Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant befragt Dr. Ulrich Peters über sechs Jahre Intendanz am Stadttheater Münster Zwischenbilanz

Es ist bereits unser drittes Interview. Dr. Ulrich Peters, Generalintendant des Theaters Münster, sitzt einmal mehr gut gelaunt in seinem Büro, allem Termindruck zum Trotze. Seit den Anfängen hat er hier mit seinem Team viel erreicht, was ihn stolz macht. Aber auch die kleinen Enttäuschungen verschweigt Peters nicht; zum Beispiel die mangelnde Neugier des hiesigen Publikums bei sperrigen Stücken. Typisch Münster? Fast scheint es so. Wenn aber politisch Brisantes auf die Bühne gebracht wird, wie in der vergangenen Spielzeit, sind die Sitzreihen meist voll. Am Ende sprechen wir über Reichsbürger, Islamismus und „gefährliche Stücke“.

Von Arndt Zinkant
Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant befragt Dr. Ulrich Peters über sechs Jahre Intendanz am Stadttheater Münster : Zwischenbilanz
Dr. Ulrich Peters ist seit August 2012 Intendant des Stadttheaters Münster. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Zurzeit dreht sich die Welt wieder mal ums runde Leder. Hat der Fußball Berührungspunkte mit dem Theater?

Eine Gemeinsamkeit ist, dass wir begeistern wollen – ebenso, wie es die Fußballer im Stadion mit ihren Zuschauern machen. Ich war auch mal in Bremen tätig, und da gab es eine Zusammenarbeit zwischen Werder und dem dortigen Theater. Das hat toll funktioniert: da kamen die Fußballer ins Theater, und die Künstler gingen auch ins Stadion. So weit sind wir hier in Münster leider noch nicht. Was aber auch an mir liegt, denn Fußball steht nicht oben auf meiner Prioritätenliste. Ich verzeihe umgekehrt aber auch all jenen, die lieber ins Stadion als ins Theater gehen. (lacht) 

 

Hatten Sie anfangs einen Masterplan für Münster?

Im Prinzip schon. Mit Fabrizio Ventura, dem früheren Chefdirigenten, mit dem ich sehr gerne zusammengearbeitet habe, habe ich quasi Fünfjahrespläne erstellt, die wir im Großen und Ganzen auch umgesetzt haben, wenn auch nicht sklavisch. Aber wir haben überlegt: Was fehlt? Was wollen die Münsteraner? Was ist modern und was Blockbuster? Im Schauspiel haben wir ganz klar gesagt: Es muss einen Klassiker geben, den wir befragen. Das ist in dieser Spielzeit „Wilhelm Tell“. Es muss im Großen Haus auch eine große Komödie geben, aber daneben etwas Modernes, durchaus mit dem Risiko, dass die Platzausnutzung nur bei 50 Prozent liegt. Im Kleinen Haus ist es ähnlich. Auch dort gibt es immer eine schrille Komödie; jetzt z.B. „Amphitryon“, die ganz hinreißend geworden ist, wie ich finde.

 

Und sonst?

Wichtig war mir auch, dass man das Theater wieder zum Gesprächsthema in der Stadt macht – was bei den Münsteranern nicht ganz einfach ist. Selbst nach sechs Jahren habe ich immer noch das Gefühl, dass sie bei Unbekanntem zu zögerlich sind. Diese „Ur-Neugierde“, die ich im Süden kennengelernt habe, ist hier weniger ausgeprägt. Kurios, aber man hat das Gefühl, der Münsteraner würde gern ein Stück vorab anprobieren - wie beim Schuhekaufen! 

 

Würden sie eine Zwischenbilanz ziehen?

Nach sechs Jahren kann man das. Wir haben insgesamt eine tolle Arbeit hinbekommen. Vor allem erhalte ich immer wieder Zuspruch für die Bühnenbilder, dafür verdienen die Werkstätten in Roxel und die Maske ein ganz großes Lob. Die sind besser als das, was ich vorher in München hatte. Frank Behnke hat ein bombiges Schauspielensemble zusammengestellt, ebenso Hans Henning Paar mit seinen Tänzern. Alles in allem brauchen wir uns sicher nicht hinter Dortmund oder Essen zu verstecken, auch was die Sänger anbelangt.   

