Stadtgeflüster-Interview: Cynthia Maisonneuve erzählt Dominik Irtenkauf vom Verlust ihres Bräutigams Verliebt, verlobt, verheiratet

Mai. Der Hochzeitsmonat. Nicht nur in England. Aber: Was ist der denkbar größte anzunehmende Unfall im Leben einer Zivilperson? Doch sicher, wenn am Hochzeitstag – eine Stunde vor der Trauzeremonie – der Herzallerliebste wegläuft. So geschehen bei Cynthia Maisonneuve auf Hawaii. Im Interview nimmt sie kein Blatt vor den Mund, sah jedoch in dieser Tragödie die Chance für einen Neuanfang.

Von Dominik Irtenkauf
Stadtgeflüster-Interview: Cynthia Maisonneuve erzählt Dominik Irtenkauf vom Verlust ihres Bräutigams: Verliebt, verlobt, verheiratet
Cynthia Maisonneuve sah in einer Hochzeitstragödie die Chance für einen Neuanfang. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Am Altar stehengelassen – wie verarbeitet man sowas?

Es war für mich ein vernichtendes Erlebnis. Dennoch habe ich schnell gemerkt, dass mir im Rückblick nichts Besseres hätte passieren können. Es hat mein Leben geprägt.

 

Wie hast du deinen damaligen Verlobten getroffen?

Das erste Mal habe ich ihn bei einem Baseballspiel gesehen. Ich wusste damals, dass ich mich für ihn interessierte, wir hatten viele gemeinsame Interessen; führten eine gute Beziehung. Seit ich klein war, hatte ich den Traum, jung zu heiraten, eine Familie zu gründen. Die Generation vor mir hat noch früher geheiratet und Kinder bekommen. Die neue Generation wartet jetzt bis in ihre Dreißiger. Jedenfalls dachte ich, ich hätte den Mann fürs Leben gefunden.

 

Erstens kommt es anders, zweitens…

Ja, ich muss noch die Geschichte bis zum Heiratstag weitererzählen. Ich hatte einen Flug nach Hawaii gebucht. Wollte Honolulu und andere Orte sehen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir sechs Monate zusammen – ich denke, für ihn war der Urlaub Gelegenheit, um meine Hand anzuhalten.

 

Was passierte dann?

In Honolulu weckte er mich eines Morgens auf, um den Sonnenaufgang zu betrachten. Wir gingen zum Strand, aber die Sonne ging nicht in unserer Blickrichtung auf. Da hätten wir in die andere Richtung gehen müssen. Ich denke, rückblickend war das ein erstes Zeichen, dass es mit der Heirat

nichts werden sollte.

 

Aber in diesem Moment?

Klar, er sagte schöne Dinge zu mir, es war toll, allein am Strand zu sein. Plötzlich sank er dort auf sein Knie. Ich glaube, da hat nicht nur der Sonnenaufgang die falschen Signale ausgesandt ... ich dachte nicht direkt Yes!, sondern dass ich noch etwas Zeit benötigte. Nach sechs Monaten haben wir uns verlobt, kauften uns ein Haus, aber es brauchte noch zwei Jahre, bis wir uns wirklich zur Heirat entschieden.

 

Dahinter steckte also einiges an Planung?

Zunächst wollten wir gar nicht auf Hawaii heiraten, sondern bei uns zuhause. Auf Hawaii haben wir uns dann für eine kleine Zeremonie entschieden, zu der nur ungefähr zehn Gäste eingeladen wurden – Familie und enge Freunde. Während ich meine Haare herrichten ließ, holte er aber seine Klamotten aus dem Schrank im Hotelzimmer – und seinen Pass…

 

Krass, aber du wusstest in dem Moment nichts davon?

 Nein. Für die Haare musste ich das Hotelareal verlassen, so dass er mich auf meinem Mobiltelefon anrief und fragte, ob ich die Pässe auf dem Bett im Hotelzimmer liegen lassen könne. Ich hatte unsere beiden Pässe in meiner Geldbörse, weil er keine hatte. Ich schöpfte keinen Verdacht, dass der Typ die Hochzeit abblasen und abhauen wollte.

