Große Serie zur Entwicklung Münsters Zu hoch gepokert - Preußenpark scheitert im Jahr 2000 vor Gericht

Münster -

Seit rund 30 Jahren diskutieren Münsteraner über ein neues Preußen-Stadion. Das Jahr 2000 ist in diesem Zusammenhang von besonderer Tragik.

Von Klaus Baumeister
Große Serie zur Entwicklung Münsters: Zu hoch gepokert - Preußenpark scheitert im Jahr 2000 vor Gericht
Die neue Haupttribüne, hier bei einem Abendspiel kurz nach der Eröffnung, ist die bislang wichtigste Investition zur Erneuerung des Preußenstadions. Foto: Jürgen Peperhowe

Das Drama rund das Projekt Preußen-Park macht selbst im Moment der Urteilsverkündung keine Pause. Am Ende eines langen Verhandlungstages verkündet der Vorsitzende Richter am Oberverwaltungsgericht: „Der Bebauungsplan 400 ist nichtig.“ 

Die versammelten Preußen-Fans im Saal, deren Nerven auf das Äußerste angespannt sind, missverstehen das  Wort „nichtig“ als „richtig“ und brechen in Jubel aus, als hätten die Preußen-Kicker ein Tor geschossen. Der bizarre Spuk währt, bis ein Kundiger in den Zuschauerreihen die Fans aufklärt und diese Wut schnaufend das Gericht verlassen. 

Sympathie für die Stadionpläne

Erst Jubel, dann tiefe Depression – diese Ambivalenz begleitet den Preußen-Park über Jahre hinweg, bis die hoch umstrittene Kombination aus Einkaufszentrum und Fußballstadion im Jahr 2000 vor die Wand fährt. 

Die Preußen-Park-Debatte nimmt Anfang der 1990er-Jahre Fahrt auf, als das Hamburger Unternehmen ECE eine Offerte unterbreitet, die mancher Münsteraner als ein „unmoralisches Angebot“ auffasst. Die ECE-Manager, die sich auf den Betrieb von Einkaufszentren spezialisiert haben, erklären sich zum Bau eines neuen, bundesligatauglichen Fußballstadions an der Hammer Straße bereit, wenn die Stadt Münster im Gegenzug nebenan ein ECE-Center mit 30.000 Quadratmetern Fläche für Einzelhandel und Gastronomie sowie 2000 Stellplätzen genehmigt. 

Der Preußen-Präsident Thomas Herda und Schatzmeister Hermann Brück sind begeistert von der Idee, weil kein anderer Weg der Stadionfinanzierung erkennbar ist. Münsters Kommunalpolitiker signalisieren zwar viel Sympathie für die Stadionpläne. Städtisches Geld will aber niemand in die Hand nehmen. 

Millionenprojekt juristisch zur Strecke gebracht

Ab 1994 geht die Stadt auch offiziell das Projekt Preußen-Park an und steigt in die sogenannte Bauleitplanung ein. Sämtliche politischen Beschlüsse werden mit der Mehrheit von CDU und SPD getroffen, während sich FDP, Grüne und Münsters Kaufleute zu einer außergewöhnlichen Opposition zusammenschließen. Auch durch die Stadtverwaltung geht ein Riss. Beide Stadtbauräte in dieser Zeit –  erst Lutz Rupprecht, dann Gerhard Joksch – packen das Bauvorhaben nicht an. Deshalb wird es in die Hände des Wirtschaftsdezernenten Horst Freye gegeben. 

Nicht einmal in der NRW-Landesregierung gibt es eine einheitliche Linie. Die grüne Umweltministerin Bärbel Höhn will das Einkaufszen­trum nicht erlauben, weil es sich ihrer Meinung nach auf der „grünen Wiese“ befindet. Der SPD-Ministerpräsident Wolfgang Clement setzt sich darüber hinweg. Er beruft sich auf Angaben der Stadt Münster, wonach Berg Fidel zum „Siedlungsschwerpunkt Mitte“ gehöre. 

Das Millionenprojekt wird letztlich nicht politisch, sondern juristisch zur Strecke gebracht. Ein Anwohner aus Berg Fidel klagt gegen den Preußen-Park, der Handelsverein Münster übernimmt die Kosten. Der Vorsitzende des Handelsvereines, Peter Eberwein, bringt den Deal zwischen dem  ECE-Konzern und der Stadt auf die wenig schmeichelhafte Formel: „Genehmige mir einen Puff, und ich baue dir einen Kindergarten.“ 

Münsters City erlebt einen Boom

Interessanterweise nehmen die Richter in ihrem Urteil aber nicht Anstoß an dem sogenannten Koppelgeschäft, sondern führen Lärmschutzprobleme an. Insbesondere die Nähe zu den Wohnsiedlungen von Berg Fidel bringt die Richter zu der Überzeugung, dass nebenan kein Stadion stehen darf, in dem regelmäßig bis zu 25.000 Besucher erwartet werden. Die Stadt hingegen hofft bis zum Schluss, das Stadionprojekt als Sanierung eines bestehenden Stadions deklarieren zu können. In diesem Fall gelten günstigere Grenzwerte. Das Gericht aber bewertet das ECE-Stadion als Neubau. 

Das Urteil stürzt den SC Preußen in eine Krise und löst bei der Stadt ein sportpolitisches Chaos aus. In einem jahrelangen Prozess wird versucht, Alternativstandorte aufzuzeigen, etwa am Haus Uhlenkotten, am Hessenweg oder im Industriegebiet Loddenheide. Aber sämtliche Standorte platzen wie Seifenblasen, zumal der ECE-Konzern als privater Stadionfinanzierer nicht mehr zur Verfügung steht. 

Am Ende einigen sich Verein und Stadt darauf, das bestehende Stadion an der Hammer Straße sukzessive zu sanieren und auszubauen. Nüchtern betrachtet, hält dieser Prozess bis heute an. Wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. 2016 jedenfalls greift ein neuer Preußen-Vorstand die Idee eines Stadion-Neubaus wieder auf, Ausgang offen. 

Zum Thema

Die komplette Serie erscheint Anfang 2019 als Taschenbuch. Alle bisher erschienenen Serienteile gibt es in unserem Special .

Ganz anders als der SC Preußen entwickelt sich Münsters Einzelhandel im Gefolge des Preußen-Park-Urteils. Der juristisch erzwungene Verzicht auf ein Einkaufszentrum in Berg Fidel löst einen rund zehn Jahre währenden Investitionsstau auf. Projekte von den Münster-Arkaden bis zur Stubengasse erscheinen plötzlich in einem ganz anderen Licht. Münsters City erlebt einen regelrechten Boom. Des einen Leid, des anderen Freud.

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