Prozess gegen früheren Strafverteidiger „Schwerer Parteiverrat“: Vom eigenen Anwalt hintergangen?

Münster -

Ein Strafverteidiger vertritt die Interessen seiner Mandanten. Wenn er es aber nicht tut, sondern sich heimlich von Dritten einspannen lässt? Dann nennt man das „schweren Parteiverrat“. Ein früherer Rechtsanwalt aus Münster muss sich deshalb vor dem Landgericht verantworten.

Von Lukas Speckmann
 
  Foto: dpa

Als die Polizisten in der Tür standen, wusste die junge Frau sofort, dass sie ins Gefängnis muss. Ihre Wohnung in Steinfurt war ein Umschlagplatz für Drogen – die Beamten fanden über 100 Kilogramm harten Stoff, eine Waffe, 17 000 Euro und jede Menge straff organisierte Verbindungen zu kriminellen Freunden. Unter solchen Umständen holt kein Verteidiger einen Freispruch raus. Sie wurde im Februar 2016 zu neun Jahren Haft verurteilt. Der Staatsanwalt hatte zehn Jahre gefordert.

Vorwurf: „schwerer Parteiverrat“

Moment mal: neun Jahre für eine 22-jährige Ersttäterin? Selbst der einschlägig vorbestrafte Haupttäter bekam nur zehneinhalb Jahre. Da können einem fast Zweifel am Engagement des Strafverteidigers kommen . . . Tatsächlich: Der Staatsanwalt hat diesen Verteidiger ins Visier genommen. Die mittlerweile 25-jährige Verurteilte tritt derzeit vor dem Landgericht als Zeugin im Prozess gegen ihren früheren Rechtsanwalt auf. Der Vorwurf lautet „schwerer Parteiverrat“.

Der Rechtsanwalt aus Münster – er ist seit 2017 nicht mehr zugelassen – soll Verbindung ins Milieu gehabt haben. Genauer: Er soll im Auftrag des Ex-Freundes seiner Mandantin darauf hingewirkt haben, dass sie auf keinen Fall plaudert, um den Drogenhandel im Dark­net nicht zu gefährden. Dafür soll er Geld und Drogen angenommen haben. Ein umfassendes Geständnis wäre vor Gericht ihre einzige Chance gewesen.

Aber wie verhindert man eine Aussage? Zum Beispiel mit Vertrauen. Der Anwalt war der jungen Frau vom Ex-Freund empfohlen worden, er war charmant und verbindlich. Als zwei Kripobeamte die frisch Inhaftierte aus dem Gefängnis holten, um bei einem zwanglosen Besuch in einem Café doch ein paar Informationen aus ihr herauszulocken, soll der Anwalt anschließend geäußert haben, die Plauderei mit der Polizei sei im Milieu als „uncool“ empfunden worden. Sie hielt fortan still.

Verraten und verkauft

Klar, ihr sei manches komisch vorgekommen, räumt die Zeugin ein. Sie hätte sich mehr Kontakt zu ihrem Verteidiger gewünscht, mehr Austausch, mehr Strategie. Aber sie habe eben gedacht, das alles müsse so sein. Auf Anregung des damaligen Richters war sogar noch eine zweite Pflichtverteidigerin bestellt worden. Die neue Anwältin brachte auch die sogenannte Kronzeugenregelung ins Spiel. Doch die junge Frau wollte auf keinen Fall Namen preisgeben. Viel zu gefährlich! Das sah die Anwältin ein.

Ein Teilgeständnis vielleicht. Aber auch dazu wurde sie von ihrem Hauptverteidiger nicht aufgefordert, die Gelegenheit verstrich. Erst Monate nach dem Verfahren, da war das Urteil längst rechtskräftig, fühlte sich die junge Frau verraten und verkauft. Sie wechselte den Anwalt und packte aus.

Die Verhandlung wird fortgesetzt, bis Ende Oktober sind fünf Folgetermine anberaumt. Es bleibt spannend. Denn die Strategie, dem eigenen Mandanten Stillschweigen zu empfehlen, kann unter Umständen genau richtig sein; das legte der aktuelle Verteidiger nicht ungeschickt dar. Und die neun Jahre Haft für die junge Frau? Sind bei bandenmäßigem bewaffneten Drogenhandel in großem Stil offenbar nicht unangemessen. Selbst die zweite Verteidigerin hatte damals achteinhalb Jahre Haft gefordert.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6027119?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F