Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant befragt Dr. Joachim Wagner über muslimische Vielehen in Deutschland Nimm zwei

Die europäische Vorstellung vom Harem ist meist exotisch. Märchenhaftes aus dem Orient, das sich auch bei Mozart oder Karl May findet. Und doch war Vielweiberei im Islam Realität - und ist es bis heute. Auch in Deutschland. Ein ernstes moralisches Thema, das Frauendiskriminierung und Sozialbetrug einschließt. Das sollte man nüchtern und seriös kritisieren. Wie der ARD-Fernsehjournalist und Autor Joachim Wagner es in seinen Büchern („Die Macht der Moschee“) tut. Deshalb haben wir mit ihm gesprochen.

Von Arndt Zinkant
Stadtgeflüster-Interview: Arndt Zinkant befragt Dr. Joachim Wagner über muslimische Vielehen in Deutschland: Nimm zwei
Joachim Wagner ist ein bekannter Journalist und promovierter Jurist. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Hand aufs Herz: Hat nicht jeder Mann irgendwann mal vom eigenen Harem geträumt?

Natürlich träumen viele Männer von einer Zweit- oder Drittfrau, und einige leben diesen Traum auch, indem sie neben der Ehefrau eine oder sogar zwei Geliebte haben. Mit diesem Argument verteidigen sich auch viele muslimische Männer hierzulande, die in polygamen Ehen leben. Es gibt nur einen, allerdings wichtigen Unterschied: Vielehen sind religiös legitimierte und formalisierte, auf Dauer angelegte Lebensgemeinschaften. Verhältnisse mit Geliebten sind dagegen zunächst informell und nicht auf Dauer angelegt – es sei denn, sie münden eines Tages in formelle Ehen.

 

In Ihrem Buch „Richter ohne Gesetz“ schreiben Sie über die muslimische Vielehe ein ganzes Kapitel. Wie wichtig ist dieser Aspekt für das Thema „Islam in Deutschland“?

Trotz des Verbots der Polygamie gehört die Mehrehe heute zur Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland, nicht offiziell, aber im Geheimen. Vielehen sind hierzulande kein Massenphänomen, aber auch keine Einzelfälle. Aus Befragungen zum Thema islamische Paralleljustiz weiß der Islamrechtler Mathias Rohe, dass das „Phänomen“ der Polygamie zum Beispiel in Berlin „sehr verbreitet ist“. Kenner der arabischen Szene schätzen den Anteil arabischer Männer mit Zweitfrauen in der Hauptstadt auf 20 bis 30 Prozent. Die Zuwanderung wird dieses Problem hierzulande verschärfen. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz hatten die betroffenen Gemeinden mit erheblichen rechtlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil Vielehen in Deutschland illegal sind. Der Koran jedoch erlaubt die Ehe mit bis zu vier Frauen. Und diese Chance nutzen viele Männer aus rein egoistischen Gründen: Zur Befriedigung ihrer Triebe und zur Demonstration ihrer Potenz.

 

Man hat den Eindruck, dass das Ganze auch viel mit männlichem oder gar „königlichem“ Statusdenken zu tun hat. Stichwort „Harem des Sultans“…

In muslimischen Ländern können sich in der Regel nur wohlhabende Männer mehrere Frauen leisten. In Deutschland können das auch ärmere, weil der Staat polygame Ehen häufig über Hartz IV finanziert. Das gelingt ihnen mithilfe eines juristischen Tricks: Der Mann bildet mehrere Bedarfsgemeinschaften mit seinen Frauen. Die Zweitfrau erklärt gegenüber der Arbeitsbehörde wahrheitswidrig, dass sie den Vater des Kindes nicht kennt und das Kind unehelich geboren sei. Schon genießt sie Anspruch auf Hartz IV, weil sie mit dem Kind in einer eigenen Bedarfsgemeinschaft lebt. Alleinerziehende mit Kindern gibt es in muslimischen Gesellschaften eigentlich nicht, weil außereheliche Verbindungen dort geächtet sind.
Das gilt auch für die Diaspora hierzulande. Der Betrug ist nur möglich, weil die Zweitfrau mit dem polygamen Mann in der Regel nur religiös verheiratet ist und der deutsche Staat von ihr nichts erfährt. Diese sogenannten Imam-Ehen sind in der muslimischen Community genauso anerkannt wie vor dem Standesamt geschlossene. Wenn man in Neukölln recherchiert, wundert man sich, welche Männer in welchen Milieus sich mehrere Frauen leisten können und dazu noch für vier bis sechs Kinder sorgen. Wenn man nachhakt, erklären Mitarbeiter der Arbeitsagenturen, Sozialarbeiter und Integrationsbeauftragte das Phänomen. 

 

Haben Sie Kenntnis über die Zufriedenheit der Frauen in solch polygamen Gemeinschaften?

Vielehen werden in zwei Formen gelebt: offen mit Kenntnis der Ehefrauen voneinander oder versteckt, wo eine Ehefrau von der Existenz einer Zweitfrau nichts weiß. In den meisten Fällen fliegen die versteckten Zweitehen irgendwann auf, manchmal nach Wochen oder Monaten, in einigen Fällen auch erst nach Jahren. Alle Frauen in Zweitehen, die ich gesprochen habe oder deren Geschichten ich kenne, haben in polygamen Ehen massiv gelitten. Die in einer Doppelehe lebende Syrerin Mushira zum Beispiel, die ihrem nach Deutschland geflüchteten Mann Ahmad nach Niedersachen gefolgt ist, wollte sich wieder scheiden lassen, als sie erfuhr, dass ihr Mann heimlich auch noch Tamara geheiratet hatte. Sie sagte: „Manchmal frage ich, warum Gott die Vielehe erlaubt hat, obwohl sie Frauen doch so verletzt…Jede Frau wünscht sich, dass sie einen Mann allein hat“.

