Thema Gesamtschule: Vier kompetente Gesprächspartner stellen sich unseren Fragen Annehmen oder ablehnen: ein komplexes Problem

Saerbeck -

13 Viertklässler aus Saerbeck sind in diesem Jahr trotz Anmeldung nicht an der Maximilian-Kolbe-Gesamtschule (MKG) zum Zuge gekommen. Diese Rekordzahl negativer Bescheide führt zu verstärktem Unmut und schärferen Protesten bei den betroffenen Familien und wohl auch zu Befürchtungen bei Eltern aktueller Drittklässler der St.-Georg-Grundschule. Nach der offiziellen Diskussion im Schulausschuss (Bericht in der Donnerstagsausgabe) hat unsere Zeitung nachgehakt und dafür Bürgermeister Wilfried Roos, den MKG-Schulleiter Karl Watermann, Schulamtsleiter Guido Attermeier und Monika Schmidt (CDU), Vorsitzende des Schulausschusses, an einem Tisch versammelt. Eine echte Lösung gab es am Ende des anderthalbstündigen Gesprächs nicht, aber die Bestätigung der Erkenntnis: Das Problem ist komplex. Diese Aspekte standen zur Diskussion:

Von Alfred Riese

Warum taugen Prognosen und Befragungsergebnisse über das Anmeldeverhalten in der Region nicht?

Lengerich und Tecklenburg haben im Vorfeld ihrer Gesamtschul-Neugründung eine regionale Elternbefragung durchgeführt und Zahlen hochgerechnet, wer aus welchem Ort wo wie viele Kinder in welchem Jahr anmelden könnte. Tatsächlich gab es dort viel weniger Anmeldungen, in Saerbeck auf der anderen Seite viel mehr als auch hier von Schule und Gemeinde erwartet. Schulamtsleiter Attermeier glaubt nicht, dass sich aus den aktuellen Zahlen weitere Prognosen ableiten lassen. Wenn sich die neue Schule in den beiden Nachbarkommunen etabliert, könnte sich auch das Anmeldeverhalten der Eltern in Lengerich, Tecklenburg und dem angeschlossenen Lienen ändern. Schon im nächsten Jahr könnten sich sowohl auswärtige wie Saerbecker Eltern denken, ihre Kinder hätten für die MKG ohnehin keine Chance und einen Bogen um die Schule machen. Kürzer formuliert es die Schulausschussvorsitzende Monika Schmidt: „Es ist zu viel im Fluss, der Elternwille lässt sich nicht vorhersagen.“ Hinzu kommen weitere, nicht vorhersagbare Faktoren. Der überraschende Schub aus Greven bestünde zu einem Gutteil aus „Familien, die sich bewusst für die MKG entscheiden“, sagte Schulleiter Watermann. Aus Lengerich, wo die Zahlen laut Prognosen gegen null gehen sollte, wären etliche Anmeldungen aus dem Bereich an der Gemeindegrenze gekommen.

Wie steht es mit der Bildung von Schuleinzugsbezirken, um die Anmeldezahlen insgesamt zu senken?

Klare Absage von allen Gesprächsteilnehmern. Schulamtsleiter Attermeier verweist darauf, dass es bei der Diskussion um die Gesamtschul-Neugründungen in der Nachbarschaft immer ernsthaft um die Bestandssicherung der MKG gegangen sei. Er befürchtet, dass eine Ausgrenzung zum Beispiel von Greven oder Lengerich/Tecklenburg nicht mehr rückgängig zu machen sein könnte, auch wenn die Anmeldezahlen in Zukunft vielleicht in den Keller rasseln. Das könnte etwa durch eine Rückkehr zum G9-Abitur an Gymnasien rasch eintreten und dann besonders die gefragte leistungsstarke Schülergruppe betreffen. Von der dreizügigen St.-Georg-Grundschule kommen insgesamt zu wenig Schüler und mithin auch zu wenig mit Gymnasialempfehlung. Auf 116 kommt MKG-Chef Watermann für dieses Jahr, wenn er nur die Anmeldungen aus Saerbeck selbst sowie den gesamtschullosen Nachbarorten Emsdetten und Ladbergen addiert, einschließlich der zugewiesenen Inklusionskinder. „Und das in einem Jahr mit tatsächlich hohen Anmeldezahlen“, warnt Schulamtsleiter Attermeier davor, dass mit Ausschlussbezirken rasch bestandsgefährdend niedrige Zahlen herauskommen könnten.

Warum spielt das Argument der Leistungsheterogenität eine so große Rolle?

