„Null Toleranz gefordert“
Stadtdechant Jörg Hagemann zum Missbrauch in der katholischen Kirche

Münster -

Mindestens 3677 Kinder und Jugendliche wurden seit 1946 in der katholischen Kirche in Deutschland Opfer sexuellen Missbrauchs. Mindestens 1670 Kleriker sollen die Täter gewesen sein, was 4,4 Prozent aller deutschen Kleriker entspricht. Diese Zahlen gehen aus einer Studie hervor, die vier Jahre lang im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erhoben wurde und am 25. September offiziell bekannt gegeben werden soll. Die Zahlen, die unter anderem in der „Zeit“ vorab veröffentlicht wurden, sind nur Schätzungen. Die Dunkelziffer soll weit höher sein. Unsere Redakteurin Iris Sauer-Waltermann sprach mit Münsters Stadtdechanten Jörg Hagemann über die Studie.

Mittwoch, 19.09.2018, 10:00 Uhr aktualisiert: 19.09.2018, 13:19 Uhr
Schockiert sei er über den Inhalt einer Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche, sagt Stadtdechant Jörg Hagemann. Foto: isa

Herr Hagemann, hinter all diesen Zahlen stecken Schicksale. Wie war Ihre erste persönliche Reaktion?

Pfarrer Jörg Hagemann: Als ich das gelesen habe, war ich zutiefst getroffen. Viele Opfer, die als Kinder oder Jugendliche von Männern der Kirche missbraucht wurden, sind für ihr Leben lang gebrochen.

Die Kirche verliert durch diese Fälle an Glaubwürdigkeit. Was kann sie tun?

Hagemann: Es geht nicht in erster Linie um die Glaubwürdigkeit der Kirche. Das Wichtigste ist, die Opfer in den Blick zu nehmen. Viele Kinder und Jugendliche wurden nicht nur missbraucht, sondern ihnen wurde jahrelang nicht geglaubt, da man von Priestern oft ein überhöhtes Bild hatte. Seit 2010 hat sich hier schon viel geändert; das zeigt die hohe Zahl der Opfer, denen wir zutiefst dankbar sind, dass sie das, was ihnen angetan wurde, erzählt haben. Nun ist es höchste Zeit, die Dinge im System Kirche, die sexuellen Missbrauch erleichtern, anzugehen und zu ändern.

Die Studie weist darauf hin, dass 62 Prozent der minderjährigen Opfer männlich sind. Vielfach wird in diesem Zusammenhang die restriktive Sexualmoral, die Verteufelung der Homosexualität und der Amtsmissbrauch der Priester in der katholischen Kirche kritisiert.

Hagemann: Homosexualität ist natürlich kein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch. Wir müssen aber als Kirche Homosexualität sicher neu bewerten. Und Amtsmissbrauch durch Priester muss hart bestraft werden. Tätern und Opfern muss klar sein: Es gibt in der Kirche eine Haltung der „Null Toleranz“ gegenüber dem Verbrechen des sexuellen Missbrauchs.

Die Studie spricht auch von Aktenmanipulation und Machtmissbrauch.

Hagemann: Wir kennen die Studie ja noch gar nicht. Wenn das stimmt, was berichtet wird, dann ist mit Machtmissbrauch vor allem ein System der Vertuschung gemeint. Täter wurden in früheren Jahrzehnten oft einfach versetzt, es gab kaum Sanktionen. Das hat mich wirklich schockiert. Das muss sich ändern, und das hat sich auch schon geändert. Jeder muss wissen, dass jeder Fall von Missbrauch geahndet und hart bestraft wird.

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