Spektakuläre Funde aus der Region reisen zur Ausstellung im Gropiusbau Knochenkamm und ein Uralt-Westfale

Münster/Berlin -

Die Archäologen in Deutschland wollen mit einer fein bestückten Ausstellung unter dem Titel „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ im Berliner Gropius-Bau (21. September bis 6. Januar 2019) zeigen, dass der Kontinent schon vieles erlebt hat und die „Europäer“ schon immer kulturell vernetzt waren. „Die Ausstellung soll das Zusammengehörigkeitsgefühl in Europa wecken“, sagt Prof. Dr. Michael Rind, Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, vor Journalisten in der Speicherstadt Münster. Etwa 30 spektakuläre Fundkomplexe von der Steinzeit bis hinein ins Mittelalter wird Westfalen zur Schau in Berlin, die rund tausend Exponate umfasst, beisteuern.

Von unseremRedaktionsmitgliedJohannes Loy
Dieser Kamm aus Elfenbein gehörte im 12. Jahrhundert einem Adeligen und wurde bei Warburg gefunden. Ein seltenes Stück.
Dieser Kamm aus Elfenbein gehörte im 12. Jahrhundert einem Adeligen und wurde bei Warburg gefunden. Ein seltenes Stück. Foto: Wilfried Gerharz

Migration, Konflikte, Wandel: Das sind Themen, die Europa nicht erst heute beschäftigen. Ein Blick in die Geschichte lehrt, dass Gelassenheit angezeigt ist. Gerade die Archäologen in Deutschland wollen mit einer fein bestückten Ausstellung unter dem Titel „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ im Berliner Gropius-Bau (21. September bis 6. Januar 2019) zeigen, dass der Kontinent schon vieles erlebt hat und die „Europäer“ schon immer kulturell vernetzt waren. „Die Ausstellung soll das Zusammengehörigkeitsgefühl in Europa wecken“, sagt Prof. Dr. Michael Rind, Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, vor Journalisten in der Speicherstadt Münster. Etwa 30 spektakuläre Fundkomplexe von der Steinzeit bis hinein ins Mittelalter wird Westfalen zur Schau in Berlin, die rund tausend Exponate umfasst, beisteuern.

Der Star der Schau kommt aus Sachsen-Anhalt und wird „ohne Zweifel die Himmelsscheibe von Nebra sein“, die, wie Michael Rind ausführt, jedoch aus konservatorischen Gründen nur sechs Wochen gezeigt wird. Doch auch Westfalen muss sich nicht verstecken. ► Kamm aus Elfenbein: Für Aufsehen in der Wissenschaft sorgt ein Kamm aus Elfenbein, den Restauratorin Ruth Tegethoff kunstvoll restauriert hat. Jetzt lagert er bei 55 Grad Luftfeuchtigkeit im Fundarchiv in Coerde und wird auch in einem Spezialbehältnis nach Berlin transportiert, damit nichts abplatzt oder reißt. Das Luxusobjekt aus dem 12. Jahrhundert fanden Archäologen bei Ausgrabungen an der Holsterburg bei Warburg. Aus der Zeit zwischen 800 und 1200 nach Christus sind bislang nur 60 solcher Exemplare europaweit gefunden worden, die üblicherweise liturgischen Zwecken (Bischofsweihe) dienten. Der Kamm von der Holsterburg lässt sich aufgrund seines Fundortes und seiner Bildmotive aber wohl einem weltlichen Adeligen zuordnen.►  Römische Liege aus Haltern : Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählt die Nachbildung einer römischen Liege (Kline), deren Überreste in einem Grab bei Haltern auftauchten. Das Grab ist Teil eines Gräberfeldes, das zur Zeit des Augustus angelegt worden ist.►  Bronzene Urne aus dem Sauerland: Ein Prunkstück westfälischer Archäologie bildet die Urne von Gevelinghausen (Hochsauerlandkreis). Das Gefäß aus Bronze wurde 1961 gefunden, darin verbrannte Knochen und Asche. Vermutlich wurde die Amphore im 9. oder 8. Jahrhundert vor Christus hergestellt.►  Kultische Werkzeuge aus Olpe: Einige Funde aus der Eisenzeit Westfalens stammen von den Wallburgen im Kreis Olpe. Auf der Wallburg Kahle fanden sich deponierte Werkzeuge aus der Landwirtschaft, wie etwa Sensen, Beile und Pflugscharen. Sie könnten mit kultischen Handlungen zusammenhängen.►  Klebstoff vor 13 000 Jahren: Das Beispiel einer westfälischen Speerspitze aus der Altsteinzeit zeigt, dass auch bekannten Objekten später noch wissenschaftliche Erkenntnisse entlockt werden können. Das Objekt aus Knochen, gefunden in den 1930er Jahren bei Bergkamen, ist mit Widerhaken versehen und wurde zum Fischfang eingesetzt. Forscher stellten fest, dass sich an dem 13 000 Jahre alten Stück Spuren von Bienenwachs fanden. Damit ist es einer der weltweit frühesten Belege für die Verwendung von Bienenwachs als Klebstoff.►