 

Wann kam es zum Showdown?

Also, ich kam wieder ins Hotel zurück und alberte mit meinen Freundinnen herum, um etwas die Anspannung vor der Trauung abzuleiten. Wir packten einige Klamotten in den Schrank, aber ich schaute jetzt nicht nach, ob er vielleicht alle seine Kleider rausgenommen hätte. Ich erfuhr später, dass mein Verlobter zu einer der Brautjungfern ging und sie bat, mir mitzuteilen, dass er mich nicht heiraten wolle. Die hat ihm energisch gesagt, dass er das verdammt noch mal selber machen soll.

 

Was er dann auch tat?

Ja. Diese Freundin kam wieder ins Zimmer und allmählich entfernte sich jede meiner Freundinnen. Schließlich kam er. Ich stand da in meinem Hochzeitskleid – und er betrat den Raum, um mir mitzuteilen, dass er mich nicht heiraten könne. Mir ist wohl aufgefallen, dass er noch keinen Anzug trug. Aber es war draußen heiß, sodass ich davon ausging, er würde sich bald der Zeremonie

entsprechend kleiden.

 

Dann rückte er mit der Sprache raus?

Ja. Er umarmte mich und ich bemerkte, dass er ein wenig weinte. Ich dachte zunächst an seine Mutter, die sechs Monate, bevor ich ihn kennenlernte, gestorben ist. Das hat ihn ziemlich mitgenommen.

 

Die Mutter konnte also nicht dabei sein.

Rückblickend war das nicht der Grund, warum er mich nicht heiraten wollte. Mein Vater ist inzwischen auch gestorben, mein zukünftiger Mann wird ihn nicht kennenlernen können. Das ist einfach Realität, so schmerzlich das auch ist. Jedenfalls sagte er zu mir: Ich kann das nicht.

 

Baff! Die Wahrheit war aus dem Sack.

Ich wich einen Schritt zurück und fragte ihn, ob er Witze mache. Aber in seinen Augen sah ich, dass er es ernst meinte. Ich war in dem Moment einfach nur schockiert: „Verschwinde aus meinem Zimmer, sofort!“ Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Wir hatten zwei Wochen Urlaub auf der Insel gebucht. Unsere Flitterwochen sollten sich anschließen. Meine Schwester hat sich in der Zeit um

mich gekümmert.

 

Wie geht man mit einer solchen Nachricht um?

Die zwei Wochen habe ich mich ständig in Bewegung gehalten. Die Tage waren mit Surfen, Touren über die ganze Insel und einigem mehr gefüllt.

 

Wie hat die Hochzeitsgesellschaft darauf reagiert?

Das ist für eine junge Frau eine Tortur, solch eine schroffe Absage erleben zu müssen. Die Gäste haben ihre Zeit, Mühen und Geld in die Reise investiert. Und dann ist alles auf einmal geplatzt. Ich denke, meine Freunde waren genau wie ich schockiert, aber in dieser schweren Zeit wollten sie mir beistehen. Für sie war das ja auch nicht eine Reise in die nächste Kreisstadt.

 

Der Morgen danach war sicher Katerstimmung pur?

Wir waren am Abend der geplanten Hochzeit noch aus, tranken sicher einige Cocktails mehr als sonst. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, wirkte das surreal. Wie in einem Film. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas erleben könnte. Meine Freundinnen haben mich unterstützt. Eine Freundin, die in New York lebt, hat sogar mein Hochzeitskleid mitgenommen, sodass ich nichts mehr damit zu tun hatte.

 

Hast du ihn später wieder getroffen?

Ja, in unserem Haus. Er wollte keine Kinder und ich erwähnte, dass ich wohl welche haben wollte. Es gab keinen richtigen Grund irgendwie, oder er hätte mir seine Entscheidung bereits sagen sollen, bevor wir ins Flugzeug gestiegen sind. Eine Stunde vor der Trauung abzusagen, ist unverschämt. Das tust du deinem besten Freund nicht an – und wir waren immerhin Partner. Vielleicht fühlte er sich noch zu jung, Verantwortung zu übernehmen, bekam an diesem Hochzeitsmorgen kalte Füße.

