„Dialoge zum Frieden“ im Rathausfestsaal
Durchbrochenes Schweigen

Münster -

Er war ihr Großvater, hat ihr vorgelesen, mit den Ohren gewackelt und Mundharmonika gespielt. Doch in einem Ordner mit Prozessunterlagen, den sie nach seinem Tod von ihrer Oma erhält, begegnet Stephanie Borgert einem anderen Opa: dem Kriegsverbrecher . . .

Dienstag, 08.10.2019, 18:44 Uhr
Dialoge zum Frieden mit (v.l.) Prof. Dr. Sabine Mecking, Stephanie Borgert, Prof. Dr. Heide Glaesmer und Gisela Steinhauer. Foto: wam

Carola von Seckendorff hat aus diesen Dokumenten das Theaterstück „Der Ordner“ gemacht, bei dem die Enkelin selbst ihren Großvater Walter Pohl (Hannes Demming) postum zu seinen Taten in der NS-Zeit zur Rede stellen kann. In der Reihe „Dialoge zum Frieden“ bot das Stück eine hervorragende Möglichkeit, so der Historiker Alfons Kenkmann, den Themenkomplex „auf der familialen Ebene“ abzubilden. Das überfällige, so nachgeholte Gespräch, das sich zwischen Pohl, Borgert und Cornelia Kupferschmid als zorniger Leserin der Akte entspinnt, fördert einen opportunistisch regimetreu handelnden Mann zu Tage. Pohl tritt 1933 in die NSDAP ein, wird Polizist, SA-Mann, später als SS-Obersturmführer Teil des „Einsatzkommandos 6“, das 1942 im russischen Schachty über 100 Menschen massakriert. „Ich habe mitgemacht, weil ich nicht anders konnte“, rechtfertigt er sich. Im Prozess wird er schuldig gesprochen, erwirkt in der Revision aber einen Freispruch. Er sei nur „Gehilfe“ gewesen. „Ich habe das alles erlebt. Und ich träume jede Nacht davon.“

„Die Schuld wird man nie wieder los. Durch das Schweigen noch weniger“, erläuterte die Psychologin Prof. Dr. Heide Glaesmer (Leipzig) in der von Gisela Steinhauer moderierten Diskussionsrunde. Verletzungen, „konspiratives Schweigen“ seien bei Opfern wie Tätern festzustellen. „Wir sind alle hinten rüber gefallen“, beschrieb Borgert ihre erste Reaktion auf das gelüftete Familiengeheimnis um den Prozess, der als „Die Zeit, als Opa in Wuppertal war“ verbrämt wurde. Darf man solche Ordner je schließen? Polizei- und Zeithistorikerin Prof. Dr. Sabine Mecking (Marburg): „Klares Nein!“ Die Aufarbeitung der Vergangenheit liefere Orientierung und Handlungsoptionen für die Gegenwart.

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