Hindernisse bei Evakuierungen
Die Last der Weltkriegs-Rückstände: Bauboom sorgt für viele Bombenfunde

Münster -

Noch immer unentdeckt schlummert unter der Erde Gefahrenpotenzial vor sich hin – und das wohl noch für eine sehr lange Zeit. 73 Jahre sind seit Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Seine teils explosiven Hinterlassenschaften haben bis heute Folgen. Allein über Münster wurden mehr als 680.000 Bomben abgeworfen – 15 bis 20 Prozent sind nicht explodiert. Welche Rolle Kampfmittel aktuell und in den kommenden Jahren spielen werden, erläuterten Experten der Feuerwehr.

Donnerstag, 01.11.2018, 17:26 Uhr aktualisiert: 01.11.2018, 17:47 Uhr
Noch immer müssen – wir hier in Wolbeck – Bomben entschärft werden. Foto: Oliver Werner

Große Baumaßnahmen prägen seit einiger Zeit das Stadtbild Münsters. Die Arbeiten müssen jedoch manchmal unerwartet gestoppt werden: Über Jahrzehnte unentdeckt gebliebene Blindgänger treten zutage und müssen geborgen werden. Die Folgen: umfangreiche Evakuierungsmaßnahmen in Wohnvierteln und starke Verkehrsbeeinträchtigungen. 

So beispielsweise beim Neubau des Hauptbahnhofgebäudes und auf der Hafencenter-Baustelle . Auch beim weiteren Ausbau der Umgehungsstraße sowie des Dortmund-Ems-Kanals sind solche Maßnahmen zwischenzeitlich erforderlich. Insbesondere diese beiden Projekte „werden uns noch mehrere Jahren beschäftigen“, sagt Jörg Rosenkranz von der Feuerwehr Münster.

Kriegs-Rückstände - ein sensibles Thema

Als Ordnungsbehörde ist die Feuerwehr erster Ansprechpartner beim Thema Kampfmittel. Das gilt grundsätzlich für jeden Bauherrn – egal ob Großprojekte umgesetzt werden oder der Bau von Wohnhäusern geplant ist. Mit den Gefahren, die in Münsters Erdreich verborgen sind, und deren Beseitigung beschäftigt sich Rosenkranz bei der Feuerwehr zusammen mit Susanne Reckhorn-Lengers.

Auf 85 Prozent der Stadtfläche wurden Bomben abgeworfen, erläutert Jörg Rosenkranz. „Der Krieg ist natürlich nicht so sehr im Bewusstsein vieler Menschen präsent“, sagt Susanne Reckhorn-Lengers. Ebenso die Gefahr, die mit den Rückständen einhergeht. 

Was grundsätzlich verwundert, denn „seit dem Loveparade-Unglück in Duisburg besteht allgemein eigentlich ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis - in vielen Bereichen. Aber bei einem sensiblen Thema wie Kampfmittel ist es nicht so stark ausgeprägt“, wundert sich Susanne Reckhorn-Lengers.

Bewusstsein für Gefahren schärfen

Gesetzliche Vorgaben machen den jeweiligen Bauherrn für die Kampfmittelüberprüfung verantwortlich,doch nicht jeder ist sich dessen bewusst. Das war jedenfalls lange Zeit offenbar der Fall, aber die Einstellung dazu hat sich in den letzten drei Jahren merklich gewandelt. Der Grund: Günstige Kredite sorgten für einen Bauboom. „Wir haben versucht, Bauherren für das Thema Kampfmittel zu sensibilisieren und das Bewusstsein zu schärfen“, berichtet Susanne Reckhorn-Lengers. Mit Erfolg.

Das Ergebnis: 2017 wurden bei der Feuerwehr Münster rund 800 Anträge auf Kampfmittel-Überprüfung gestellt, Mitte dieses Jahres lag die Anzahl bei rund 380 Anfragen. Auch Bauunternehmer konnten durch die Aufklärungsarbeit verstärkt sensibilisiert werden: „Viele Unternehmer machen sich verstärkt Gedanken über die Gefahren. Gerade zum Schutz ihrer Mitarbeiter bestehen sie auf Nachweise, dass Grundstücke im Vorfeld auf Kampfmittel überprüft worden sind“, freut sich  Susanne Reckhorn-Lengers.

Verdachtsfall im Klinik-Viertel

Am Freitag (2. November) sind Umleitungen für die Buslinien 1, 2, 5, 11, 12, 13, 22 sowie die Regionalbusse R63, R64 und 564 am Coesfelder Kreuz möglich. Ob die Busse umgeleitet werden müssen, entscheidet sich erst kurzfristig, da ein sogenannter Blindgänger-Verdachtspunkt nahe dem Uniklinikum untersucht werden soll.