Ausstellung „Bewegte Zeiten“ im Gropiusbau in Berlin

Bewegte Zeiten“ ist die erste Zusammenschau zur Archäologie in Deutschland seit 15 Jahren. Die Ausstellung bereichert das „Europäische Kulturerbejahr 2018“ und richtet den Blick auf Austauschprozesse und auf Beziehungen innerhalb Europas. Sie folgt auf 1200 Quadratmetern vier großen Themen.Im Bereich stehen Menschen im Vordergrund, die ihre Heimat verlassen haben: Sei es freiwillig auf Reisen, durch Verschleppung oder wegen einer großen Wanderbewegung. und kriegerische Auseinandersetzungen prägen bis in die Gegenwart hinein Europa. In organisierter Form sind Konflikte erstmals in der Bronzezeit greifbar. Ausschnitte aus den kriegerischen Auseinandersetzungen seit dieser Zeit liefert die Schlachtfeldarchäologie.Der dritte Ausstellungsbereich widmet sich dem Thema . Die Exponate beleuchten, wie der Warenverkehr Menschen in Europa zusammengebracht hat. Er bildete die Voraussetzung für das Entstehen von Hierarchien und Wertesystemen. Dass die Menschen heute nicht mehr in der Steinzeit leben, verdanken sie der in der menschlichen Kreativität begründeten Kraft zur . Zu allen Zeiten entstanden in Europa neue Ideen, Sichtweisen und Techniken. Das Thema zeigt, wie sich Fortschritt auf den Alltag auswirkte, aber auch auf Produktion und Kriegsführung. 

►  Kampfschilde im Grab von Bergkamen: Ein besonderes Zeugnis des Frühmittelalters in Westfalen stammt aus Bergkamen. Dort wurden drei Bestattungen entdeckt, die Teil eines Gräberfeldes sind. In einem dieser Gräber wurde im 7. Jahrhundert ein Mann beigesetzt, dessen Leichnam mit Beigaben versehen war, die auf andere Regionen verweisen. So wurden ihm drei Kampfschilde mitgegeben – ein Brauch, der nur aus Mittelschweden bekannt ist. Die mit Tierdarstellungen versehenen Metallbeschläge seines Schwertgurtes deuten auf Kontakte in die Alpenregion. Restauratorin Dunja Ankner-Dörr hat die korrodierten Teile perfekt gesäubert und konserviert.►  Der älteste Westfale in der Blätterhöhle: Zu den ältesten Fundplätzen Westfalens gehört die Blätterhöhle in Hagen. Die Höhle wurde in der Steinzeit von Menschen aufgesucht, die Spuren hinterließen. Diese führen bis zur letzten Eiszeit vor rund 11 600 Jahren zurück und reichen bis in die Jungsteinzeit vor etwa 5600 Jahren. Aus der Blätterhöhle stammt auch der früheste Schädel eines Menschen aus Westfalen. Er datiert in die Zeit um 8700 vor Christus und ist damit der Nachweis des ältesten modernen Westfalen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5964664?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F