Stadtgeflüster-Interview: Tom Teuerstacke und Branko Tomovic beim Casting im Cinema Der Hund von Berlin

Vater ist einfach nur stolz, dass der Junge Erfolg hat, bei dem, was er tut. Mutter würde sich wünschen, wenn Sohnemann mal den jugendlichen Liebhaber spielen würde. Den Don Juan DeMarco gab es noch nicht für Branko. Aber vielleicht will er den auch nicht: Er fühlt sich ganz wohl in der Rolle des zwielichtigen Typs, des brutalen Draufgängers. Dabei muss man ja nicht immer auf der dunklen Seite stehen …

Von Tom Teuerstacke
Stadtgeflüster-Interview: Tom Teuerstacke und Branko Tomovic beim Casting im Cinema: Der Hund von Berlin
Der 1980 in Münster geborene Schauspieler Branko Tomovic war bereits an der Seite von Brad Pitt, Kiefer Sutherland, Shia LaBeouf, Benicio del Toro und John Goodman zu sehen. Foto: Stadtgeflüster

Branko, in welcher Sprache wollen wir das Interview führen? Deutsch wäre ja unsere Landes-, Serbisch unsere Muttersprache. Oder wie wäre es mit Englisch? Schließlich liegt dein Lebensmittelpunkt in London und du drehst in englischer Sprache…

Ich bin ja in Münster geboren und aufgewachsen, deswegen ist Deutsch schon auch meine Muttersprache. Im Moment drehe ich viel auf Deutsch, weil ich oft für hiesige Produktionen vor der Kamera stehe.

 

Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, kamen deine Buchungen fast ausschließlich aus dem englischsprachigen Raum. Das hat sich geändert?

Seit gut einem Jahr drehe ich in Deutschland. In der Netflix-Produktion „Dogs of Berlin“ stehe ich als Dario vor der Kamera. Das wird noch bis März gehen.

 

Wenn ich mich recht entsinne, hattest du mir gesagt, dass in Deutschland die Drehbücher im Moment nicht so interessant seien, du deswegen kaum in inländischen Produktionen zu sehen bist?

Vermutlich war das damals so. Aber eigentlich kann man das gar nicht so pauschal sehen. Vieles hängt von der Förderung und Finanzierung ab. Hinzu kommen Momentaufnahmen wie Politik oder gesellschaftliche Vorkommnisse, die Drehbücher beeinflussen. Aber vielmehr stellt sich die Frage, wie man von Regisseuren wahrgenommen wird. Das ist wie eine Welle. Bist du in einer internationalen renommierten Produktion dabei, hilft es dir, in Amerika auf dich aufmerksam zu machen. So hat mir mein Mitwirken im Film „Luna“, der im Februar anläuft, eine Besetzung in „Dogs Of Berlin“ gebracht – und verhilft mir nach Erscheinen vielleicht noch zu der einen oder anderen Rolle. So läuft das. Wie sagt man so schön: Wo man gesehen wird, dort führt es zu Arbeit.

 

Klingt nach einem steilen Aufstieg.

Manchmal ist es so, dass du fünf Dinge auf einmal hast und aussuchen kannst, was du machen wirst. Dann wieder gibt es Zeiten, wo in Sachen Rollen absolute Ebbe herrscht.

 

Ich verfolge deine Arbeit, da es ja nicht viele Münsteraner gibt, die in bekannten Filmen und Serien mitgespielt haben. Aber eines ist spannend: Wir Serben werden ja gerne als Kriegsverbrecher bzw. Kriegstreiber gecastet…

(lacht) Nicht nur. Wir sind auch gern in der Rolle des Waffen- oder Menschenhändlers sowie als Drogendealer zu sehen…

 

Fast immer läufst du düster durch die Gegend. Mordest und zerstörst, bist dubios: In „24“ warst du als Belcheck ein serbischer Ex-Soldat, der zwar neben Jack Bauer auf der guten Seite kämpfte, aber ausschließlich als Mann fürs Grobe. Dann kam „Fury, Herz aus Stahl“, in dem du die Rolle eines Soldaten der Waffen-SS spieltest – und von Brad Pitt nach einem aussichtslosen Disput umgelegt wurdest. Was war da passiert, kein Platz für einen Serben?

(lacht) Ich sprach Deutsch und deswegen wurde ich gecastet.

 

Ist das deine eigene Stimme in dem Film?

Das kann ich dir nicht sagen. Ich habe die Version nicht gesehen. Ich kann mich nur erinnern, dass wir auf Englisch gedreht haben, aber deutsche Charaktere eben auch Deutsch gesprochen haben.

 

Jetzt kommt am 15. Februar der Branko in einer großen deutschen Produktion in die Kinos: Wir werden dich im Film „Luna“ bewundern und vor allem deine Stimme hören können. Was erwartet den Kinobesucher?

Es geht um ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Eine Familie, die in den Bergen Urlaub macht, wird ermordet. Ein Zeuge überlebt das Verbrechen: Luna flieht vor dem Mörder, der die unliebsame Mitwisserin ausschalten möchte.

 

Deine Rolle in dem Film?

Ich jage Luna.

