Stadtgeflüster-Interview: Tom, Kurt Schulte und die Annullierung Ja, aber...

Gott ist groß, Gott ist allmächtig. Schütze dich vor dem Zorn Gottes. Aber bis wir Gott sehen und mit ihm über Recht und Richtigkeit, vielleicht den Sinn sprechen können, ist es in den meisten Fällen noch eine Weile hin? Was ist, wenn eine Ehe nicht so verläuft, wie man es sich wünscht? Das ist eine schwerwiegende Angelegenheit – denn wer will schon scheiden, was Gott zusammengeführt hat? Aber da hat die Kirche natürlich eine Lösung parat: Den Codex Iuris Canonici. Es gibt nichts, was in dem Gesetzbuch
der römisch-katholischen Kirche nicht geregelt ist.

Von Stadtgeflüster
Stadtgeflüster-Interview: Tom, Kurt Schulte und die Annullierung: Ja, aber...
Kurt Schulte steht als Dompropst des St.-Paulus-Doms in Münster an der Spitze des Domkapitels. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Kurt, du bist als Dompropst ja nicht nur der Hausherr im Sankt-Paulus-Dom. Du stehst überdies dem Bischöflichen Offizialat vor, dem sogenannten „Kirchengericht“. Prinz Harry hat die Tage seine Meghan geheiratet – und nehmen wir mal an, sie wäre schon kirchlich verheiratet gewesen. Was müsste vorliegen, damit du die Ehe scheidest?

Wir müssen hier kurz eine Begrifflichkeit klären. Scheiden können Familiengerichte. Wir annullieren. Das soll heißen, dass wir an den Anfang zurückkehren und schauen, ob die Ehe gültig geschlossen wurde. Bei Meghan muss ich dich allerdings enttäuschen, denn für Fürstenhäuser ist der Papst zuständig. Ich kümmere mich um das Bistum Münster und Island. Für alle Fürstenhäuser ist von Alters her der Vatikan zuständig. Das Ganze ist dem geschuldet, dass die gute Queen dem Erzbischof von London auf die Finger haut und von ihm erwartet, dass er ihrem Enkel die Hochzeit möglich macht. Das gilt für alle Regierungsoberhäupter und Fürstenhäuser.

 

Was regelt das Kirchengericht in der Ehefrage?

Zwei Menschen sagen „Ja“ zueinander, wollen das Leben miteinander teilen. Das ist großartig und das Beste, was einem passieren kann. Wir in der Katholischen Kirche sagen, dass mit dem „Ja-Wort“ Folgendes verbunden ist: Ein Leben lang miteinander verbunden zu sein, dass man sich treu ist, dass man eine Familie gründen möchte und dass man partnerschaftlich miteinander umgeht und lebt.

 

Versteht sich.

Wenn jetzt aber jemand sagt, er bräuchte eine Frau für die Reputation und eine zweite für die Liebe. Ich heirate dich jetzt, aber wenn der Typ Mann oder der Typ Frau mir über den Weg läuft, dann schicke ich dich in die Wüste. Also wenn man mit dem Vorsatz in die Ehe geht, dass man nicht treu sein möchte, und sagt: Ich will nicht bis zum Tod mit dir zusammensein und schon gar nicht wünsche ich mir Kinder. Somit bestünde nun die Möglichkeit für uns, eine Ehe zu annullieren, weil die Voraussetzung für eine gültige Ehe nicht gegeben waren.

 

Wie ist es da mit der Beweisführung. Ist die nachweislich möglich?

Schwierig. Es wird uns nachgesagt, dass die Betreffenden uns das Blaue vom Himmel erzählen können. Das stimmt natürlich. Es sind durchaus Gründe, die im Intimbereich liegen oder die Partner nur miteinander besprechen. Einer von beiden kommt zu uns und sagt, dass die Ehe nicht gültig geschlossen wurde – und führt einen Grund an. Wir versuchen dann, das Ganze zu verstehen, den Wahrheitsgehalt zu prüfen. Es kommt in solchen Fällen zur Anhörung von Trauzeugen, Eltern und Geschwistern.

