Münster-Serie 2003 geht die Müllaufbereitungsanlage in Coerde an den Start

Münster -

Die Serie unseres Autors Klaus Baumeister zur Entwicklung Münsters erreicht das Jahr 2003. Damals wurde die mechanisch-biologische Restmüllaufbereitungsanlage in Coerde in Betrieb genommen.

Von Klaus Baumeister
Die Sortieranlage ist hochmodern, als sie 2003 an den Start. Die Frage, was man mit den aussortierten Materialien macht, wird später aber zum Problem.
Die Sortieranlage ist hochmodern, als sie 2003 an den Start. Die Frage, was man mit den aussortierten Materialien macht, wird später aber zum Problem. Foto: Matthias Ahlke

Verwerten statt verbrennen! Mehr als ein Jahrzehnt lang prägt dieser Slogan die Debatte über die Abfallbeseitigung in Münster. 2003 ist es soweit. In Coerde wird die MBRA eröffnet. Die vier Buchstaben stehen für Mechanisch-Biologische Restmüll-Aufbereitungsanlage. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit der Landesregierung in Düsseldorf setzt die Stadt Münster ein Abfallkonzept um, das ohne eine Müllverbrennungsanlage auskommt. 

Dass sich die Münsteraner überhaupt mit der Frage beschäftigen müssen, was mit dem Müll passiert, der in der grauen Restmülltonne landet, hängt mit einer Reform zusammen, die der Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) 1993 durchsetzt. Sie nennt sich Technische Anleitung Siedlungsabfall und schreibt den Städten und Gemeinden vor, dass ab 2005 kein Restmüll mehr einfach auf der Deponie landen darf. Bei den früheren Deponien hat sich gezeigt, dass sich dort Sickerwasser und Gase bilden, die der Umwelt schaden. Sprich: Die Deponien von heute sind die Altlasten von morgen. 

Die Euphorie ist groß

Das neue Zauberwort heißt „Vorbehandlung“. Die allermeisten Kommunen interpretieren es dergestalt, dass der Restmüll verbrannt und dann nur noch die Asche deponiert wird. Auch der NRW-Umweltminister Klaus Matthiesen (SPD) drängt die Städte, Müllverbrennungsanlagen zu bauen. In Münster indes stoßen entsprechende Pläne auf massiven öffentlichen Widerstand. Parteiübergreifend beschließt der Rat, eine Alternative zu entwickeln. Sie sieht vor, dass aus dem Restmüll in einem ersten Schritt alle Wertstoffe vollautomatisch entnommen werden – Metall, Kunststoff, Papier und mehr. Der Rest soll dann in einer Rotte biologisch aufgearbeitet werden, bis man ihn – ohne Gefahren für die Umwelt – deponieren kann. Mit Bau und Betrieb wird die Firma Rethmann, später Remondis, beauftragt. 

2003 ist die Euphorie noch groß, in den folgenden Jahren aber stellt sich Ernüchterung ein. Die aussortierten Wertstoffe sind oft minderer Qualität. Es ist schwer, für sie Abnehmer zu finden. Die Vorstellung etwa, dass man aus den Massen der herausgefischten Kunststoffresten neuen, gar hochwertigen Kunststoff machen kann, erweist sich als Illusion. Der zu Beginn des Betriebs noch sehr klein angesetzte Anteil an Stoffen, die erst sortiert und dann verbrannt werden, wird zunehmend größer. Sie wandern teilweise als sogenannte Ersatzbrennstoffe in die Kraftwerke und dienen dort zur Strom- und Wärmeerzeugung. 

AWM kooperieren mit Twence in Hengelo

Trotz dieser Korrekturen steht das Konzept der MBRA bei den Ratsparteien weiterhin hoch im Kurs. Das hängt damit zusammen, dass die Städte, die alternativ auf eine Müllverbrennungsanlage gesetzt haben, meist noch mehr Probleme haben, nämlich finanzieller Art. Es werden zu viele Anlagen gebaut – und das bei einem insgesamt sinkenden Restmüllaufkommen. Das Überangebot hat sinkende Preise zur Folge, die Anlagen arbeiten unwirtschaftlich und reißen tiefe Löcher in die Kassen der beteiligten Kommunen. Dank der vergleichsweise niedrigen Ausgaben für die MBRA in Coerde bleibt der Stadt Münster dieses Schicksal erspart. 

Trotzdem bleibt wegen der erforderlichen Investitionen und der stark gestiegenen Behandlungskosten eine drastische Anhebung der Abfallgebühren nicht aus. Insbesondere die großen Wohnungsgesellschaften machen Druck. Die Höhe der Gebühren steigt linear mit der Größe der Gefäße. Diese sind logischerweise bei Mehrfamilienhäuser besonders groß, besonders hoch sind deshalb auch die Gebühren. Um den Wohnungsgesellschaften etwas entgegenzukommen, führen die Abfallwirtschaftsbetriebe 2005 eine Grundgebühr ein – unabhängig von der gewählten Gefäßgröße. 

Immer wieder rüffelt der Bund der Steuerzahler die hohen Müllgebühren in Münster. Die in Münster übliche Praxis aus Sortieren und Verwerten beziehungsweise Sortieren und Verbrennen ist aufwendig und kostenintensiv. 

2015 läuft der Vertrag zwischen der Stadt Münster und Remondis zum Betrieb der MBRA aus. Er wird nicht verlängert. Vielmehr fällt die Anlage in Coerde an die AWM, die seitdem selbst für den Betrieb sorgt. Damit einher gehen grundlegende Veränderungen. Die Deponierung der Reststoffe, die am Ende der Aufbereitung übrig bleiben wird eingestellt. Statt dessen erfolgt jetzt eine Verbrennung im großen Stil – aber nach wie vor mit vorgeschalteter Sortierung. 

Zum Thema

Die komplette Serie wird Anfang 2019 als Taschenbuch erscheinen.

Seit 2017 kooperieren die AWM in dieser Angelegenheit mit dem niederländischen Entsorgungsunternehmen Twence in Hengelo, dessen Kernstück die Verbrennung ist. Die Müllverbrennungsanlage, gegen die sich die Münsteraner erfolgreich gewehrt haben, steht auf der anderen Seite der Grenze. 

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