Stadtgeflüster-Interview: Tom Feuerstacke und Heiner Lauterbach teilen und führen zusammen Mauern entstehen in Köpfen, heute wie früher

Bei aller Tragik hat die deutsche Geschichte uns vieles gelehrt und aufgezeigt, wie Zukunft positiv gestaltet werden kann.Auch wenn es Gegenwind gibt und der Schrei nach der Vergangenheit laut wird, führt kein Weg zurück in dunklere Kapitel unserer Zeit. Es gibt nur den Weg nach vorne, der für folgende Generationen lebenswert gestaltet werden muss. Erzählungen,Bücher und Filme helfen dabei, Geschichte zu verstehen und sie zu nutzen.

Von Tom Feuerstacke
Stadtgeflüster-Interview: Tom Feuerstacke und Heiner Lauterbach teilen und führen zusammen: Mauern entstehen in Köpfen, heute wie früher
Schauspieler Heiner Lauterbach ist spätestens seit seiner Darstellung von Julius Armbrust in „Männer“ aus deutschen Produktionen nicht mehr wegzudenken. Foto: Stadtgeflüster

Heiner, der erfolgreiche Dreiteiler „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“, geht in die nächste Runde. Die nächsten drei Teile sind abgedreht, werden Anfang des Jahres ausgestrahlt. Wie entstand die Idee einer Fortsetzung?
Diese Filmtrilogie über ein Dorf, das durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges geteilt wurde und gleichzeitig eine Geschichte eines Grafen erzählt, der sein Gut verliert, sollte von Anfang an bis zur Wiedervereinigung und der Rückgabe des Gutes an den Grafen in den 90er Jahren gehen. Da es aber im Filmgeschäft mittlerweile nicht mehr üblich ist, alles sofort zu drehen, sondern die Resonanz abzuwarten, wurden erst drei und jetzt nochmal drei Folgen abgedreht.

Wenn ich das richtig verstanden habe, werden in der zweiten Staffel die 60er und 70er Jahre behandelt. Die Tragik der Trennung einer Familie, eines Dorfs und eines Landes vertieft?
So sieht es aus. Die Brutalität der Trennung und die damit einhergehenden Problematiken bis hin zu Traumata, aber auch der nicht ganz normale Alltag einer geteilten Stadt werden in den nächsten Teilen aufgezeigt. Und wenn dann alles so gut läuft wie bei den Vorgängern, wird es noch drei weitere Filme geben, die mit der Wiedervereinigung enden und somit ein gutes und versöhnliches Ende finden.

Ziemlich schwierig, über etwas zu sprechen, ohne vom Inhalt zu viel preiszugeben. Wie alt ist Georg von Striesow mittlerweile – und wird er zur Wiedervereinigung sein?
(lacht) Ziemlich alt. So genau kann ich es gar nicht sagen. Aber es werden sicherlich einige Altersmasken fällig.

Heiner, wie kommt es, dass Erzählungen wie über Tannbach, über unsere Geschichte, solche Erfolge erzielen? Noch dazu im In- und im Ausland?
Das ist offensichtlich ein Thema, das die Zuschauer interessiert und bewegt. Woran sie Anteil nehmen, eine starke Verbindung dazu verspüren. Entweder hat man diese Geschichte selber erlebt oder kennt das von Erzählungen seiner Eltern oder Großeltern, also den Verwandten. Oder man hörte Berichte über das Erlebte von Freunden oder Bekannten. Das ist halt unsere Geschichte – und die lässt uns weder kalt noch los. Und das ist ja auch richtig so.