 

Was Gott zusammengeführt hat, soll der Mensch nicht trennen. Daran muss man sich jetzt nicht mehr halten?

Doch, daran muss man sich halten. Man muss sich aber die Folgen dieses Jawortes vor Augen führen: Ihr dürft ein ganzes Leben lang zusammen sein, Trennen ist nicht. Also müssen wir schauen: Ist die Voraussetzung an dieses Jawort, damit es wirklich gültig zustande kommt, gegeben?

 

Ich weiß, was du meinst, verstehen wird es keiner. Das musst du mir bitte anders erklären.

Okay. Früher im Sandkasten haben wir alle Hochzeit gespielt, unsere Sandkastenliebe geheiratet. Das hat bis zum Abendessen gehalten und da kam dann keine gültige Ehe zustande. Also ist uns doch allen klar, nur Hochzeit spielen funktioniert nicht. Es muss ernst gemeint, die richtige Intention vorhanden sein. Das Kirchenrecht sagt nun, es gibt gewisse Voraussetzungen, dass eine Ehe Gültigkeit erlangt.

 

Wenn wir das Ganze noch einfacher runterbrechen, wird es vermutlich noch verständlicher. Lass es uns probieren.

Wir gucken uns sehr genau an, wie eine Ehe zustande gekommen ist. Ist sie vollzogen? Wie war die Situation beim Jawort? Nimm etwa den Heiratsschwindler. Der sagt, ich liebe dich, aber er meint das Portemonnaie. Uns ist klar, wenn das ans Tageslicht kommt, kann es ja keine gültige Ehe sein.

 

Letztendlich geht es um Betrug gegenüber seinem Partner?

Es geht jedenfalls nicht darum, dass ein Schalke-Fan sagt, ich bin BVB-Fan, damit ihn eine Dortmunderin heiratet. Da geht es schon um schwerwiegende Dinge. Der eine sagt, ich will mindestens eine Fußballmannschaft an Kindern. Der andere sagt sich jetzt, ich kann keine Kinder zeugen oder bekommen, verheimlicht das aber, damit eine Heirat stattfindet. Da sagen wir, da ist das Recht des Partners auf eine freie Entscheidung dermaßen beschnitten, dass aus diesem Betrug, aus diesem Verschweigen, keine gültige Ehe zustande kommen kann.

 

Jetzt kommt der Sex ins Spiel?

Ja, sie müssen auch miteinander geschlafen haben.

 

Das führt doch niemand wirklich an?

Doch. Ich habe vorher auch gedacht, das gibt es gar nicht. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

 

Ich habe hier ein Gutachten …, oder wie!?

Wir gehen davon aus, wenn beide Parteien uns das glaubhaft darlegen, dass sie nie miteinander geschlafen haben. Da muss man natürlich schauen, was sind die Gründe, was steckt dahinter? Und gerade, weil die Kirche sagt, die Ehe muss vollzogen sein, und in einer Gesellschaft, wo Sexualität so wichtig ist, kann man sich das nur schwer vorstellen. Aber glaube mir, es gibt Gründe, die uns zur
Annullierung bewegen.

 

Aber trotzdem erscheint es mir für euch schwer, zu überprüfen, ob eine Ehe vollzogen wurde, oder nicht?

Jeder der hier aussagt, tut dies unter Eid. Hier kommt niemand hin, der einfach mal eine Annullierung seiner Ehe wünscht. Das ist ein wohlbedachter Schritt, den wir in Vorgesprächen prüfen und schauen, ob Aussicht auf Erfolg besteht.

 

Was sind die am häufigsten angeführten Annullierungsgründe?

Mit Sicherheit die Treue. Häufig sind es Männer, die Nebenbeziehungen führen, und das bereits vor der Eheschließung. Dicht gefolgt wird das Ganze von dem gemeinsamen Kinderwunsch, der es am Ende doch nicht war. Und nicht unterschätzen darf man die Mussheiraten von früher, wo kein eigener reiflicher Entschluss vorhanden war.

 

Wie oft sitzt du in deinem Stuhl und kommst aus dem Lachen nicht mehr raus?