 

Momentan wird ja wieder über eine mögliche Musikhalle diskutiert…

Es ist eine Schande, dass man überhaupt das Wort „Diskussion“ benutzen muss; dass Münster als Kulturstadt, die sie ja sein will, keinen Konzertsaal hat, und andere Städte in der Haushaltssicherung leisten sich einen… Wird hier die Wichtigkeit von Konzertmusik für den Menschen nicht erkannt? Allein dieser Streit „Hörsterplatz oder Hittorfstraße“ ist indiskutabel. Das hatten wir doch eigentlich hinter uns – nun müsste jemand mal eine Entscheidung treffen, statt immer nur zu diskutieren, und sagen: „So machen wir es jetzt einfach!“ 

 

Schaut man ins Programmheft, scheint sich Ihre Prognose zu bestätigen, dass Wagner und Strauss nicht mehr zu stemmen sind. Oder haben Sie noch was in petto?

Hmmmh.... Ja! Im nächsten Jahr gibt es einen schönen, großen Strauss, und Golo Berg würde niemals lockerlassen, was Wagner angeht. Leider wird uns die Finanzierung erschwert, weil wir keine Rücklagen bilden dürfen. Ich kann also nicht sagen: „In der nächsten Spielzeit will ich „Lohengrin“ machen, deshalb spare ich mir ein wenig auf.“ Leider muss ich immer alles ausgeben – was mir natürlich nicht schwerfällt!

 

Warum ist das so?

Weil wir eben nur das „Amt 46“ sind. Mir wird immer fast schlecht, wenn ich Briefe bekomme mit der Adresse „Dr. Ulrich Peters, Amt 46“. Ich bin der Generalintendant eines Theaters! Diese Bürokratie macht es so schwer – im Grunde müsste ich Geld vergraben… und könnte dann sagen: „Leute, ich habe noch etwas unter der Bühne gefunden!“ (lacht)

 

Stimmt mein Eindruck, dass das Theater seit Ihren Anfängen immer politischer geworden ist?

Ja – und ich glaube auch, dass es die Aufgabe von Theater ist, gesellschaftspolitisch Position zu beziehen. Mein Vorwort zum aktuellen Theaterheft ist das politischste, was ich bislang geschrieben habe. Es geht dabei aber nicht um Tagespolitik, sondern um größere Zusammenhänge. Eigentlich ist auch jede „Don Giovanni“-Inszenierung gesellschaftspolitisch.

 

Ihr Vorwort erinnerte mich etwas an die Reden von Fernseh-Intendanten. Motto: „Lieber verängstigter Bürger, glaube nicht an Fake News, halte dich an uns!“

Vertrauen ist das Stichwort. Ich kann mich an eine Neujahrsansprache des Oberbürgermeisters erinnern, da sprach er davon, wie wichtig Vertrauen ist. Und ich dachte mir: „Das ist ein Thema – diese absurde Angst, die nicht wirklich zu fassen ist!“ Nehmen Sie ganz aktuell das Selbstmord-Attentat von Münster – das lähmt uns sofort mit Angst. Und ruft jene Populisten auf den Plan, die Sicherheit versprechen, wenn sie erst an der Macht wären. Das finde ich furchtbar. Und außerdem steht alles in einem großen Buch geschrieben, davon bin ich überzeugt. Wenn ich morgen mit dem Flugzeug abstürze, stand das in diesem Buch geschrieben, da bin ich Fatalist.

 

Allerdings hat das Theater ja ebenfalls „Angst-Stücke“ auf die Bühne gebracht. Zum Beispiel „Je suis Fassbinder“, das kurz vor der Bundestagswahl Premiere hatte. Da wurde auf der Bühne in einer Schlussrede explizit vor der AfD gewarnt. Ist das wirklich die Aufgabe des Theaters?

