Verdichtung in der Aaseestadt „Unsere Lebenswelt wird zerstört“

Münster -

Die Aaseestadt steht vor tiefgreifenden Veränderungen. 63 Wohnungen sollen abgerissen, 125 neu gebaut werden, Experten nennen so etwas „Verdichtung“ – von einer "Zerstörung der Lebenswelt" und einer "Provokation" hingegen sprachen jetzt Anlieger bei einer Diskussionsveranstaltung.

Von Martin Kalitschke
Verdichtung in der Aaseestadt: „Unsere Lebenswelt wird zerstört“
Gut kann man auf diesem Foto erkennen, dass zwischen den Wohnblocks an der Mierendorffstraße (Mitte) große Freiflächen verbleiben. Dort sollen zusätzliche Wohnungen entstehen, was für Kritik unter den Anwohnern sorgt. Foto: Cengiz Sentürk

Auf großes Interesse stieß eine Diskussionsveranstaltung der SPD zur geplanten Nachverdichtung in der Aaseestadt. 50 Personen, darunter vor allem Anlieger, sprachen sich klar gegen den geplanten Abriss mehrerer Wohnhäuser aus.

Die Aaseestadt steht vor tiefgreifenden Veränderungen. 63 Wohnungen sollen abgerissen, 125 neu gebaut werden. Der städtebauliche Wettbewerb ist entschieden, der Bebauungsplan soll in Kürze auf den Weg gebracht worden. Im Quartier ist die Verunsicherung allerdings nach wie vor groß, eine Bürgerinitiative hatte 277 Unterschriften gegen die Pläne der Wohn- und Stadtbau gesammelt.

Desillusionierte Anlieger

Das Projekt wird sich indes kaum aufhalten lassen – Veränderungen dürfte es nur noch bei den Details geben. Entsprechend desillusioniert zeigten sich die Teilnehmer eines Bürgerdialogs, zu dem am Dienstagabend die SPD eingeladen hatte. Das Interesse an der Veranstaltung war groß, rund 50 Personen, überwiegend Anlieger aus der Aaseestadt, kamen in die Erich-Klausener-Realschule.

Gleich zu Beginn berichtete ein Mitglied der Bürgerinitiative von einem Gespräch, das er vor Kurzem mit dem Geschäftsführer der Wohn- und Stadtbau geführt habe. Dabei habe dieser klargestellt, dass die Pläne der Wohn- und Stadtbau verbindlich und nennenswerte Veränderungen nicht mehr möglich seien.

Sorge um nachbarschaftliches Klima 

„Eine Provokation“ sei das Vorhaben, so ein Anlieger, mit dieser „massiven Verdichtung“ werde die „Lebenswelt der Bewohner zerstört“. „Eng wird es auf jeden Fall“, räumte SPD-Ratsherr Stephan Brinktrine ein, der dem Aufsichtsrat der Wohn- und Stadtbau angehört. Die gesetzlichen Abstandsflächen würden aber „auf jeden Fall eingehalten“. Nicht nur eng, sondern auch hoch könnte die Neubebauung ausfallen: Aktuell werde über bis zu fünf Etagen gesprochen, eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

„Wenn es den Menschen zu eng wird, dann ist das nicht gut für das Klima der Menschen untereinander“, merkte ein anderer Anlieger an. Eine Anwohnerin befürchtete, dass gerade ältere Mieter die anstehenden zwei Umzüge – von der alten Wohnung in eine Übergangswohnung und dann zurück in eine neue – „nicht überleben werden“. Auch die Angst vor mehr Verkehr ist bei den Anliegern groß. Ein immer wieder geäußerter Alternativvorschlag regte an, die Dachgeschosse bestehender Häuser auszubauen und so mehr Wohnraum ohne Abrisse zu schaffen.

SPD-Ratsherr für „behutsame Verdichtung“ 

SPD-Ratsherr Robert von Olberg machte klar, dass in Münster dringend bezahlbarer Wohnraum benötigt werde. In der Aaseestadt sollten allerdings so viele Häuser wie möglich erhalten bleiben. Er sprach sich für eine „behutsame Verdichtung“ aus, die von den Anwohnern akzeptiert wird. „Was verstehen Sie darunter?“, wollte ein Anlieger wissen. „Wenn Sie sagen, was wichtig ist, kann die Politik das diskutieren“, entgegnete von Olberg. Die zwischenzeitlich aufgeheizte Stimmung im Raum, bei der die 50 Bürger eine geschlossene Front gegen die Pläne der Wohn- und Stadtbau bildeten, konnte dieses Angebot indes nicht abkühlen.

„Wer für Nachverdichtung ist, der weiß, dass das kein Sonntagsspaziergang wird“, merkte Theo Sträßer an, der als SPD-Politiker ebenfalls dem Aufsichtsrat der Wohn- und Stadtbau angehört. Sträßer nahm den Geschäftsführer des Unternehmens in Schutz, dieser sei nicht etwa „ein böser Akteur, der Profit machen will“, sondern verfolge schlicht das Ziel, Wohnraum zu schaffen. Die Grundlage sei nach dem Wettbewerb klar, so seine für viele Teilnehmer ernüchternde Einschätzung. Mehr noch: „Ein schlichtes Nein zur Nachverdichtung in der Aaseestadt wird in der Politik nicht mehrheitsfähig sein“, prophezeite er. Robert von Olberg ergänzte: „Wir haben die Verantwortung, zusätzlichen Wohnraum zu schaffen.“

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