 

Wie hat sich diese Zäsur denn in deinem Leben ausgewirkt?

Ich bin froh, ihn damals mit 24 nicht geheiratet zu haben. Ich hätte viele Dinge nicht erreichen können, meine Karriere zum Beispiel oder die vielen Reisen. Mein Leben wäre anders: Ich hätte wahrscheinlich mehrere Kinder und wir würden etwas außerhalb der Stadt wohnen. Ich bin richtig froh darüber, welche Wende mein Leben nach dieser Erfahrung genommen hat.

 

Das ist interessant, weil man hört meist von Frauen als Opfern bei einer solchen Aktion.

Aber so wie ich dich verstehe, hast du dich nicht unterkriegen lassen?

Nein, auf keinen Fall. Sicher wäre es schön, einen Mann an meiner Seite und Kinder zu haben. Ich kenne Menschen, die eine Familie haben. Aber ich habe zum Beispiel die Pyramiden besucht, bin durch ganz Asien gereist, habe die Philippinen gesehen. Die ganzen Länder hätte ich nicht erlebt, hätte ich meinen Verlobten damals geheiratet.

 

Vielleicht kann man eine Hochzeit mit Weihnachten vergleichen? Die ganze Familie bereitet sich auf den einen Tag vor, alle freuen sich, bis auf einen, der nur darauf wartet, alles zu ruinieren!

Ja, vielleicht sind die Erwartungen zu hoch und etwas wartet darauf, aufzutauchen beziehungsweise auszubrechen. Ich bin nicht gegen Heiraten, aber ich muss jetzt erst noch einige Dinge in meinem Leben vorher erledigen. Der zukünftige Bräutigam muss vergleichbare Ziele im Beruf verfolgen, gerne reisen.

Aber nicht nach Mexiko. (lacht) Sondern etwas weiter weg. Ich liebe Abenteuer.

 

Es hat sicher einige Zeit gebraucht, wieder Vertrauen zu fassen?

Ich denke, wie bei jeder Trennung braucht man als Mensch erstmal etwas Zeit für sich. Ich habe mit dem Verlust des Bräutigams nicht den Glauben an die Menschheit verloren. Wenn jetzt ein Mann auftauchte und mich morgen zum Traualtar führen wollte, wäre ich sicher skeptischer als früher. Das ist jetzt zehn Jahre her.

 

Die geplatzte Heirat scheint keine tiefen Spuren hinterlassen zu haben?

Meine schrecklichste Erfahrung bislang war der Tod meines Vaters vor fünf Jahren. Die geplatzte Heirat gehört wohl auch dazu, aber daraus hat sich etwas Positives entwickelt. Ich brauche nun einen Partner, dem ich vertrauen kann, nicht den Traummann. So habe ich vielleicht mit 24 noch gedacht. Natürlich ist das Babykriegen auch eine Sache des Alters. Doch überstürze ich meine Suche nicht. Ich bin auf jeden Fall wählerisch, wer meine Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen darf.

Ich finde, so ehrlich muss ich einfach sein.

 

Und als Fazit?

Ich habe eine tolle Unterstützung von meiner Familie erhalten. Aus dieser Erfahrung bin ich auf jeden Fall stärker hervorgegangen.  Hätte ich den Mann geheiratet, wäre es später zur Scheidung gekommen. Ich hätte also mehrere Jahre unglücklich verheiratet verbringen müssen. Da lieber gar nicht erst anfangen!

 

Danke, dass du mit uns private Details aus deinem Leben geteilt hast.

 

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Cynthia Maisonneuve

Es wurde eigentlich schon alles gesagt. Cynthia hat den Schock ihres Lebens überstanden und ist guter Dinge. Der Bräutigam ist bereits vor zehn Jahren aus dem gemachten Nest geflogen. Im „Guardian“ klang das Erlebnis noch zu sehr nach Opfer. Im Stadtgeflüster dreht Cynthia den Spieß etwas um.

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