Stadtgeflüster-Interview: Thorsten ist mit Mike Schmitz über den Wolken Drohne, ick hör´dir kreisen

Unser wunderbares Theater … Was hat der gute Harald Deilmann sich damals gedacht, als er diesen „Donnerbalken der Architektur“ entworfen hat? Du weißt nicht, wovon die Rede ist? Ganz einfach: Dank MS4L und German Rotor Cam können wir, das Fußvolk, nun die Perspektive der allseits beliebten Vögel einnehmen und unsere Stadt von oben betrachten, satte 96 Minuten lang, im Cineplex. Tja, und dieser Perspektivwechsel lässt Häuser, Straßen und Gärten, Stadien und Müllkippen ganz anders aussehen als gewohnt. Da wird das Theater zum Donnerbalken und die Müllkippe zur Schäfchenwiese. Klingt aufregend? Genau darum trafen wir uns mit Mike Schmitz von Münster4Life und sprachen mit ihm über „Münster Above – Der Film“.

Von Thorsten Kambach
Stadtgeflüster-Interview: Thorsten ist mit Mike Schmitz über den Wolken: Drohne, ick hör´dir kreisen
Mike Schmitz ist Gründer von Münster4Life. Foto: Stadtgeflüster

Mike, welche Situation bei der Premiere eures Kinofilms war dir besonders unangenehm?

Die ist zugleich meine Lieblingsstelle: das Preußenstadion. Weil ich weiß, dass sie für Nicht-Preußenfans recht lang ist.

 

Für Preußenfans … vielleicht auch?

Nein, die können sich daran nicht sattsehen und mögen den Song im Hintergrund. Nicht-Fans, okay, für die kann das eine langatmige Szene sein.

 

Eigentlich wollte ich nicht erfahren, ob dir am Film was unangenehm war, sondern an der Premiere.

Gefühlt? Alles. Ich hätte am liebsten nur den Film gezeigt und unerkannt in der letzten Reihe gesessen.

 

Weil du so aufgeregt warst?

Nein. Aber Leute, die mich kennen, wissen, dass ich ungern im Mittelpunkt stehe, auch optisch. Selbst an meinen Geburtstagen ist mir das unangenehm; da kommen zehn Leute zu mir nach Hause, sind nur meinetwegen dort – und man fühlt sich für alle verantwortlich…

 

Hast du darauf geachtet, wie die Leute während der Vorstellung reagieren?

Überhaupt nicht. Ich war darauf konzentriert, ob der zeitliche Ablauf klappt, denn leider war die Hälfe des Teams an dem Abend nicht da.

 

Wer fehlte?

Kai und Jonas. Kai war mit der Kelly-Family auf Tour als Gitarrist und Jonas lag im Krankenhaus. Das heißt, zu Anfang der Premiere standen wir so gut wie alleine auf der Bühne.

 

Immerhin hattet ihr eine riesige Drohne dabei. Ich hatte gehofft, ihr fliegt damit durch den Saal.

Wir sind sicherheitsbewusst, sowas kann nur nach hinten losgehen. Die Jungs von German-Rotor-Cam sind gut, die können das durchaus. Aber man muss nicht alles, was man kann, auch machen.

 

Weise Worte. Zum Schnitt: Hast du den zu verantworten oder ihr alle gemeinsam?

Hat er dir etwa nicht gefallen?

 

Doch.

(Lacht) Also gut, den hab’ größtenteils ich gemacht, bei Stefan im Studio. Wir hatten viel gedrehtes Material über Münster, wollten aber eigentlich nur fünf Onlinefolgen daraus schneiden. Ursprünglich war das Projekt damit abgeschlossen, es war nie geplant, einen Kinofilm daraus zu machen.

 

Lag dann im Grunde nicht schon alles vor?

