Gesundheit Die Narben der jungen Flüchtlinge

KREIS STEINFURT -

Wichtige Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen wurden am Mittwoch im Gesundheitsausschuss vorgestellt. Viele Flüchtlingskinder leidet unter traumatischen Kriegserlebnissen.

Von Peter Sauer
Mit Einfühlungsvermögen und Fachkompetenz: Die beiden Ärzte Dr. Ulrich Pott und Dr. Anke Bösenberg (Sachgebietsleiterin Kinder- und Jugendgesundheitsdienst) kümmern sich im Kreis um die Gesundheit der Flüchtlingskinder.
Mit Einfühlungsvermögen und Fachkompetenz: Die beiden Ärzte Dr. Ulrich Pott und Dr. Anke Bösenberg (Sachgebietsleiterin Kinder- und Jugendgesundheitsdienst) kümmern sich im Kreis um die Gesundheit der Flüchtlingskinder. Foto: Peter Sauer

Deutschland einig Behördendeutsch. Jüngstes Beispiel: Flüchtlingskinder, die in die Schule kommen, heißen „Seiteneinsteiger“. Nach Definition des Schulministeriums NRW sind das Schüler, die innerhalb der letzten zwei Jahre aus dem Ausland zugezogen sind und häufig nur über sehr geringe oder gar keine Deutschkenntnisse verfügen. Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes ist es auch bei den Flüchtlingskindern eine schulärztliche Untersuchung durchzuführen. Schulpflicht besteht für Kinder von Asylbewerbern, sobald sie einer Gemeinde zugewiesen sind und ihr Aufenthalt gestattet ist. Hinzu kommen zugewanderte Kinder aus EU und Nicht-EU.

Im Gesundheitsamt des Kreises kümmern sich Dr. Anke Bösenberg und Dr. Ulrich Pott mit ihren Kollegen um die Flüchtlingskinder. Im Ausschuss für Gesundheit, Soziales, Integration und Bevölkerungsschutz berichtete Dr. Pott über die wichtigsten Ergebnisse.

Auch wenn der langjährige Kinderarzt sich manchen Anfeindungen aus der Bevölkerung erwehren muss, weil die ärztliche Beschäftigung mit Flüchtlingskindern von Kreis finanziert wird, macht er seine Arbeit sehr gerne. „Durch sie wird ja auch die Schulintegration optimiert.“ Mit Herzblut berichtet Ulrich Pott darüber, wie er sich – trotz starker Sprachbarrieren – mit seinen jungen Patienten verständigt: „Ich musste mir einfach ein paar zentrale Wörter wie `gut` oder `fertig`in der Landessprache aneignen. Dann klappt es.“ Ein Piktogramm hilft gut bei der Zahn-Untersuchung.

2106 ausländische „Seiteneinsteiger“-Kinder gehen im Kreis zur Schule. Bisher wurden rund 1000 untersucht. „Wir können pro Monat 100 Kindern untersuchen“, sagt Dr. Pott. „Jeder zweite Zugewanderte ist minderjährig. 85 Prozent sind männlich. Aus Syrien kommen 36 Prozent der Flüchtlinge in den Kreis, 17 Prozent aus Afghanistan und 13 Prozent aus dem Irak.“ Eine Ausnahme stellt Emsdetten dar. „Dort gibt es eine große Hähnchenfabrik, und die Bulgaren dort holen alle ihre Landsleute nach Emsdetten.“

Dr. Pott und seine Kollegen schauen nach dem Impfstatus der Flüchtlingskinder. 16 Prozent der letzten 400 Untersuchungen zeigen Auffälligkeiten an der Haut. „Hier spiegelt sich die Seele vieler traumatisierten Kinder wieder.“ Ein Kind fiel dem erfahrenen Arzt besonders auf. Die Haut war übersät mit ausgedrückten Zigarettenverbrennungen durch die Taliban. Pott wunderte sich. „Der Junge war furchtbar tätowiert, symmetrisch, mit auf der Haut ausgedrückten Zigaretten.“ Als er ihn fragte, sagte der Junge, er habe die von den Taliban verschonten Hautstellen selbst mit Zigarettenstummeln „symmetrisch ausgeglichen“, weil er sich für seine Verletzungen geschämt habe. Auch das sogenannte „Ritzen“ entdeckt der Arzt häufiger.

Ein Flüchtlingsjunge aus Hörstel lief bereits seit einem Jahr mit einem Sehkraft von nur noch 30 Prozent herum, bis Dr. Pott erkannte, das er auf einem Auge blind war. Der Junge hatte den Schlagstock eines türkischen Polizisten abbekommen. Pott sorgt jetzt dafür, dass der Junge in der Schule nicht hinter größeren Schülern sitzt, um alles gut sehen zu können.

Ziel der Untersuchungen ist es, Erkrankungen zu erkennen und an ihrer Heilung mitzuwirken. Für Dr. Pott gibt es große Vorteile: Die diagnostizierten Flüchtlingskinder können besser lernen, die Schulen erhalten Hilfestellungen für den Unterricht. Teure Folgekosten für die Gesellschaft werden vermieden, da Krankheiten nicht verschleppt werden. „Meine Vision ist es“, sagt der Kinderarzt, „dass die jungen Flüchtlinge sich so wertgeschätzt fühlen und somit auch immun werden gegen Propaganda aus dem eigenen Land.“

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