Stadtgeflüster-Interview: Sven Wagenknecht und Dominik Irtenkauf erkunden die Bitcoin-Welt Digitalgeld

Der Name Kryptowährung klingt geheimnisvoller, als er wirklich ist. Darunter versteht man digitale Währungen, die durch ihre kryptographische Beschaffenheit besondere Sicherheitsmerkmale aufweisen. Bitcoin ist eine solche Kryptowährung. Was es mit dieser auf sich hat, ob man mit ihr im Café oder beim Bäcker bezahlen kann, welche Chancen und Gefahren in ihr stecken und warum eine solche Währung für Entwicklungsländer besonders interessant sein könnte, erläutert Dominik Irtenkauf im Gespräch mit Sven Wagenknecht, Chefredakteur der Medienplattform BTC-ECHO.

Von Dominik Irtenkauf
Stadtgeflüster-Interview: Sven Wagenknecht und Dominik Irtenkauf erkunden die Bitcoin-Welt: Digitalgeld
Sven Wagenknecht ist Chefredakteur von BTC-ECHO. Foto: Illustration: Stadtgeflüster Interview – Thorsten Kambach

Wie könnte ich meinem Großvater Bitcoin erklären?

Ich würde zunächst gar nicht so sehr auf die technischen Details eingehen, sondern erklären, was der Begriff der Dezentralität bedeutet. Das ist – neben der Kryptographie – die Kerneigenschaft von Bitcoin. Dezentralität meint in diesem Fall, dass ich keinen Mittelsmann brauche, um eine Transaktion auszuführen.

 

Was heißt das?

Kryptowährungen wie Bitcoin machen nun praktisch wie mit der E-Mail einfache Übertragung für Geld bzw. generell für Werte möglich. Normalerweise brauche ich dafür eine Bank als Mittelsmann. Durch die Blockchain, die Technologie hinter Bitcoin, habe ich nun die Möglichkeit, diese Mittelsmänner zu umgehen. Ich kann einen Bitcoin-Betrag direkt von Person A zu Person B senden, ohne dass irgendeine Instanz dazwischengeschaltet ist. Diese Transaktion geschieht kryptographisch verschlüsselt und dezentral, da die Kontenbücher nicht zentral bei einer Bank oder einem Unternehmen gelagert sind, sondern bei allen Teilnehmern des Netzwerks.

 

Ich habe gelesen, dass die Banken sich gar nicht so sehr für die Währung interessieren, sondern für die Blockchain-Technologie, die dahintersteckt?

Das ist richtig. Bitcoin ist damals während der Finanzkrise 2008 als ein Gegenentwurf zum traditionellen Finanzsystem von einer bis heute unbekannten Person namens Satoshi Nakamoto entwickelt worden. Ein sehr robustes, sicheres und dezentrales Kontenbuch ist aber auch für Banken und Zentralbanken sehr interessant. Sie können dadurch zum Beispiel Transaktionen untereinander, etwa im Wertpapierhandel, sehr viel effizienter abwickeln.

 

Kann die Blockchain also auch ohne Kryptowährung eingesetzt werden?

Ja, das ist möglich. Die Blockchain als ein manipulationsresistentes Kontenbuch ist für viele Industrien sehr interessant. Es gibt auch Blockchains ohne Kryptowährungen. Die haben dann allerdings andere Eigenschaften als die Bitcoin-Blockchain. Hier sollte man immer differenzieren: Behörden, Organisationen und Banken greifen vor allem aus Sicherheitsgründen auf die Blockchain-Technologie zurück oder aber, um Prozesse zu automatisieren.

 

Die Blockchain ist so etwas wie eine endlose Kette, aber jeder Eintrag erhält einen individuellen Zeitstempel, so dass kein Prozess wiederholt werden kann?