Das Ganze war nicht so simpel, wie wir uns das vorgestellt haben. Du kannst das mit einem Puzzle vergleichen: Ein kleines mit einigen Teilen ist übersichtlich, ein Puzzle mit vielen Teilen die Hölle, und ein Neunzig-Minuten-Film ist wie eines mit sehr, sehr vielen Teilen.

 

Es gab kein Storyboard zur Orientierung?

Nein, wir hatten fünfzig Stunden Rohmaterial, unendlich viele Dateien und noch mehr Ideen. Die haben wir zunächst durchgeguckt, dann erste Stellen rausgesucht, haben überlegt, wie was passt und nach und nach versucht, alles zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzukriegen.

 

Das ist euch gelungen. Am meisten hängengeblieben ist mir das Theater. Das sieht von oben aus…

… na?

 

… wie ’ne Toilette.

(Lacht) Schön, dass du es ausgesprochen hast … im Film haben wir das nämlich nicht beim Namen genannt.

 

Diese Ähnlichkeit ist offensichtlich, da braucht es kaum Worte.

Das haben wir uns auch gefragt: Ist die Ähnlichkeit offensichtlich oder haben nur wir diesen Humor? Wenn man das Theater von der Straße aus sieht, von unten, kommt man nicht auf die Assoziation. Ich zumindest habe vorher noch nie gedacht, unser Theater sähe aus wie ein… 

 

… sag es ruhig.

Toilette wollte ich sagen, wir sind jugendfrei. Das haben wir inzwischen schriftlich: Wir sind FSK-0, familienfreundlich. „Münster Above“ darf somit an allen Tagen rund um die Uhr im Kino laufen.

 

Gucken die sich bei der FSK tatsächlich sämtliche Filme komplett an?

Genau. Und das kostet dich pro Minute Film Geld.

 

FSK bedeutet doch „Freiwillige Selbstkontrolle“, oder?

(Lacht) Ja, aber die ist nur relativ freiwillig, denn du riskierst Strafen in einem empfindlichen Bereich, wenn du dich nicht selbstkontrollieren lässt.

 

Klingt nach einer anderen Zeit.

Und sieht sogar so aus. Das ist echt verrückt, du gehst auf deren Homepage, die aussieht wie vor fünfzehn Jahren. Füllst einen Antrag aus und bekommst am nächsten Tag eine persönlich geschriebene Mail zurück – mit der Aufforderung, zweihundert Euro Vorkasse
zu überweisen. Ohne offizielle Rechnung oder Angabe eines Überweisungszwecks. Auch zur Übermittlung der eigentlichen Filmdaten musst du dich schon ordentlich durchklicken, aber letztendlich hat es geklappt.

 

Die tun da den ganzen Tag nichts, außer Filme schauen?

Ich muss gestehen, dass ich deren Struktur nicht kenne, keine Ahnung, ob die staatlich sind oder privat, aber es ist wohl so, dass die unendlich viele Filme schauen. Aber nicht nur das (lacht), die bewerten auch Games! Man findet auf Youtube Videos aus den 80ern, in denen so fünfzigjährige Muttis – nicht böse gemeint – mit Zigarette vorm Rechner sitzen und Ballerspiele spielen. Das ist schon
höchst amüsant.

 

Moment. Das möchte ich mir eben vorstellen…

Es wird noch besser! Denn dann sieht man, wie die am Spiel scheitern. Das Lustige ist: Dann holen die sich so ’nen Dreizehnjährigen, der für die das komplette Spiel durchzockt, während im Hintergrund die Muttis mit ihren Zigaretten sitzen und
Pause machen.

 

Wie würdest du das Genre des Films eigentlich bezeichnen?

Art-Film … obwohl, eigentlich ist es eher ein Heimatfilm.

 

Den kann man auch gut nebenherlaufen lassen, wie diese Filme von Kaminfeuern.

(Lacht) Ja, wir könnten damit so einiges tun; eine englischsprachige Version für Touristen beispielsweise. Oder eine Variante auf Masematte. Aber die wird kaum umzusetzen sein, es gibt fast keinen mehr, der Masematte fließend spricht. Wir können auch nur Bruchstücke.

