Ruth Messing inszeniert „Münster 69“ im U 2
Revolution in der Provinz

Münster -

Im Jahr 1969, an den Städtischen Bühnen ist gerade der Grundstein für das Kleine Haus gelegt, erleben die Besucher auf dem Weg in die Oper im Großen Haus eine befremdliche Performance. Diese wird in einem aktuellen Stück im U2 erneut aufgegriffen. Das könnte spannend werden.

Dienstag, 08.01.2019, 15:52 Uhr
Eine Szene aus „Münster 69“ mit Christian Bo Salle, Carolin Wirth und Paul Maximilian Schulze Foto: Oliver Berg

Von diesem Eklat wissen heute vermutlich nur noch die wenigsten: Im Jahr 1969, an den Städtischen Bühnen ist gerade der Grundstein für das Kleine Haus gelegt, erleben die Besucher auf dem Weg in die Oper im Großen Haus eine befremdliche Performance. „Der Weg ins Theater“, so posaunt eine Gruppe protestierender Studenten und Schauspieler dem damaligen Chef des Hauses, Horst Gnekow (1916-1982), durchs Megafon entgegen, „führt durch den Arsch des Intendanten“. Auch die Theaterbesucher müssen folglich an diesem Abend ein Hindernis durchschreiten, um in den Genuss der Oper zu kommen. Ein Skandal im bürgerlichen Münster! Der jetzt Kern des neuen Stückes „Münster 69 – Revolution in der Provinz“ ist, das morgen im U 2 im Theater Münster seine Uraufführung erlebt.

Ruth Messing, geboren in Bocholt und seit fünf Jahren freischaffend als Regisseurin tätig, ist zugleich Entwicklerin des Stückes. Und weiß dank ihrer Recherchen nur zu gut, was diesem Skandal unmittelbar vorausging. Im Theater wurde zu dieser Zeit Günter Grass’ „Davor“ gespielt – ein Stück in 13 Szenen über revoltierende Studenten, die gegen den Napalm-Abwurf der US-Streitkräfte in Vietnam protestieren. Grass war bei der Premiere zugegen – und erlebte, was auch Studentengemüter erhitzte: dass eine Szene im Stück über die NS-Vergangenheit des Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger in der Inszenierung fehlte.

Grass forderte daraufhin gegenüber Intendant Horst Grekow, diese Passage wieder ins Stück aufzunehmen und drohte mit dem Entzug der Aufführungsrechte. „Da war damals richtig was los in der Stadt“, hat Messing nachgelesen und in Gesprächen mit Zeitzeugen erfahren.

Gnekow beugte sich, plakatierte die Bühne jedoch mit der Aufschrift „Zensiert“, wie die Regisseurin erzählt. Und Grass machte ernst: Schluss war’s vorerst mit „Davor“. Grund genug für die Studenten und Schauspieler, den Intendanten, aber auch die vorhandenen hierarchischen Strukturen am Theater mit der zünftigen Performance anzuprangern.

Und heute? „Es gibt wieder eine Strukturdebatte am Theater“, sagt Messing, „auch befeuert durch die #MeToo-Debatte.“ Den heutigen Kampf um Mindestgagen, Arbeitszeiten und demokratische Formen innerhalb des Theaters haben Messing und ihre drei Akteure Carolin Wirth, Christian Bo Salle und Paul Maximilian Schulze zum Ausgangspunkt ihrer Stadtrecherche genommen. Und so schaut „Münster 69“ nicht nur auf das, was vor 50 Jahren in Münster geschah – auch wenn einzelne Szenen aus „Davor“ am Donnerstag das Stück zum Oberthema „Machtstrukturen“ illustrieren werden. Messing selbst verspricht einen „normalen Theaterabend mit verschiedenen Szenen, die Standpunkte beleuchten“. Auch das Publikum wird einbezogen: „Die Mitbestimmung gilt für alle.“

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Die Premiere von „Münster 69“ am Donnerstag, 10. Januar, ist ausverkauft, evt. gibt es Restkarten. Weitere Termine: 23. Januar sowie 4. und 28. Februar, jeweils 19.30 Uhr im U2 im Theater Münster. Karten: '  59 09 100 oder online.   | theater-muenster.com

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