Interview mit Arzt und Neurowissenschaftler Tobias Esch Wie sich der Körper selbst heilen kann

Münster -

Unser Körper hat das Zeug dazu, sich selbst zu heilen, sagt Professor Tobias Esch. Der Arzt, Neurowissenschaftler und Gesundheitsforscher hat gerade mit Eckart von Hirschhausen ein Buch veröffentlicht, Mittwoch (7.11.) wird er in Münster einen Vortrag über die Selbstheilungskraft halten. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat mit ihm über die Kraft des eigenen Körpers gesprochen.

Von Stefan Werding
Shiatsu fördert das Wohlergehen von Körper, Geist und Seele. Es ist eine Möglichkeit, seine Selbstheilungskräfte zu stärken.
Shiatsu fördert das Wohlergehen von Körper, Geist und Seele. Es ist eine Möglichkeit, seine Selbstheilungskräfte zu stärken. Foto: imago

Das Universitätsklinikum Münster, die Verkörperung der Schulmedizin also, veranstaltet ein Symposium zum Thema Selbstheilungsprozesse und zur Unterstützung von Selbstwirksamkeit. Was ist denn da los?

Tobias Esch: Erste Antwort: Das hat unter anderem damit zu tun, dass es im Umfeld der Klinik Menschen gibt, die es durch ihr Sein, ihr Wirken und auch ihre Hartnäckigkeit geschafft haben, diese Tür mit aufzustoßen. Die zweite Antwort: Das ist auch ein bisschen tragisch. Wenn ich an das Münsteraner Memorandum (Anmerkung der Redaktion: Darin argumentiert eine Gruppe von Medizinern generell gegen einen Einsatz alternativer Heilmethoden in der Medizin) und die schlichte Gegenüberstellung von Schul- und Alternativmedizin denke, die mir so zu einfach ist, dann muss ich sagen: In welcher Welt lebt Ihr eigentlich?

Sie selbst haben ein Buch mit dem Titel „Der Selbstheilungscode“ geschrieben. Wie anerkannt sind in der Wissenschaft unsere Selbstheilungskräfte?

Esch: Ich war Professor an der Harvard Medical School in Boston. Wir haben mit unserem dortigen Team vor zwei Wochen im New England Journal of Medicine – das ist das angesehenste medizinische Journal weltweit – zur Frage von Patientenaktivierung publiziert. Dort hat kein Mensch irgendein Problem mit der Aktivierung von Ressourcen. Und auch der Placeboeffekt existiert, fraglos. Und in Deutschland wird immer noch gestritten über Schul- und Alternativmedizin. Wer heute noch behauptet, dass Selbstheilungskräfte prinzipiell esoterisch seien, der hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum mit der dezidierten Wissenschaft hinter diesen Phänomenen befasst. Ich plädiere für eine wissenschaftlich offene, fundierte „Sowohl-als-auch-Medizin“, keine einfache Scheuklappen oder eine „Entweder-Oder-Zweiteilung“.

Sie sind gerade auf dem Weg nach Frankfurt und Paris. Wie steht es um Ihre Selbstheilungskräfte?

Esch: Selbstheilung bedeutet nicht zwingend Rückzug. Selbstheilung bedeutet persönlich für mich, aber auch in unserer wissenschaftlichen Sichtweise, einen Ausgleich zu finden zwischen Stress und der Kompetenz zu seiner Bewältigung. Wie können wir den bewegten Zeiten etwas entgegensetzen, um den Kopf immer über Wasser zu haben?

Was tun sie dafür?

Esch: Ich beginne jeden Tag mit einer kurzen Meditation und einer Yoga-Übung. Ich versuche mich jeden Tag eine halbe Stunde zu bewegen und immer wieder achtsame Momente zu haben. Ich achte darauf, dass ich mich ausgewogen ernähre und mich nicht in negative Muster hineindenke. Wenn man das viele Jahre macht, stellt man fest, dass man stresskompetenter wird.

Sie würden also auch einem Patienten mit Krebs sagen: „Du kannst mit Deinen Selbstheilungskräften deinen Körper unterstützen, gesund zu werden.“

Esch: Bis auf den Nachsatz, zunächst einmal: Ja. Das letzte, was ein Krebspatient jedoch braucht, ist das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Dann trägt er oder sie auch noch die Schuld für seine Erkrankung. Die Tatsache, dass Selbstheilung prinzipiell existiert, ist ja kein Versprechen auf Gesundheit. Wer das behauptet, wäre ein Scharlatan.

Hat unsere Selbstheilungskraft denn Grenzen?

Esch: Krankheit ist ein Ausdruck dafür, dass die eigenen Regulationskräfte überfordert sind. Das passiert, wenn der Krankheitsreiz zu groß ist. Bei Infektionen etwa oder wenn ein Krebs entsteht, auch bei genetischen Veranlagungen, kann die Selbstregulation überfordert sein. Mein Punkt ist: Selbstregulation endet nicht, wenn Krankheit entsteht. Darum können Menschen selbst im Krankheitsfall – als Patienten – dennoch häufig etwas tun und beitragen. Das werfen sie dann mit in die Waagschale zu dem, was ihr Arzt oder Therapeut leistet. Das ist der Weg: Gemeinsam und miteinander.

Zum Thema

Das Symposium „Hochleistungsmedizin trifft Selbstheilung“ beginnt Mittwoch um 14 Uhr im Hörsaal L 10 im Lehrgebäude UKM, Albert-Schweitzer-Campus 1, Gebäude A6. Anmeldung unter symposium7112018­@­ukmuenster.de.

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