Jede Transaktion wird in der Blockchain aufgezeichnet und wird in so genannten Blöcken gespeichert. Diese Blöcke wiederum sind durch Hashes – das sind mathematische Funktionen – miteinander verbunden, so dass eine Kette entsteht. Diese Kette kann nicht auseinander gerissen werden. Jeder Teilnehmer hat die Möglichkeit, sich eine Kopie der Historie, in der alle jemals getätigten Transaktionen aufgezeichnet sind, zu erstellen und herunterzuladen. Die Transaktionen innerhalb einer Blockchain sind für jeden einsehbar, wenngleich dies nur für sogenannte Public Blockchains, also öffentlich einsehbare und zugängliche Blockchains, gilt.

 

Kritische Stimmen sagen dann auch, dass durch die Ausschaltung der Mittelsmänner illegale Aktionen gut durch-geführt werden können.

Das ist nur bedingt richtig, denn Bitcoin ist nicht, wie häufig fälschlich angenommen, anonym, sondern lediglich pseudo-anonym. Das heißt, ich bin sehr wohl in der Lage, den jeweiligen Nutzer, der hinter den Buchstaben und Zahlen einer solchen Bitcoin-Adresse steckt, zu identifizieren.

 

Wie kommt man dann an die Realnamen?

Ich kann durch Muster und Transaktionen in das reguläre Währungssystem sehr wohl herausfinden, wer eine Bitcoin-Transaktion getätigt hat – wenngleich natürlich ein gewisser Aufwand damit verbunden ist.

 

Wird Bitcoin also doch gerne für illegale Aktionen benutzt?

Natürlich besteht die Gefahr, dass damit kriminelle Geschäfte gemacht wurden und auch heute noch gemacht werden. Aber mit dem US-Dollar und mit dem Euro werden genau so kriminelle Geschäfte abgewickelt. Es gibt keine Zahlen, die belegen würden, dass kriminelle Geschäfte vermehrt mit Kryptowährungen durchgeführt werden. Und sollte doch jemand beabsichtigen, rechtswidrige Geschäfte über Kryptowährungen durchzuführen, dann gibt es Kryptowährungen, die dazu besser als Bitcoin geeignet wären, weil sie ein höheres Maß an Anonymität bieten. Bitcoin selbst ist eine eher schlechte Währung, wenn es darum geht, anonym zu agieren.

 

Welche anderen Kryptowährungen gibt es denn noch?

Es gibt inzwischen weit über Tausend. Man muss hier jedoch unterscheiden, da Kryptowährungen unterschiedliche Funktionen haben können: Es gibt einerseits Kryptowährungen wie Bitcoin, die eine Zahlungsfunktion bzw. eine Wertaufbewahrungsfunktion haben. Es gibt dann wiederum so genannte Utility-Token, die eine Funktion innerhalb des Blockchain-Netzwerkes übernehmen. Die bekannteste ist Ethereum. Ethereum verfolgt einen anderen Ansatz als Bitcoin. Die Kryptowährung fungiert weniger als Währungssubstitut für Euro oder US-Dollar. Vielmehr können mit Ethereum dezentrale Anwendungen betrieben werden. Vereinfacht gesagt nutzt man den Token, um Rechenleistung für bestimmte Anwendungen zu kaufen.

 

Das wirkt auf Laien vielleicht etwas verwirrend.

Bitcoin ist nur eine mögliche Variante, wie eine Kryptowährung aufgebaut sein kann. Es mangelt in der öffentlichen Diskussion bislang noch an klaren Definitionen. Auch wird teilweise sehr unterschiedlich definiert, welche Eigenschaften eine Blockchain bis zu welchem Grad zwingend erfüllen muss, damit tatsächlich von einer Blockchain gesprochen werden kann.

 

Die Frage ist auch, wenn Bitcoin als digitale Währung fungieren soll, wo man mit Bitcoin bezahlen kann. Gibt es schon eine Art Mastercard für Bitcoin?

Ja, so etwas gibt es. Grundsätzlich kann ich mit Bitcoin bei einzelnen Anbietern im Internet bezahlen. Es gibt auch Geschäfte oder Restaurants, in denen ich damit bezahlen kann. Ich habe auf meinem Handy eine Wallet-App, also eine Geldbörse, in der meine Bitcoins liegen, und kann damit beispielsweise einen Kaffee bezahlen. Es gibt auch Krypto-Kreditkarten, auf die ich meine Bitcoins oder andere Kryptowährungen laden kann, um anschließend mit der Karte im Geschäft zu bezahlen.