Es geht darum, die Dinge zu hinterfragen, den Populisten keinen Raum zu geben. Es gibt keine einfachen Antworten auf die komplexen Dinge in der Welt. Ich bin immer skeptisch, wenn mir jemand erzählt, er habe einfache Antworten. Und bei diesem Stück geht es nicht um Angstschüren, sondern um eine Katharsis, die wir beim Publikum erzeugen wollen. Auch durchaus Widerspruch erschaffen: „Schaut mal her: Sollten die Dinge so sein oder anders? Denkt darüber nach!“ Das war eines der bestbesuchten Stücke der Spielzeit - hätte ich gar nicht gedacht. Man weiß es vorher nie!

 

Das Stück „Der Reichsbürger“ war sogar eine Auftragsarbeit. Wie ist in so einem Fall das Prozedere – von der Idee bis zur Produktion?

Schauspieldirektor Frank Behnke kam mit diesem Vorschlag, weil das Reichsbürger-Thema gerade so virulent ist. Ob ich das Interesse und das Geld dafür übrig hätte. Als ich den Text dann erstmals las, konnte ich gar nichts damit anfangen, denn es war mir zu „papiern“. Autor, Regisseurin und Dramaturgin sind dann noch mal intensiv drangegangen – und plötzlich hat‘s funktioniert. Es ist ein ganz gefährliches
Stück geworden.

 

Gefährlich?

Ja – weil man diesem Reichsbürger anfangs ziemlich auf den Leim geht: „Ja, da hat er eigentlich recht – und da hat er auch recht...“ und erst allmählich merkt man, in welche Sackgasse man mit diesem Zustimmen gerät. Ich selber dachte: „Klar möchte man gern in einem Multikulti-Kiez leben – aber wenn das eigene Kind in einer Schule mit 80 Prozent Ausländeranteil ist, sollte man dann nicht besser woanders hinziehen?“ – Das geht ruckzuck, da kann man noch so aufgeklärt sein.

Jetzt könnte man ganz gemein fragen: Wozu so ein Stück in Münster? Wir sind doch gar nicht gefährdet - die AfD hatte hier das schlechteste Ergebnis überhaupt.

Man sollte sich nicht vormachen, dass wir die eventuell „Gefährdeten“ wirklich ins Theater kriegen. Es kann dem Normalbürger aber die Augen öffnen, damit er in Diskussionen die passenden Argumente parat hat. Gerade als wohlsituierter SUV-Fahrer in Münster sagt man vielleicht: „Was gehen mich die Reichsbürger an?“ – Aber dann denkt er hoffentlich: Vielleicht geht es mich doch was an – und geht ins Theater. In der nächsten Spielzeit wird es wieder aufgenommen, weil es sehr gut besucht ist. Mit anschließender Podiumsdiskussion.

 

Vielen Kulturschaffenden ist dagegen das Thema Islam bzw. Islamismus zu heikel. Wenn nun ein fähiger Autor zu Ihnen mit einem Stück darüber käme…

Dann würden wir es ebenfalls sofort machen. Neulich las ich von einem anerkannten Asylbewerber, der seine Zweitfrau nebst vier weiteren Kindern nachholen wollte. Da stoße ich dann schon an meine Grenzen: Bei uns gibt es nun mal keine Zweitfrau. Über dieses Problem würde ich sofort ein Stück machen. Übrigens hatten wir ja mit „Geächtet“ ein Stück im Spielplan, wo ein islamisch fanatisierter Pakistani in New York auftrat. Ein sehr gutes Stück, das zu vielen Diskussionen geführt hat. Integration ist einfach
wahnsinnig schwierig.

 

 

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Dr. Ulrich Peters

Peters wurde 1955 in Stuttgart geboren, und das Schwabentum hört man ihm auch an. Er studierte in München Literatur-, Theater-, und Musikwissenschaft, ferner Betriebswirtschaft (Schwerpunkt Unternehmenskultur und Marketing) und arbeitete bereits während seines Studiums regelmäßig als Regieassistent bei namhaften Regisseuren in Stuttgart, München und Strasbourg. Seit August 2012 ist Peters Intendant unseres Stadttheaters, hält dort organisatorisch alles zusammen, lässt sich aber die Freude des Regieführens deshalb nicht entgehen.

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