Europawahl: Grüne verdoppeln Ergebnis in Münster
Erstmals stärkste Kraft

Münster -

Das Ergebnis ist eine Sensation: Erstmals sind die Grünen in der Domstadt stärkste Kraft - und das mit rund zwölf Prozentpunkten Abstand vor der CDU. Verlierer gibt es aber mehrere.

Sonntag, 26.05.2019, 22:44 Uhr aktualisiert: 26.05.2019, 23:06 Uhr
Schon früh am Wahlabend  feierten die Europawahlkandidatin Anna Blundel (vorne, v.l.) und der Kreisvorsitzende der Grünen, Stephan Orth, die guten Werte bei den Hochrechnungen. Die eigentliche Sensation folgte aber später . . . Foto: Matthias Ahlke

Der Wahlabend war so außergewöhnlich, dass ausgerechnet die Oppositionspolitiker im Rat als erste erklärende Worte fanden: „Jetzt zeigt sich so richtig, wer Koch und wer Kellner in Münster ist“, ließ FDP-Fraktionschef Jörg Berens keinen Zweifel daran, dass die Grünen im schwarz-grünen Ratsbündnis künftig noch dominanter auftreten werden.

Und der Linke Rüdiger Sagel meinte: „Wir erleben hier einen Erdrusch-Sieg der Grünen, dessen Folgen noch gar nicht abzusehen sind.“

In der Tat: Erstmals in ihrer 40 Jahre währenden Geschichte in Münster wurden die Grünen am Sonntagabend bei einer Wahl die stärkste Partei. Mit 36,6 Prozent der Stimmen ließen sie die CDU, die auf 24,4 Prozent kam, klar hinter sich, die SPD wurde mit 14,4 Prozent regelrecht deklassiert.

Nicht damit gerechnet

Anna Blundell, die als Kandidatin der münsterischen Grünen ins Rennen gegangen war, wurde zwar nicht mit einem Mandat in Brüssel belohnt, freute sich aber ungemein über den Erfolg: „Nein, ich habe nicht damit gerechnet, dass wir vor der CDU landen.“

Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) war derweil sehr bemüht, die Signalwirkung dieses Abends in Berlin und nicht in Münster zu verorten. „Eine Europawahl ist keine Kommunalwahl“, so seine Analyse. Auf die Frage nach seiner künftigen Zusammenarbeit mit den Grünen sagte er: „Es ist gut, wenn man einen selbstbewussten Koalitionspartner hat.“

Grünen in die Karten gespielt

Eine – gemessen an der Dimension der Niederlage – sichtlich gefasste CDU-Kreisvorsitzende Sybille Benning appellierte an die eigene Partei, den Klimaschutz und die Anstrengungen in der Umweltpolitik zu forcieren. „Die Menschen wollen mehr“, so ihre Botschaft. Auf die Frage, ob die CDU grüner werden müsse, reagierte sie mit einem viel sagenden Lächeln, widersprach aber nicht.

Hinter vorgehaltener Hand wurden andere in der Partei noch deutlicher: Die ignorante, teilweise abfällige Haltung mancher Christdemokraten gegenüber der Bewegung „Fridays for Future“ habe der CDU geschadet und den Grünen in die Karten gespielt. Der stellvertretende CDU-Fraktionschef Dr. Dietmar Erber attestierte dem Bündnispartner jedenfalls, auf das richtige Thema gesetzt zu haben.

Zurückhaltende Ambitionen

Der GAL-Fraktionschef Otto Reiners gestand, davon geträumt habe, erstmals vor der CDU zu liegen. „Aber ich habe es nicht gewagt, das laut zu sagen.“ Die Deutlichkeit des Vorsprungs indes habe er nicht für möglich gehalten.

Zu den möglichen Ambitionen der Grünen bei der Kommunalwahl 2020 äußerte sich Reiners zurückhaltend: „Wir wollen weiterhin mit der CDU eine bodenständige Politik machen.“ Über einen Oberbürgermeisterkandidaten oder -kandidatin werde die Partei erst Anfang 2020 entscheiden.

SPD außen vor

Etwas forscher präsentierte sich da der grüne Bürgermeister Gerhard Joksch. Ja, die Grünen würden jetzt versuchen, auch bei der Kommunalwahl 2020 in Münster die stärkste Partei zu werden. „Warum sollen wir diesen Schwung jetzt nicht mitnehmen?“

Fast schon außen vor bei diesem Politkrimi im Rathaus war die SPD. Kreisvorsitzender Robert von Olberg gratulierte dem Wahlsieger artig und meinte dann: „Das grün dominierte Rathaus wird noch grüner.“

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