Sollte eine Entschärfung notwendig werden, informieren die Stadtwerke auf www.stadtwerke-muenster.de/umleitungen über die Zeiten. Nicht angefahren werden können die Haltestellen Schmeddingstraße, Universitätsklinikum, Lukaskirche, Hautklinik, Schreiberstraße, Mendelstraße und Wilhelm-KlemmStraße. Zudem können die Haltestellen am Coesfelder Kreuz vor und gegenüber der Mensa nicht angefahren werden.

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Großraum Münster fast lückenlos erfasst

Nach Antragseingang prüft die Stadt Münster, ob bereits eine gültige Luftbildauswertung vorliegt. Sollte dies nicht der Fall sein, stellt die Stadt bei der Bezirksregierung Arnsberg einen Antrag auf Luftbildüberprüfung. Die eigene Recherche der Grundstückseigentümer, wie Befragung von Zeitzeugen oder alte Fotoalben können hierbei hilfreich sein.

Aufgrund der erhöhten Zahl von Bautätigkeiten wurden in den vergangenen Jahren öfter Bomben gefunden. Außerdem hatten die Briten Anfang der 2000er Jahre weitere Luftbilder zur Verfügung gestellt, sodass gezielter gesucht werden. Der Großraum Münster ist dadurch nahezu lückenlos erfasst. Zufallsfunde und gezielte Suchfunde halten sich in etwa die Waage, berichtet Anna Carla Springob, Sprecherin der Bezirksregierung Arnsberg.

Grundsätzliche Pflicht von Bauherren

Wird ein Verdachtspunkt ausgemacht, muss der Bauherr finanziell für vorbereitende, teilweise recht kostspielige Maßnahmen aufkommen. Hierzu gehören zum Beispiel Oberflächendetektion zur Suche von eisenhaltigen Gegenständen und Bohrungen rund um die Verdachtsstelle. Die Beseitigung der unter der Erde befindlichen Gefahr ist für jeden Bauherrn grundsätzlich Pflicht. Die Kosten für die Entschärfung und Entsorgung eines Bomben-Blindgängers wiederum trägt das Land NRW. Koordiniert werden die Entschärfungseinsätze von der Kampfmittel-Zentrale in Hagen.

Sollte sich ein Verdacht jedoch als unbegründet herausstellen, und stattdessen andere ungefährliche Objekte zum Vorschein kommen, bekommt der Grundstücksbesitzer seine Auslagen erstattet. Die Stadt Münster kommt finanziell für die Wiederherstellung des alten Zustandes auf.

Problematische Evakuierungen

Nicht immer läuft alles nach Plan: So mussten 2017 nach Spontan-Funden in sieben Fällen Evakuierungen durchgeführt werden. Für die Ordnungskräfte, die im Gefahrenbereich im Einsatz sind, ist die Arbeit öfter erschwert: Denn Vorgaben von Behörden werden zunehmend ignoriert, immer häufiger werden Flatterbänder rund um den Gefahrenbereich missachtet und überwunden. Die Entschärfungen werden zudem öfter durch Anwohner verzögert, die ihre Wohnungen nicht verlassen wollen.

„Manchmal ist es schon etwas befremdlich, was sich unsere Mitarbeiter zum Teil anhören müssen. Dabei sind sie ja nur da, um zu helfen“, ärgert sich Jörg Rosenkranz über Reaktionen einiger Anwohner. Wenn diese sich den Aufforderungen der Feuerwehr und Polizei widersetzen und partout nicht den Gefahrenbereich verlassen wollen, müssen die Ordnungskräfte Zwangsmaßnahmen ergreifen - wozu sie rechtlich in der Lage sind.

Irritierende Verhaltensweisen von Anwohnern

„Wir sind für die Sicherheit zuständig und müssen das Ordnungsrecht durchsetzen, wenn Einsätze gefährdet werden könnten. Das bedeutet, dass die Ordnungskräfte gegen den Willen von Anwohnern Wohnungen betreten und die Bewohner in Gewahrsam nehmen können“, erklärt Jörg Rosenkranz das Vorgehen und führt weiter aus, dass seit rund sechs Jahren solche widerspenstigen Verhaltensweisen immer mehr zu einem Problem geworden sind. 

Mit Blick in die Zukunft werden Weltkriegsbomben die Alltagsroutine in Münster noch so einige Male durcheinanderbringen. Denn: „Es liegen fundierte Erkenntnisse vor, dass erst in mehreren Jahrzehnten - im Idealfall - alle Blindgänger entdeckt und geborgen worden sind“, sagt Jörg Rosenkranz.

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