Betrachtet man deine Rolle in den ersten drei Teilen, den Grafen von Striesow, widerfährt dem ja alles, was historisch möglich ist: Verlust des Gutes, Teilung des Dorfes und dadurch die Trennung der Familie. Der Erste an der Grenze Erschossene gehört zu seiner Sippe. Und im letzten Teil kommt raus, dass er im Zweiten Weltkrieg als Offizier ein Dorf hat vernichten lassen. Wie denkt man sich in eine solche Rolle, solch harten Tobak?
(lacht) Das ist die Kunst der Schauspielerei. Das Meiste, was ich darstelle, habe ich ja nicht erlebt. Wie hat schon Laurence Olivier auf die Frage geantwortet: „Try acting!“ – als Dustin Hoffman ihn in „Marathon Man“ 30 Mal fragte, wie er spielen solle, wenn Laurence in seinen Zähnen bohrte. Versuche es mit der Schauspielerei. Das ist der wichtigste Tipp. Spielt man einen Mörder, kann man ja im Vorfeld nicht einfach Menschen umbringen, um zu erfahren, wie das so ist und wie man dabei fühlt.

Das klingt so einfach, wie es vermutlich schwer ist.
Naja. Wir leben von einem starken Drehbuch, das uns
die Worte in den Mund legt und das Spielen vorgibt. Die Umsetzung muss man dann im Verbund mit dem Regisseur selber hinbekommen.

Es gibt leichte und schwere Bücher. In „Tannbach“ spielen wenige Hauptcharaktere und die haben Maximales erlebt oder werden Extremes erleben. Ist das wirklich nur Schauspiel? Wie lange bereitest du dich auf solch eine tragende Rolle vor?
Wirklich nicht länger als auf die meisten Rollen. Da helfen einem die Kulisse, das Bühnenbild, die Kostüme und Requisiten. Das sind Unterstützungen nicht nur für den Zuschauer, sondern auch für uns. Ist man vier Stunden durch das tiefste Tschechien gefahren, wo man in diesem kleinen Dorf ankommt, das für die nächsten Tage der Drehort sein wird – und dort sieht es wirklich so aus, wie zu der Zeit, in der die Geschichte in bewegten Bildern erzählt wird. Das hilft sehr, sich in diese Rolle zu versetzen.

Wie lange brauchst du, wenn eine solche Arbeit im Kasten ist, dich von der Rolle zu befreien?
Das ist ein Erfahrungsprozess, eine sogenannte Routine. Man lernt in diesem Beruf, die Dinge so nah wie möglich an sich heranzulassen, quasi zu inhalieren, zu verinnerlichen. Man muss sie aber auch ebenso rasch wieder abschütteln können, weil die nächste Aufgabe wartet.

Schaut man sich „Tannbach“ oder Filme mit ähnlichen Themen an, kann man froh sein über die Gnade der späten Geburt. Trotzdem muss man sich, und das ist gut so, mit seiner Geschichte auseinandersetzen. Wie empfindest du es, als jemand, der Historisches spielt, wenn Menschen alte politische Systeme zurückwollen und verherrlichen?
Wie Adenauer einst schon sagte, muss man mit den Menschen zurechtkommen, die da sind, denn es gibt keine anderen. Es gibt auch Menschen, die hauen anderen mit einem Hammer auf den Kopf. Es wird immer Leute geben, die irgendeine Scheiße machen. Ich bin einer der Allerletzten, die frei sind davon, Blödsinniges zu tun. Von daher will ich gar nicht diesen moralisierenden Stab über jemandem brechen. Tatsache ist aber, dass wir damit leben müssen, dass es sehr unterschiedliche Menschen auf der Welt gibt. Es gibt Leute, die uns extrem schaden, die Parasiten sind, die nur ihren Vorteil suchen, die Verbrechen begehen und auf Kosten Dritter leben. Auf der anderen Seite opfern Menschen ihr Leben, indem sie nach Afrika fahren und anderen in Not helfen – so unterschiedlich sind wir.

