Ausstellungseröffnung mit Holocaust-Überlebender Schmerzhafte Erinnerungen

Münster -

Die Doppelausstellung „Leben nach dem Überleben“ und „Über-Leben“ zeigt zurzeit in der Bürgerhalle des Landeshauses, wie sich Menschen, die den Holocaust überlebten, heute mit ihren schrecklichen Erinnerungen im Alltag zurechtfinden. Zur Eröffnung am Montag kam zu den eindrücklichen Fotografien aber noch etwas Unschätzbares hinzu - eine Zeitzeugin.

Von Andreas Hasenkamp
Peter Schilling (v.l.), Liesel Binzer und Matthias Ester in der Bürgerhalle.
Peter Schilling (v.l.), Liesel Binzer und Matthias Ester in der Bürgerhalle. Foto: Andreas Hasenkamp

Erinnern kann schmerzhaft sein, auch befriedigend und befreiend: Diesen Eindruck könnten Besucher der Eröffnung der Doppelausstellung „Leben nach dem Überleben“ und „Über-Leben“ mitgenommen haben.

Eine Zeitzeugin sprach in der Bürgerhalle des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, sogar ein Teil der Sitze auf der Empore war besetzt. „Ich trug auch den sogenannten ‚Judenstern‘“, sagte Liesel Binzer, geboren 1936 in Münster. In der Reichspogromnacht zerbarsten auch bei ihren Eltern die Fensterscheiben.

Von 15.000 Kindern überlebten 150 

Seit dem Jahr 2011 spricht Binzer im Dialog mit dem Historiker Matthias M. Ester öffentlich über ihr Leben, begleitet von Bildern: Sie als kleines Mädchen, der Keller am Kanonengraben mit seiner Nässe, in dem die aus der Wohnung vertriebene Familie bis zur Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt leben musste. 15 000 Kinder gab es dort. Binzer war, so Ester, eines von den etwa 150 Kindern, die das „Vorzeige-Ghetto“ überlebten.

Mit ihren Eltern zog sie nach Freckenhorst, kam spät noch in die Volksschule, wurde Finanzbeamtin. Ihre Klassenkameraden wussten etwas, fragten aber nicht. Das habe sie vermisst. Selbst habe sie mit den Eltern und ihren Kindern nicht darüber gesprochen. Spät fand sie zu ihrer Aufgabe, als Zeitzeugin öffentlich zu berichten. Ein Büchlein hat sie verfasst, geht in Schulklassen. „Ich bin erstaunt, was für kluge Fragen die Schüler stellen.“ 

Die Erinnerung ist wichtiger denn je 

In der Info-Tafel zu den Porträtfotos von Ralf Emmerich findet sich ein Zitat von Lissy Frank-Domp: „Endlich kommt mal jemand und fragt, wie es gewesen ist!“ Am Dienstag stand Binzer erneut vor einer Schulklasse. Gern tue sie das, auch wenn „Spaß“ das falsche Wort dafür sei. Das Erinnern sei „heute wichtiger denn je“, sagte Bürgermeisterin Beate-Wendela Vilhjalmsson.

Ein Kern der Ausstellung (wir berichteten) sind Fotos von Helena Schätzle, zwei Generationen jünger als die der Shoah. Sie erzählt von der warmherzigen Aufnahme bei den Überlebenden in Israel, wie sie an jüdischen Festen teilnahm, den Menschen verbunden ist.

Niza Ganor, die kürzlich im Alter von 93 Jahren starb: „Sie hat den Dialog gesucht“. Nicht beantworten könne sie die Frage, wie Menschen, „die so viel Hass erfahren haben, soviel Liebe geben können“. Zum Schluss der Reden kommt eine junge Frau zu Schätzle, dankt.

Traumata reichen bis in die Gegenwart 

Viele Überlebende tragen Traumata mit sich. 1987 entstand die Selbsthilfe-Organisation Amcha, als deren Deutschland-Vertreter Lukas Welz sprach. Die seelischen Schäden reichten bis in die Gegenwart, die von Amcha Betreuten seien zwischen 73 und über 100 Jahre alt. Welz dankte Peter Schilling vom Verein „Spuren finden“, die Ausstellung nach Münster geholt zu haben.

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