Stadtgeflüster-Interview: Ludwig Lugmeier und Dominik Irtenkauf besprechen Leben auf der Flucht Das Millionending

Vielleicht fällt der Groschen in Bezug auf Lugmeier, wenn man seinen Spitznamen nennt: Millionendieb. Das ist Vergangenheit, holt Ludwig Lugmeier aber immer wieder ein. Lange Jahre seines erwachsenen Lebens war er auf der Flucht. Bis er auf Island in den 70ern geschnappt und an Deutschland ausgeliefert wurde. Im Gefängnis fing er das Schreiben an. Mittlerweile lebt er in Berlin als Schriftsteller und Märchenerzähler.

Von Dominik Irtenkauf
Stadtgeflüster-Interview: Ludwig Lugmeier und Dominik Irtenkauf besprechen Leben auf der Flucht: Das Millionending
Ludwig Lugmeiers Lebensgeschichte steht zum großen Teil in „Der Mann, der aus dem Fenster sprang“ (2005/2008) Foto: Stadtgeflüster

Wie war das damals mit dem Fenstersprung?

Warum fängst du mit dem Fenstersprung an?

 

Ich dachte, das wäre ein guter Einstieg in das Gespräch.

Gespräch worüber?

 

Über Ihr und Jack Bilbos Leben.

Dann fangen Sie doch mit Jack Bilbo an.

 

In Ordnung. Jack Bilbo war ein Mensch, der auch auf der Flucht war. Aus existentiellen Gründen, da er Jude zu Beginn des 20. Jahrhunderts war.

Schon mit sieben war er zum ersten Mal Emigrant. 1933, als die Nazis an die Macht kamen, musste er erneut in die Emigration gehen. Den größten Teil des Lebens hat er in der Emigration verbracht. In Frankreich, in Spanien, in Großbritannien war er auf der Flucht vor dem, was ihm gedroht hat. Es war eine Flucht aus ganz anderen Gründen als in meinem Leben.

 

Und zudem hat es ihn nie lange an einem Ort gehalten, habe ich den Eindruck.

Er war immer auf der Suche. Zuerst hatte er ja einen Ort, an den er gehörte: Er stammte aus einer sehr reichen Berliner Familie. Diesen hat er mit sieben Jahren verloren. Wenn man das näher betrachtet, so sieht man, dass er immer weiter nach einem Ort gesucht hat, an dem er sich niederlassen kann. Das ist ihm nie richtig gelungen.

 

Woran lag’s?

In Spanien kam der Bürgerkrieg. In Großbritannien hat er sich bis nach dem Krieg 1949 ein schönes Anwesen aufgebaut, dann bekam er aber die Staatsbürgerschaft nicht. Dann ist er nach Frankreich, dort ist er auch nicht gelitten gewesen. Schließlich ist er wieder nach Berlin zurückgekehrt. Das war somit der Ort, von dem er hergekommen ist – und wo er schließlich seine Heimat wiedergefunden hat.

 

Wie kam Jack Bilbo zu seinen Namen?

Es war nicht sein richtiger Name. Sein Familienname war Hugo Cyril Kulp Baruch und er hat 1931 ein Buch verfasst, das ursprünglich in der Münchener Illustrierten Presse als ein autobiographischer Folgeroman veröffentlicht wurde. Diese Zeitschrift war damals die zweitgrößte Illustrierte in Deutschland. Diesen Roman hat er unter dem Namen Jack Bilbo herausgegeben. Er ist kurz darauf als Buch veröffentlicht worden.

 

Das Buch, von dem Sie reden, ist „Ein Mensch wird Verbrecher“?

Ja. In diesem Buch beschreibt er, wie er nach einer Verdächtigung, er hätte Gelder der Firma Schubert in New York unterschlagen, auf die Straße gesetzt wurde. Nein, das stimmt nicht ganz: Ein Gangster hatte ihm das Geld geraubt, er wurde auf die Straße gesetzt, später traf er diesen Gangster wieder. Der nahm ihn mit nach Chicago – und dort wurde er einer der Männer von Al Capone.

