uhr, die Abendsonne lässt die Kock-Ruinen lange Schatten werfen – und auf dem schwarzen LCD-Display liest der Fachdienstleiter unproblematische 10,5 Grad. Entscheidend ist allerdings, was in genau drei Stunden die Anzeige sagt. „Es kann noch kalt werden“, warnt Axel Donning. „Ja, aber nicht zu kalt“, ist Spille optimistisch. Zu kalt, das wären eine Stunde nach Sonnenuntergang weniger als fünf Grad.

Von Axel Roll
Mit aller Vorsicht knabbert der Abbruchbagger die morschen Fabrikwände bis auf die Fundamente nieder. Bis Ende April, so der Plan, sollen die Anwohner wieder ruhig schlafen können.
Mit aller Vorsicht knabbert der Abbruchbagger die morschen Fabrikwände bis auf die Fundamente nieder. Bis Ende April, so der Plan, sollen die Anwohner wieder ruhig schlafen können. Foto: Axel Roll

Bei diesen Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt stellen Fledermäuse den nächtlichen Flugbetrieb ein, bleiben lieber in ihren warmen Höhlen und verschieben das Abendessen auf die kommende Nacht. Und damit wäre für das Team um Lucas Janssen vom Abbruchunternehmer Küpers Feierabend, bevor die Arbeitsnacht überhaupt angefangen hätte. . .

Wolfgang Spille behält Recht. Im Schutz der Dunkelheit zieht es die kleinen Nachtjäger an die frische Luft, der Abbruchbagger wirft pünktlich um kurz vor 21 Uhr den Diesel an und knabber, knabber, ist die erste Websaalaußenwand nach gut einer Stunde nur noch ein großer Haufen Backsteine.

100 unscheinbaren Fledermauskästen

Landschaftsökologe Axel Donning ist schon seit einigen Nächten auf dem Kock-Gelände mit seinen Helferinnen unterwegs. „Gestern Nacht war hier richtig halligalli“, erzählt der Fledermausexperte. Mit Hilfe seiner elektronischen Lauscher konnte er zweifelsfrei die äußerst seltenen Mopsfledermäuse identifizieren. Für sie wurden die Vorsichtsmaßnahmen hier überhaupt angeordnet.

Dazu zählt nicht nur der nächtliche Abriss, sondern auch die über 100 unscheinbaren Fledermauskästen, die in und an den Gebäuden, die noch nicht abgebrochen werden, in den letzten Tagen angeschraubt wurden. „Die wurden alle auf die Schnelle in der Schreinerei Potthoff gebaut“, erzählt Wolfgang Spille. Eine durchaus anspruchsvolle Arbeit, ebenfalls von Axel Donninger mit Argusaugen überwacht. Die lichtscheuen Gestalten krabbeln nämlich längst nicht in jede Ritze. „Eine Seite ist von innen rau, die andere fein geriffelt“, erzählt der Fachdienstleiter. Inzwischen, so Spille, haben sich schon andere Städte erkundigt, wie die Fledermaus-Villen zum Abhängen denn genau aussehen müssen.

Fünf-Grad-Fluggrenze

Auch wenn es für die wenigen Schaulustigen, die den Baggereinsatz unter Flutlicht verfolgen, nicht so aussieht: Die Abbruch-Spezialisten gehen nach einem genau abgestimmten Plan vor. So muss die viel diskutierte Websaalmauer entlang der Arnold-Kock-Straße erstmal stehen bleiben, um Gefährdungen auszuschließen. Zwischen den Fabrikhallen hin- und her zu wechseln, verbietet sich ebenfalls. Denn in den Ruinen, in denen gerade Pause ist, könnten sich die Fledermäuse ja schon wieder eingenistet haben. So knabbert das Großgerät Gebäude für Gebäude auf die Fundamente herunter. Wolfgang Spille: „Auf diese Weise können wir 24 Stunden arbeiten und müssen uns nicht nur auf die Nächte beschränken.“ Wo die Bagger einmal am Werk sind, lässt sich auch keine Fledermaus blicken.

Gibt es doch einmal Verzögerungen, weil zum Beispiel die Temperaturen unter die Fünf-Grad-Fluggrenze fallen, hat Wolfgang Spille einen Puffer eingebaut. Das ist die schon ziemlich ramponierte Werkstatt entlang des Hospital-Parkplatzes. Dort ist es selbst den Fledermäusen zu zugig, so dass das Abbruchunternehmen keine Rücksicht nehmen muss.

Die Mopsfledermaus ist übrigens nicht die einzige seltene Tierart, die sich auf dem Websaalgelände tummelt. Am Vorabend hat Axel Donning einen besonders großen Flieger ausgemacht. Einen Uhu. Der hat sich das Theater aber nur am Rande angeschaut und war danach wieder verschwunden.

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