 

„Münster Above“-2018 wird in hundert Jahren sehr spannend, vielleicht im Geschichtsunterricht. Und schon heute ist es so, dass fast jeder drüber spricht.

Und das ohne Werbung. Wir haben gerade mal vierzig Euro ausgegeben für ein paar Plakate – aber so ist eben das Münster-Netzwerk, jeder kennt jemanden … Wenn du das mit so einem kleinen Team angehst, wie wir, merkst du rasch, wie viel Zeit und Kraft das erfordert. Nebenher mussten wir alle noch leben – also arbeiten. Darum haben wir uns Partner ins Boot geholt.

 

Waren die von Anfang an begeistert dabei oder eher schwer zu überzeugen, einen Kinofilm zu unterstützen?

Das war lustig, es gab echt Firmen, die gesagt haben: Nein, wir machen nur Kultursponsoring! Das zeigte mir, dass einige Unternehmen echt verschlossen sind, wenn ein Projekt nicht so standardmäßig rüberkommt und vorgestellt wird.

 

Wie kann man mehr Kultur machen als so? Leute, die den Film gesehen haben und mit denen ich darüber gesprochen habe, wurden selber kreativ und überlegten, was noch im Streifen hätte auftauchen können.

Ja, das kommt bei uns auch schon manchmal an, die Kritik, dass…

 

Nein. So war das nicht gemeint, ich meinte, die Leute dermaßen fasziniert, dass sie den Film im Kopf weiterdrehen.

Darüber freue ich mich sehr.

 

Welches Lob hat dir denn am besten gefallen?

Da gab es ein ganz besonderes: Ich hatte eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter mit der Bitte um Rückruf. Ein Mann, 85 Jahre alt, aus Wolbeck. Der war auch bei der Premiere und war begeistert, hat dann auf unserer Homepage nach unserer Telefonnummer gesucht. Dann rief er an, wollte fragen, ob er eine DVD kaufen könne. Die würde er gerne seinem 89-jährigen Bruder schicken, der Missionar in Indonesien ist, aber eben Münsteraner. Das sind so Erlebnisse, wo ich denke: Wow, wir konnten jemanden mit dem Film beeindrucken, der hier bereits fast ein ganzes Jahrhundert lebt und eigentlich jede Ecke kennt.

 

Es gibt sicher weitere, die es kaum abwarten können, bis die DVD erscheint. Wann ist  es soweit?

Ich hoffe, im Herbst.

 

Ich kaufe kaum noch DVDs.

Das verstehe ich, aber bei so einem Film … Ich könnte mir vorstellen, dass man den in der Hand halten möchte. Und da sind wir gerade dran. Aber du darfst nicht vergessen, was das kostet.

 

Kommen wir zum Schluss. Du könntest nun noch einige Leute grüßen – oder gleich die ganze Stadt.

Vielleicht abschließend: Ich meine, dass jeder Münsteraner den Film einmal gesehen haben sollte, denn eigentlich entdeckt jeder etwas Neues, das er noch nicht kennt. Wer das Zeitliche segnet, ohne seine Heimat so gesehen zu haben, hat was verpasst…

 

… und gehört wiederbelebt und ab ins Kino. Vielen Dank für das Gespräch.

 

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Mike Schmitz und MS4L und GermanRotorCam und Münster-Above

Mike Schmitz – was soll ich zu dem noch sagen, was nicht schon und so weiter? Er ist Gründer von Münster4Life, DER inoffiziellen offiziellen Vertretung Münsters im Internet, und nun auch noch im Kino: Münster Above – der Film. Den hat der Mike allerdings nicht alleine, sondern mit GermanRotorCam produziert. Das sind die beiden Seegers, die den berühmten Tatort in die Luft gebracht und Münster nun ein Denkmal gesetzt haben: Copterpilot Kay Holland und Cameraoperator Stefan Albers.

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