 

Das wäre auch als bargeld loses Zahlen zu fassen. In Deutschland ist das immer noch ein Streitthema.

Wir Deutschen sind da sehr sensibel. Mit Bitcoin lässt sich die Privatsphäre jedoch deutlich besser schützen, als wenn wir zum Beispiel nur noch mit unserer EC-Karte bezahlen würden. Aber, und das muss auch gesagt werden: Wir werden in Zukunft in Deutschland und anderen europäischen Ländern immer stärkere Identifizierungspflichten erleben.

 

Und wie kann man sich Bitcoins verdienen? Wir haben jetzt viel über die Technologie gesprochen, aber wie komme ich zu Bitcoins?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, um an Bitcoins zu kommen. Am einfachsten ist es, an einer Börse mit Euro Bitcoins zu erwerben – oder diese bei einem Broker zu kaufen. In Ländern wie Österreich oder der Schweiz gibt es Bitcoin auch an speziellen Automaten. Ich stecke einen Geldschein in den Automaten und bekomme den entsprechenden Gegenwert in Bitcoin gutgeschrieben. Dazu muss ich nur den zugehörigen QR-Code scannen und schon werden die Bitcoins auf meiner mobilen Smartphone-Wallet gutgeschrieben.

 

Ich habe auch gelesen, dass die Anzahl der verfügbaren Bitcoins limitiert ist?

Insgesamt werden nicht mehr als 21 Millionen Bitcoins erzeugt. Dahinter steht der Gedanke eines Gegenentwurfs zu einer inflationsbasierten Geldpolitik, wie sie die Zentralbanken betreiben. Wenn man festlegt, dass es nur 21 Millionen Einheiten von Bitcoin gibt, dann entfällt die Möglichkeit, durch das Drucken von Geld Inflation zu erzeugen. Bitcoin ist entsprechend eine tendenziell deflationäre Währung. Dadurch wird Bitcoin häufig als
„digitales Gold“  bezeichnet.

 

Wäre es denn möglich, dass sich diese Euphorie in eine Finanzblase wandelt?

Diese Gefahr besteht definitiv. Bei den meisten neuen, revolutionären Technologien ist es so, dass ab einem gewissen Punkt sehr viel Geld in den Markt fließt, dass es eine Hype-Phase gibt und dass eine massive Überbewertung von Start-Ups stattfindet. Von den vielen Kryptowährungen, die es heute gibt, werden in ein paar Jahren wahrscheinlich nur noch sehr wenige existieren.

 

Welchen Reiz übt Bitcoin dennoch aus?

Mit Bitcoin und vielen anderen Kryptowährungen prescht eine neue Welle der Digitalisierung heran, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend revolutionieren kann. Das Internet hat es seinerzeit möglich gemacht, Informationen ohne Mittelsmann global und in Echtzeit auszutauschen. Durch die Blockchain-Technologie können künftig Transaktionen aller Art digital und ohne Mittelsmann global durchgeführt werden, was enorme Möglichkeiten mit sich bringt. Gleichzeitig stehen wir jedoch erst ganz am Anfang dieses Veränderungsprozesses.

 

Vielen Dank für das informative Gespräch.

 

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Sven Wagenknecht

Sven Wagenknecht ist Chefredakteur von BTC-ECHO. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann hat er Politik und Wirtschaft in Münster studiert und verschiedene Stationen, etwa in einer führenden Unternehmensberatung und im Bundeswirtschaftsministerium, absolviert. Als Speaker, zuletzt auf dem St. Petersburg International Economic Forum 2017, referiert er über das makroökonomische Potential der Blockchain. Zudem berät er die Initiative „Intelligente Vernetzung“ des BMWi als Experte für den Themenkreis Blockchain.

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