 

Was ich darüber bis jetzt so gelesen habe, wird das ein Kino-Pflichttermin für Thriller-Fans: Der Plot ist super, die Rollen sind mördermäßig besetzt. Wir sprachen bereits darüber. Aber kannst du mir am Beispiel von „Luna“ erklären, wie du die Rolle bekommen hast?

Ganz klassisch. Meine Agentin hat mir das Drehbuch zukommen lassen, ich wurde für einen Tag zum Casting nach München eingeflogen. Das muss man sich wie einen Chemieversuch vorstellen, bei dem getestet wird, ob alles harmoniert. Man spielt gemeinsam mit anderen Personen ein paar Szenen und schaut, wie das Ganze durch die Kamera aussieht. Am selben Abend hatte man mir dann mitgeteilt, dass ich die Rolle hätte.

 

So schnell werden Entscheidungen gefällt?

In dem Fall schon. Aber meistens wartest du wochenlang und hörst nichts. Innerlich hakst du den Job ab – und bekommst einen Tag vor Drehbeginn Bescheid, dass du für eine Rolle gebucht bist.

 

Das erinnert mich an mein Casting als Balboa seinerzeit für „Rocky“. Da habe ich bis heute nichts gehört und meine, dass der Film auch noch nicht gedreht wurde …Wo waren wir? Ach ja: Bleibt dein Schwerpunkt denn jetzt erst einmal in Deutschland?

Das kann ich nicht sagen. Ich werde dorthin gehen, wo mir Arbeit in meinen Beruf, den ich liebe, angeboten wird. Im Moment bin ich jedenfalls bis März für Dreharbeiten in Berlin.

 

Branko, wir erfahren immer von Schauspielern, dass man nirgendwo schlechter verdient als in diesem Job. Kannst du denn deine Suppe selber bezahlen?

Natürlich. Seit Jahren schaffe ich es, mich mit der Schauspielerei zu ernähren…

 

… aber du fliegst Easy-Jet…

(lacht) Nach Münster gibt es keine bequemeren Fluglinien.

 

Es darf sicher durchaus mehr als Toastbrot sein?

Über Geld zu reden, ist schwierig, wenn es nicht arrogant klingen soll. Aber seitdem ich in London bin, musste ich noch nie einen Nebenjob annehmen. Und in London lebe ich jetzt seit 13 Jahren. Viel wichtiger als das Geld ist die Angst, nicht genug zu tun zu haben. Es ist durchaus nicht selten, dass man nach einem Projekt ein halbes Jahr lang nichts hört – und man anfängt, sich Sorgen zu machen, was als nächstes kommt.

 

Wird man da panisch?

„Panisch“ ist vielleicht zu viel gesagt. Aber nervös. Du fährst regelmäßig zum Casting, unterbrichst dafür deinen Urlaub und erhältst dann weder Nachrichten noch Absagen. Manchmal ist es ja nicht mit einem Casting getan. Du musst dich in verschiedenen Runden durchsetzen, landest am Ende unter den letzten Zwei – und fliegst dann raus. Auf der einen Seite könnte man denken, dass es gut ist, einer der letzten Beiden zu sein. Auf der anderen Seite nervt sowas ordentlich. Das lässt einen durchaus für einen Moment verzweifeln. Oder besser gesagt: Zweifeln.

 

Aber im Moment macht es den Anschein, dass wir uns um dich keine Sorgen machen müssen. In vielen Gesprächen, die wir mit deinen Schauspielkollegen geführt haben,
ist das nicht so.

Jeder geht seinen Weg – und der ist nun mal unterschiedlich. Deswegen glaube ich auch nicht an Konkurrenz untereinander.

 

Echt nicht?

Du musst dir vorstellen, du gehst in ein Casting und da sitzen neun Leute, die so aussehen und sprechen wie du. Das ist schon befremdlich. Aber letztendlich entscheiden nicht wir, wer die Rolle bekommt, sondern andere.

 

Wenn ich mich recht entsinne, haben wir vom Stadtgeflüster deine Karriere richtig gepusht: Du drehst weltweit nur die geilsten Filme. Ich habe deine Nummer, kann mich an der Agentur vorbei mit dir zu einem Drink verabreden. Wird das stets so bleiben?

Natürlich. Was denn sonst? Ich werde immer der Branko aus Münster bleiben. (lacht) Da fällt mir ein: Kennst du die Funktion, dass man bei einem Handy Rufnummern blockieren kann, ohne dass es der Anrufer merkt?

 

Waaaas, sowas gibt es? Noch nie habe ich das gehört. Musstest du dieses Feature bereits anwenden?

Durchaus. Es gibt halt den einen oder anderen nervigen Anrufer, bei dem man es bereut, dass man ihm seine Nummer gegeben hat.

 

Da haben wir ja beim nächsten Mal was zu besprechen. Branko, es war wie immer super, mit dir zu klönen.

Danke für die Zeit.

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Branko Tomovic

Der 1980 in Münster geborene Schauspieler war bereits an der Seite von Brad Pitt, Kiefer Sutherland, Shia LaBeouf, Benicio del Toro und John Goodman zu sehen. Sein Regiedebüt „Red“ brachte ihm verschiedene Nominierungen und Preise auf Filmfestivals ein. In „Luna“ verkörpert er ab diesen Monat in den Kinos seine erste Hauptrolle in einem Thriller.

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