Bei den Annullierungsverfahren ist das sicherlich anders. Bei aller Tragik, die so ein Scheitern mit sich führt, muss man schon schmunzeln, wenn man Sachverhalte liest. Wie alleine so manche Hochzeitsfeier gelaufen ist, was Offensichtliches vorlag und trotzdem geheiratet wurde.

 

Hast du hier schon mal wen rausgeschmissen?

Natürlich. Es gibt schließlich nichts, was es nicht geben kann. Ich habe den Seitensprung in der Hochzeitsnacht erlebt. (lacht) Also ich war nicht dabei. Auf der Hochzeitsfeier ist der Bräutigam mit der Ex-Freundin in eine Kammer verschwunden. Da kommt am Ende ja nichts Gutes bei raus. Außer vielleicht bei Boris Becker. Für eine solche Ehe gibt es sicherlich keine Rettung mehr. Aber ganz wichtig erscheint mir, dass es bei uns nicht um Schuld oder Unschuld geht. Wir sitzen da nicht mit erhobenem Zeigefinger. Aber manchmal müssen wir schon schlucken, was so möglich ist. An Schönem wie auch an Enttäuschendem. Das Schöne bezog sich nicht auf das Ehegericht. Hier gibt es wahrlich nichts zu feiern. Alle kommen mit einer Geschichte des Scheiterns.

 

Da stellt sich mir eine elementare Frage: Können wir eigentlich vor Gott scheitern, der unsere Schwächen doch erkannt hat und reihenweise vergibt, nachdem ihn sein Sohn Jesus am Kreuz darum gebeten hat?

Da packst du für uns in die Nesseln. Auf der einen Seite steht die Ehe vor Gott geschlossen unter seinem Segen und trägt das Gelingen schon in sich. Gleichzeitig wissen wir alle, dass wir Menschen mit Fehlern und Schwächen sind. Somit gehört das Scheitern zum Menschsein dazu. Und wie du schon richtig angeführt hast, hat Jesus viele Menschen scheitern gesehen und für sie um Vergebung gebeten. Wichtig ist am Ende das Aufstehen. Hier bei der Ehe bewegen wir uns von der Kirchenseite aus in einer ewigen Spannung, wo der jetzige Papst uns geholfen hat und uns sehr deutlich ins Stammbuch geschrieben hat.

 

Was hat der Papst auf den Weg gebracht, was euch am Ende die Arbeit erleichtert?

Bei der Ehe stand die Unauflöslichkeit bislang ganz oben. Wir waren sozusagen die ersten Verteidiger der Unauflösbarkeit. Der neue Papst sagt nun, dass der Mensch schwach ist, scheitern kann. Jesus hat uns immer wieder einen Neuanfang ermöglicht. Und das sollen wir Menschen am Ende des Scheiterns einer Ehe auch ermöglichen. Wofür wir keine Lösung haben, ist für Menschen, die bereits drei oder vier Mal verheiratet waren.

 

Klingt versöhnlich – und vor allem nimmt es einem gläubigen Menschen ein Stück weit die Angst vor dem Scheitern.

Unser Ziel ist es, einen Neuanfang zu ermöglichen. Was wir die ganze Zeit vergessen: Es sind ja nicht nur die Betrugsfälle. Was machen wir mit Menschen, die verlassen wurden? Die aber einen neuen Start wünschen – und das im heiligen Bund der Ehe. Auch denen sollen die Vorgaben von Papst Franziskus helfen. Damit sorgte er in der Öffentlichkeit für deutlichen Zündstoff. So wird Barmherzigkeit sehr unterschiedlich aufgefasst.

 

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Kurt Schulte

Der 1965 geborene Hausherr des Doms zu Münster Kurt Schulte ist viel mehr als der Schließer der Kirche. Der Dompropst steht an der Spitze des Domkapitels und wählt dementsprechend auch den Bischof. Wie sollte es anders sein, leitet er auch das Kirchengericht. Den Bischof wählt er natürlich nicht alleine, das macht das ganze Domkapitel.

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