 

Ist das Fakt? Ich habe gelesen, dass das gar nicht so sicher gewesen sei.

Das war es definitiv nicht. Er war nie in Chicago. Das hatte er später auch selbst geschrieben. Capone hat er nie getroffen. Was dahintersteckte, war – das habe ich herausgefunden – dass er tatsächlich eine Unterschlagung von 2700 Dollar begangen hat. Daraufhin wurde er nach Deutschland zurückgeschickt, zum schwarzen Schaf der Familie abgestempelt. Er hat daraus eine ganz fantastische Lebensgeschichte gemacht, die sich dann das ganze Leben hindurch gezogen hat.

 

War denn Jack Bilbos Leben für Sie eine Inspiration? Ich habe gelesen, Bücher hätten Sie zum Verbrecher werden lassen.

Na, so monokausal läuft das im Leben nicht ab. Ich habe das Buch gelesen, da war ich so fünfzehn Jahre alt. Da habe ich gedacht, das sei wirklich so gewesen. Er hätte dieses Leben tatsächlich geführt. Das hat Eindruck auf mich gemacht, dass man so ein fantastisches und wildes Leben führen kann, das ja in Wirklichkeit gar nicht so gewesen ist. Ich habe dieses Buch von ihm in Erinnerung behalten. Ich denke, sowohl er als auch ich sind auf bestimmten Mythologien des 20. Jahrhunderts dahingeschwommen.

 

Könnten Sie das ausführen?

Es gab die Mythologie der See, der Seefahrt, des Kapitäns. Zudem Ende der 20er Jahre noch durch einen Film ausgelöst den Gangstermythos, Johann von Sternbergs „Underworld“ hat diesen Kult begründet, aber der ist noch weitergegangen, bis in die Gegenwart. Da war auch noch ein Mythos, wie er von Hemingway in die Welt gesetzt wurde: Als ein Mann, der sich zu behaupten hat, der alleine steht. Das sind so die Wellen gewesen, auf denen sowohl er als auch ich dahingeschwommen sind.

 

Das ist also das verbindende Element.

Aber wir haben eine höchst unterschiedliche Herkunft. Er stammte aus einer großbürgerlichen, sehr reichen jüdischen Familie und ich stamme aus einer katholisch-kleinbürgerlichen, bayerisch-österreichischen Familie mit lauter Nazis. Einen größeren Unterschied kann man sich gar nicht vorstellen.

 

Sie wollten diesen Verhältnissen entkommen?

Ja schon. Wir sind diesen Mythen gefolgt.

 

Die Angst haben Sie dafür in Kauf genommen?

Angst?

 

Ist natürlich immer ein Stück weit eine naive Frage. Aber wenn man das selbst nicht gemacht hat, kann man sich einen Geldtransporterüberfall schlecht vorstellen.

Es ist mit viel Druck verbunden. Nicht mit Spannung, aber mit Anspannung. Spannung ist das, was der Fernsehzuschauer erfährt, wenn er einen „Tatort“ anschaut. Ich spreche von Anspannung. Und da kommt etwas hinzu: Sie brauchen Mut, wenn Sie das machen. Mut, das heißt nichts anderes, als dass man Herr seiner eigenen Ängste ist. Dass man sich nicht von ihnen leiten lässt. Das müssen Sie aufbringen. Dazu sind Sie entweder fähig – oder nicht. Es ist ja durchaus sinnvoll, in entsprechenden Situationen und Momenten wegzulaufen, aber wenn Sie sich für etwas entschieden haben, brauchen Sie auch den Mut, das zu Ende zu bringen.

 

Ihr eigenes Leben fand ja vorwiegend auf der Flucht statt. Gibt es da Momente, in denen man abschalten kann?

Nein, ich würde schon sagen, man befindet sich im ständigen Alarmzustand. Es stellt sich so etwas wie eine Paranoia ein. Eine Paranoia verengt das Leben. Also man lebt nicht mehr aus dem Vollen heraus.

 

Würden Sie diese Erfahrung nochmals machen wollen? Wie haben zum Beispiel die Wachleute diese Überfälle verarbeitet?