Vom Grundansatz her soll die Gesamtschule das gegliederte System ersetzen können, erklärt Watermann. Dafür müsse sie die Verteilung der Schulformempfehlungen von Viertklässlern abbilden, früher je ein Drittel Gymnasial-, Real- und Hauptschüler, heute je etwa 40 bis 50 Prozent Gymnasial- und Realschulempfehlungen und bis 20 Prozent Hauptschulempfehlungen. Dabei seien die zugewiesenen Inklusionskinder gesetzt. Ohne einen ausreichenden Anteil leistungsstarker Schüler sei Gesamtschularbeit kaum möglich, so der MKG-Leiter.

Eine Folge: Zu wenig Anmeldungen mit Gymnasialempfehlung aus einem Ort bringen eine Unwucht in das Aufnahmeverfahren. Dieses Problem entsteht auch, weil das integrierte Gesamtschulsystem gegen ein nur noch teilweise vorhandenes gegliedertes Schulsystem steht, dem die Real- und Hauptschulen ausgehen. „Wir müssen insgesamt auch aufpassen, dass die Leistungsschwächeren nicht hinüber fallen“, sagt Schulamtsleiter Attermeier.

Wären feste Beschulungsvereinbarungen zum Beispiel mit Emsdetten und Ladbergen eine Lösung?

Diese beiden Kommunen würden sich „bedauerlicherweise an einer solchen Vereinbarung nicht beteiligen“, ist die Einschätzung von Bürgermeister Wilfried Roos. Eine abgestimmte, regionale Schulplanung sei nur sehr schwer anzustoßen. Und selbst wenn, wendet Schulamtschef Attermeier ein, „könnten wir nur das Angebot koordinieren, nicht die Entscheidungen der Eltern bestimmen“.

Welchen Einfluss hat die Inklusion?

Inklusionskinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, deren Eltern sie nicht an einer Förderschule anmelden, werden vom Kreis einer Regelschule des Gemeinsamen Lernens zugewiesen. Die Kritik, dass sich manche Kommunen und Schulen hier teilweise aus der Verantwortung herausnehmen, ist alt. Die Frage, warum in diesem Jahr eine insgesamt so hohe Zahl und dabei neben vier Inklusionskindern aus Saerbeck zusätzlich fünf Auswärtige an die MKG geschickt wurden, kann auch MKG-Leiter Watermann nicht beantworten.

Wie läuft die Diskussion im Kreis Steinfurt?

„Der Kreis hat das Thema erkannt“, sagt Bürgermeister Roos. Auch gebe es Proteste anderer Bürgermeister von Kommunen, die noch Hauptschulen haben, aber finden, dass die Nachbarorte sich selbst um ihre Kinder mit Hauptschulempfehlung und ohne Gesamtschulplatz kümmern müssten. Bei einer – faktisch bisher nicht existierenden – regionalen Schulplanung „stehen sich die Kommunen ein Stückweit selbst im Weg“, stellt Roos fest. Er hält es für eine Pflicht der Landesregierung nach der Wahl, kleinen Kommunen Lösungsmöglichkeiten für das Dilemma anzubieten. Ein Dilemma, von dem Saerbeck bei einem extremen Verhältnis von mehr als 1000 Schülern der weiterführenden Schule bei 7200 Einwohnern besonders betroffen ist.

Was bringt eine Resolution an die Landesregierung?

Den Willen im Rat dazu stellt Bürgermeister Roos klar fest. In Düsseldorf eintreffen solle die gerade in Arbeit befindliche Resolution noch vor dem Urnengang Mitte Mai, um das Thema möglichst wirksam im Wahlkampf zu platzieren. Die Forderung: Die MKG soll bevorzugt Kinder aus dem eigenen Ort aufnehmen dürfen.

Der Schuss könnte aber auch nach hinten losgehen, gibt Schulamtsleiter Attermeier zu bedenken, wenn Nachbarkommunen das gleiche Recht in Anspruch nehmen und Saerbecker an ihren Schulen abweisen. Zudem steht dem Resolutionsziel ein Urteil des Verwaltungsgerichts Münster aus dem Jahr 2003 entgegen, das eben diese Bevorzugung von Kindern aus dem Schulstandort verbietet, erinnert Roos.

Dass Eltern enttäuscht sind, dass es Ängste für das kommende Jahr gibt, dass das Auswahlergebnis als ungerecht und unangemessen empfunden wird, erkennen Roos, Watermann, Attermeier und Schmidt uneingeschränkt an. Ablehnungen für Saerbecker hat es indes über die Jahre immer gegeben, nur noch nie so viele. Prognosen sind nicht zuverlässig, der Elternwille scheint nicht vorhersehbar, die Rechtslage klar gegen die Saerbecker Ziele zu sprechen. „Das System des Auswahlverfahrens lässt sich nur landespolitisch ändern“, sieht Bürgermeister Roos an erster Stelle den Landtag in der Verantwortung, an die die Resolution erinnern soll.

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