Nach Fischsterben Wer ohne Schuld ist: Umweltdezernent Peck stellt sich der Kritik

Münster -

Das Fischsterben hat die Münsteraner geschockt und zu einer sehr emotionalen Debatte über die Schuldfrage geführt. Viele Menschen fragen, wie es zu der Katastrophe kommen konnte. Darüber sprach Klaus Baumeister mit Münsters Umweltdezernenten Matthias Peck.

Von Klaus Baumeister
Umweltdezernent Matthias Peck und sein aktuell schwierigster „Patient“, der Aasee.
Umweltdezernent Matthias Peck und sein aktuell schwierigster „Patient“, der Aasee. Foto: Oliver Werner

Herr Peck, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie in der vergangenen Woche die vielen toten Fische im Aasee gesehen haben?

Peck: Trauer, Bestürzung, ökologische Katastrophe. Es war schnell klar, dass dieser massive Infarkt weitreichende Auswirkungen haben würde auf das Öko-System der Stadt Münster.

Waren Sie in den Wochen der Hitzeperiode informiert über den Zustand des Aasees?

Peck: Ja, ich war informiert. Wir haben im Vorfeld ja auch immer wieder Hinweise gegeben, sei es das Stichwort Blaualgen oder auch zu der Temperatur. Wir haben jüngst die Weltraumbilder von NRW gesehen. Da kann man gelbe und braune Gebiete ausmachen, die ansonsten eigentlich grün sind. Das hat Auswirkungen, und wir werden auch noch weitere Auswirkungen spüren.

Welche?

Peck: Ich habe große Sorge, dass viele Jungbäume diesen Sommer nicht überleben werden.

Zurück zum Aasee: Hätte nicht zu einem früheren Zeitpunkt der Hitzeperiode die Möglichkeit bestanden, Sauerstoff in den Aasee zu pumpen?

Peck: Ich vergleiche den Infarkt im Aasee mal mit einem Herzinfarkt in der Humanmedizin. Wenn ein Patient stark übergewichtig ist, ständig raucht, wenn er sich wenig bewegt und einen stressigen Job hat, dann wird ihm jeder Arzt sagen, dass seine Gesundheit massiv gefährdet ist. Aber kein Arzt wird ihm einen konkreten Tag benennen können, an dem der Herzinfarkt eintritt und ob er überhaupt eintritt. Wenn es jemanden gibt, der in der Lage ist, ein solches Ereignis vorauszusagen, wie wir es jetzt im Aasee erlebt haben, den lade ich herzlich ein, bei uns mitzuarbeiten. Noch am Tag, bevor der Aasee umgekippt ist, haben wir Sauerstoffwerte im normalen Bereich gemessen. Ganz abgesehen davon könnten wir bei einem 40 Hektar großen Gewässer gar nicht so viel Sauerstoff zufügen, wie in einem solchen Fall erforderlich wäre.

Gibt es inzwischen eine Erklärung, warum der See kippte?

Peck: Es war ein komplexes Zusammenwirken von zu wenig Wind, großer Hitze, intensiver Sonnenstrahlung und sehr geringem Wasserzufluss. Aber was genau geschah, das wissen wir noch nicht.

Gleichwohl, Herr Peck, wird in der Öffentlichkeit die Schuldfrage diskutiert. Trägt die Stadt Münster eine Schuld an der Katastrophe, tragen Sie Schuld?

Peck: Jeder, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Natürlich beschäftigen wir uns immer wieder mit der Frage, ob wir etwas übersehen haben. Das wird man auch in Ellwangen, Hamburg und andernorts tun, wo in vergleichbarer Weise Gewässer gekippt sind. Aber ich bin dankbar für die Äußerungen aus der Wissenschaft, dass dieses massenhafte Fischsterben nicht vorhersehbar gewesen sei. Die Situation am Aasee ist generell schwierig, aber bereits seit Jahrzehnten. Nicht ohne Grund haben wir die Renaturierung am Oberlauf des Aasees gemacht. Nicht umsonst führen wir Eisen-(III)-Chlorid am Zulauf in den Aasee ein, um die Phosphatkonzentration zu senken. Doch Letzteres funktioniert natürlich nicht, wenn über die Aa kaum noch Wasser in den See kommt.

Oberbürgermeister Markus Lewe möchte eine Task Force einrichten. Was halten Sie davon?

Peck: Das ist eine gute Idee. Unsere Experten und externe Experten werden sich zusammensetzen, um zu schauen, wie wir die Situation des Aasees vor dem Hintergrund des Klimawandels neu bewerten müssen. Wir sollten aber nie vergessen, dass der Aasee so ist, wie er ist. Als der Aasee angelegt wurde, hatten wir eine andere Landwirtschaft und auch komplett andere klimatische Bedingungen. Noch einmal: Ich bin dankbar für jeden Hinweis, der uns helfen könnte, dem Aasee zu helfen.

Jetzt kommt der Vorschlag einer Wasserfontäne für den Aasee. Was halten Sie davon?

Peck: Wir werden alle Vorschläge prüfen, aber wir sollten immer bedenken, dass der Aasee ein komplexes Gebilde ist. Eine Fontäne könnte – unter Umständen – den Sauerstoffgehalt in einem kleinen Bereich des Sees erhöhen. Aber er wirkt auch wie ein Quirl. Wir müssen prüfen, ob dadurch möglicherweise Cyanobakterien weiträumig verteilt werden.

Sie haben das Stichwort Landwirtschaft bereits genannt: Wird die Stadt Münster darauf drängen, dass am Oberlauf der Aa weniger Gülle auf Äcker und Grünland aufgetragen wird?

Peck: Nicht nur am Aasee ist die intensiv betriebene Landwirtschaft ein Grund für Gewässerbelastungen. Ich nenne das Stichwort Nitrat. Natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den Problemen des Aasees und der Massentierhaltung. Auf münsterischem Stadtgebiet haben wir entlang der Aa in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zahlreiche Flächen renaturiert, um so die Belastung zu senken. Aber die Aa entspringt bekanntlich nicht auf münsterischem Stadtgebiet. Außerhalb Münsters ist unser Einfluss begrenzt. Trotzdem wollen wir auch weiter im Gespräch mit Landwirten das Ziel einer stärkeren Extensivierung der Flächen entlang der Aa voranbringen. Ganz generell sollten wir uns alle eines vor Augen halten: Solange wir auf Massentierhaltung und intensive Landwirtschaft setzen, müssen wir auch mit den Folgen leben.

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