 

Welche Möglichkeiten in puncto Scheidung hat diese Frau?

Wenn Frauen von einer Zweit- oder Drittfrau erfahren, lassen sich einige scheiden. Das ist nach meiner Erfahrung aber nur eine Minderheit. Die meisten ertragen das eigentlich unerträgliche Leben in einem Mini-Harem. Ist eine Ehe in Deutschland staatlich geschlossen, ist die Scheidung kein Problem. Hohe Hürden sind für Frauen dagegen zu überwinden, wenn die Ehe nur religiös – in einer Moschee – geschlossen worden ist. Von diesen Imam-Ehen können sich Männer leicht einseitig lösen, wenn sie ein bestimmtes Verfahren einhalten. Frauen können das nicht. Sie sind eigentlich auf Gerichte angewiesen, die es nur in muslimischen Ländern gibt. In Deutschland müssen dann Imame oder Heiratsbüros diese Aufgabe übernehmen. Und die sind nicht immer leicht zu finden, weil viele sich für nicht zuständig erklären. Eine typische Diskriminierung von Frauen im islamischen Familienrecht, der Scharia.

 

Bereits im Jahr 2016 wurde gemeldet, dass der damalige Justizminister Maas die Bigamie strikt verbieten wolle. Aber wie wirksam kann ein Verbot sein, wenn Muslime ohnehin kein Interesse an staatlicher Anerkennung ihrer Zweit- oder Drittfrauen haben?

Die Bigamie ist zivilrechtlich verboten und nach unserem Strafgesetzbuch sogar strafbar. In der Praxis wird sie jedoch meist geduldet, weil ihrer strafrechtlichen Verfolgung mehrere rechtliche Hürden im Wege stehen. Die höchst Hürde: Imam-Ehen existieren nach deutschem Recht nicht. Deshalb sind die nur religiös geschlossenen Ehen mit Zweit- oder Drittfrauen bei uns ungültig, obwohl es sie gibt.

 

Ist jeder Imam verpflichtet, eine gewünschte Ehe abzusegnen, oder darf er Zweifel anmelden?

Imame richten sich bei der Eheschließung und Scheidung nach der Scharia. Die eröffnet Spielräume, die sie aber häufig nicht nutzen. Bei Kinderehen zum Beispiel fragt ein Geistlicher die Braut nicht, ob sie freiwillig vor ihm steht. Und er fragt vor einer Trauung nur die Frauen, ob sie bereits verheiratet seien, nicht aber die Männer. Der Grund: Bei ihnen gibt es keinen Grund für die Frage, weil sie ja bis zu vier Frauen haben dürfen. Eine eklatante Ungleichbehandlung der Geschlechter.

 

Überprüfbar ist die Mehrfach-Ehe, geschlossen gemäß Scharia, bislang nicht, weil kein zentrales Melderegister existiert. Könnte der Staat so etwas durchsetzen?

Das wird rechtlich schwerfallen. Was der Gesetzgeber aber könnte, ist den Vorrang der staatlichen vor der religiösen Trauung wieder einzuführen. 2009 hat der diesen Vorrang durch eine Änderung des Personenstandsgesetzes aufgehoben, ohne die Folgen für muslimische Zwangs-, Kinder- und Vielehen zu erkennen. Vor der Gesetzesänderung durfte ein Imam ein Paar nur trauen, wenn es vorher standesamtlich getraut war. Für die katholische und evangelische Kirche war das selbstverständlich. Aber für Imam-Ehen hatte die Gesetzesänderung zur Folge, dass die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen bei der Eheschließung vertieft wurde. Leider hat der Gesetzgeber trotz vieler Hinweise, zum Beispiel von „Terres des Femmes“, diesen Vorrang nicht wieder eingeführt – nur zum Schutz vor Kinderehen hat er ihn jüngst wieder ins Gesetz geschrieben.  

 

Wie lautet Ihre Prognose in puncto „Scharia-Rechtsprechung“?

Durch die Zuwanderung werden die muslimischen Parallelgesellschaften weiter wachsen, weil Syrer und Afghanen bevorzugt zu ihren Landsleuten ziehen und sie dort billigen Wohnraum finden. Diese Entwicklung ist bereits heute zu beobachten, zum Beispiel in Hamburg. Dadurch steigt auch die Gefahr, dass die Bedeutung der islamischen Paralleljustiz steigt. Das ist eine informelle Laienjustiz, die in der Kulisse der Strafjustiz versucht, durch die Manipulation von Zeugen den Strafanspruch unseres Rechtsstaates zu unterlaufen – in der Regel gegen Zahlung einer beträchtlichen Summe. Täter- und Opferfamilien verfahren nach dem Motto: „Wir regeln das unter uns“.

 

Noch etwas Positives zum Schluss: Was gefällt Ihnen persönlich an der islamischen Kultur?

Bei Reisen in muslimischen Ländern Höflichkeit und Gastfreundschaft.

 

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Joachim Wagner

Der bekannte Fernsehjournalist (früher Leiter des NDR-„Panorama“-Magazins) ist promovierter Jurist. Von 1974 bis 1979 hatte er eine Assistenzprofessur an der FU Berlin und war 1975 als wissenschaftlicher Berater des Bundeskanzleramtes tätig. Ab 1979 war Wagner politischer Redakteur beim NDR. Außerdem freier Mitarbeiter bei Stern, Süddeutsche Zeitung und Die Zeit. Der heute 74-Jährige hat viele Bücher zum Thema Recht veröffentlicht. In „Richter ohne Gesetz“ (Econ) und „Die Macht der Moschee“ (Herder) beleuchtet er die rechtliche Seite des Islams in Deutschland.

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