Wir sind da nicht mit humanistischen Vorstellungen an die Sache rangegangen! Ich glaube, Sie übertragen da etwas aus dem herkömmlichen Bereich des Lebens auf eine Außenseiter- und Extremposition.

 

Sie sind ja in den „Normalfall“ zurückgekehrt. Das Gefängnis, in dem Sie zwölf Jahre Ihres Lebens verbracht haben, ist das so ein Zwischending zwischen Normal- und Extremfall?

Ich habe aus dem Gefängnis das gemacht, was ich konnte. Nach dem Tag meiner Verhaftung, das war in den 70ern auf Island, habe ich zu Schreiben angefangen. Seitdem bin ich jemand, der auf dem Papier lebt.

 

Wenn man als Verbrecher und Autor arbeitet, besteht ja die Gefahr, dass man in den eigenen Geschichten Verbrechen glorifiziert oder mystifiziert. Wie gingen Sie damit um?

Meine erste Erzählung hatte überhaupt nichts damit zu tun. Es war die Geschichte eines bayerischen Landproletariers. Diese Verbrechergeschichte hat natürlich in den Köpfen der anderen gesteckt. Vor allem gleich im Kopf meines Verlegers. Der hat nicht in erster Linie den Roman beworben, sondern meine Lebensgeschichte. Das ist natürlich ärgerlich für mich – und für die Perspektive der eigentlichen Erzählung Blödsinn. Man sollte nicht für etwas anderes werben als für das, was man verkauft. Deshalb bin ich Ihnen vorhin auch gleich reingefahren, weil Sie mit dem Fenstersprung anfangen wollten. Ich hatte jetzt wieder ein paar Interviews, auch fürs Radio. Das ist das, worauf die Journalisten aus sind. Ganz klar. Das ist ein halbes Jahrhundert her!

 

Beschäftigen Sie sich heute noch mit Überfällen und vergleichen diese mit Ihren eigenen Taten?

Nee. Ich bin auch niemand, der ein Interesse an Krimis hat. Ich habe mich zwar mit Kriminalfilmen beschäftigt, weil ich mich sowieso mit Filmen befasse, finde aber, der Krimi ist die trivialisierte Form der Tragödie. Es gibt sicher einige gute Autoren, aber ich habe kein großes Interesse daran.

 

Wenn man verhaftet wird, kommt die Realität doch schon wieder schnell auf einen zu.

Es gab einige signifikante Momente, an die ich mich erinnere. Einer war auf Island. Da stand ich an einer Bucht dort, hatte ein paar Zigaretten und was Süßes gekauft und bin mit dem Fernglas rumgefahren. Da ist mir die Frage so aufgetaucht: Was machst du eigentlich? Was machst du hier? Was soll das Ganze? Es ist ein Moment eingetreten, in dem ich mir der Sinnlosigkeit meines Daseins bewusst geworden bin. Dabei hatte ich ursprünglich genau das Gegenteil erwartet.

 

Haben Sie aufgehört?

Nein. Ich habe dann noch weitergemacht, bin nach Südamerika zurück, aber im Grunde war da schon längst meine Gangstergeschichte zu Ende. Das war sie im Grunde schon, als ich so viel Geld gehabt habe…

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Ludwig Lugmeier

War aufgrund der spektakulären Flucht aus einem Gerichtsfenster eine Zeitlang in den Medien. Wollte Zeit seines Lebens eigentlich nur schreiben. Überfiel zudem zwei Geldtransporter. Seine Lebensgeschichte steht zum großen Teil in „Der Mann, der aus dem Fenster sprang“ (2005/2008). Aktuell ist sein Buch zu dem jüdischen Renegaten Jack Bilbo im Verbrecher Verlag. Nein, Lugmeier interessiert sich nicht für Krimis. Dafür umso mehr für (Stumm-)Filme. Jeden Mittwoch zeigt er im Froschkönig in Berlin-Neukölln (Weisestraße) ab 20 Uhr einen Stummfilm mit Live-Pianobegleitung.

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