Chorgemeinschaft St. Martini singt Rossinis „Messe solennelle“ Schieres Daseinsglück

Münster -

Er fürchtete nicht Tod noch Teufel, lebte gottergeben ein tolles Leben: Gioachino Rossini gehört zu den glücklichen Genies der Musikgeschichte. Mit 37 Jahren beendete er seine Karriere, zelebrierte ein genussvolles Privatierdasein und komponierte nur noch nebenbei – Meisterwerke. Zu den letzten zählt die „Petite Messe solennelle“ von 1863, der Rossini ein frivol-ironisches Vorwort beifügt: „Lieber Gott – jetzt ist sie endlich fertig, diese arme, kleine Messe ... Wenig Wissenschaft, etwas Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und mach, dass ich in den Himmel komme!“

Von Günter Moseler
Das kleine, feine Ensemble
Das kleine, feine Ensemble Foto: Günter Moseler

In der St.-Martini-Kirche wurde das Werk vom Chor St. Martini sowie Solistenquartett unter Ralf Junghöfer in der Urfassung für Klavier und Harmonium aufgeführt. Zügig gleich das „Kyrie“, dessen ostentative Bässe Lucius Rühl am Klavier mit dramatischer Verve akzentuierte, während Bernhard van Almsicks Harmonium deren sakrale Tendenz aufscheinen ließ. Mit klarer Rhythmik und Intonation verlieh der Chor harmonischen Schärfen expressive Intensität.

Ätherisch folgte das „Christe eleison“, dessen changierende Harmonik der Chor mit düsterer Emphase ebenso meisterte wie seine kon­trastive Dynamik. Unerhört introspektiv Chor und Quartett im „Et in terra pax“, als seien Himmel und Erlösung bereits in greifbare Nähe gerückt. Im Terzettino „Gratias agimus tibi“ demonstrierten die Solisten Michael Nonhoff (Bass), Enrique Bernardo (Tenor) und Dagmar Linde (Alt) vokale Eleganz, blieb labyrinthische Polyphonie von einem opernhaften Hauch süßer Sünde umhüllt. Dafür stemmte der Tenor mit heldischer Attacke seine Arie „Domine Deus“, Sopran und Alt umhüllten das Duetto „Qui tollis“ mit samtenem Glanz, der Bass forcierte heroische Amplituden im „Quoniam tu solus sanctus“. Die chorischen Doppelfugen „Cum sanctu spiritu“ und „Et vitam venturi“ verströmten voluminösen Optimismus, der Fanfarenimpetus des „Credo“ entfesselte eine tänzerische Daseinsfeier.

Den Tiefpunkt der Kreuzigung als Höhepunkt der christlichen Heilsgeschichte reflektiert das „Cruzifixus“ für Sopran-Solo, das Heike Hallaschka so Erd-entrückt sang, als klinge im Hintergrund gläubiger Zuversicht dessen Gefährdung als kon­stitutive ultima ratio stets mit. Die Auferstehung „Et resurrexit“ wie das finale „Agnus Dei“ führte Chor und Solisten dann in jene theatralischen Gefilde zwischen Schauder und Begeisterung, in denen das „dona nobis pacem“ wie schieres Daseinsglück nachklingt. Undenkbar, dass Rossini mit dieser Eintrittskarte da oben keinen Logenplatz ergattert hätte. Herzlicher Beifall.

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