Wo fängt man da an zu agieren und gegenzusteuern?
Ist ein Mensch nicht in der Lage, zu erkennen, dass gewisse Strukturen und Verhaltensweisen ins Verderben führen und kann er nicht rekapitulieren, wie das in der Vergangenheit war – und dass das wieder auf uns zukommen wird –, ist dem nicht zu helfen. Nicht von mir und schon gar nicht, wenn ich jetzt irgendetwas dazu sage. Wir müssen dafür sorgen, dass wir vernünftig denkenden Menschen in der Überzahl bleiben, auch wenn wir nicht frei sind von Fehlern. Dass wir kompatibel bleiben in der Masse, darauf müssen wir achten.

Heiner, wenn man deine Vita liest, gibt es wenig, was du noch nicht gespielt hast. Gibt es etwas, was du unbedingt noch realisieren möchtest?
Ja, da gibt es etwas, dazu kann ich aber noch nicht so viel sagen, da wir noch in den Gagenverhandlungen stecken.

Es wird aber was, dass du dir schon immer gewünscht hast?
Ja, so ist es. Und wenn es
so weit ist, kannst du mich anrufen und wir unterhalten uns darüber. Aber grundsätzlich bin ich immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen oder Genres, die ich noch nicht gemacht habe. Zudem bin ich stets bemüht, unterschiedliche Dinge hintereinander zu machen. Aber das Leben ist natürlich kein Wunschkonzert. Es kommt immer auf Angebot und Nachfrage an.

Ich habe gelesen, dass du spät angefangen hast, Klavier zu spielen. Wann war das?
Vor ungefähr acht Jahren.

Und du hast bereits einen Preis für dein Klavierspiel erhalten, und zwar wurdest du zum Klavierspieler des Jahres gekürt?
Das stimmt. Das Ganze ist aber weniger meinem Spiel geschuldet, als vielmehr der Leidenschaft, mit der ich das kommuniziere. Musik überhaupt und Klavier im Speziellen. Mit 15 Jahren habe ich angefangen, Schlagzeug zu spielen. Danach folgte die Gitarre – und das Ganze natürlich in einer Band. Vor acht Jahren habe ich mich entschieden, das Klavier zu erlernen, mit der gesamten Theorie, die dazugehört. Diese ganze Begeisterung hat letztendlich dazu beigetragen, dass ich den Preis gewonnen habe.

Was kommunizierst du denn bezüglich der Musik?
Ich erkläre gerne und vor allem meinen Kindern und Jugendlichen, dass das Fenster Musik, wenn es sich öffnet, eine Chance ist, die man nicht vorbeiziehen lassen, sondern ergreifen und nutzen sollte. Ich zum Beispiel spiele wie gesagt acht Jahre Klavier und das auch gut. Und es macht wirklich unendlich Spaß.

Zum Schluss habe ich noch eine Frage. Große Bekanntheit hast du durch den Film „Männer“ erlangt. Wie viele Menschen fragen dich, ob du den Managertest noch kannst?
(lacht) nach dem Film fragen mich schon noch einige. Aber nach dem Managertest fragt keiner mehr. Das ist schon einige Zeit her, und ich freue mich immer, wenn ich darauf angesprochen werde.

(Anm. d. Verf.: Bei einem Managertest wurde man aufgefordert, einen Papierhut zu falten, diesen aufzusetzen und auf einen Stuhl zu steigen. Natürlich ist man nach Ausführung dessen durchgefallen, da sich echte Manager niemals bereiterklären würden, einen Hut zu falten, diesen aufzusetzen und auf einen Stuhl zu steigen.)

Danke für die Zeit, Heiner – wir melden uns im Sommer, sobald es Neuigkeiten gibt.

Ich danke dir für das Gespräch, wir hören uns im Sommer.

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Heiner Lauterbach

Der 1951 in Köln geborene Schauspieler und Synchronsprecher ist spätestens seit seiner Darstellung von Julius Armbrust in „Männer“ aus deutschen Produktionen nicht mehr wegzudenken. Ganz nebenbei perfektioniert er leidenschaftlich sein Klavierspiel. 

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