Radfahrer im toten Winkel Gefahr durch abbiegende Lastwagen

Köln -

Zusammenstöße zwischen Lastwagen und Radfahrern enden für die Radler oft tödlich. Abbiege-Assistenten könnten viele Unfälle verhindern. Deshalb sind sich im Grunde alle einig: Die Systeme sollten verpflichtend werden. Aber so einfach ist das leider nicht.

Von Petra Albers, dpa
Radfahrer im toten Winkel: Gefahr durch abbiegende Lastwagen
Ein Radfahrer steht mit seinem Fahrrad in der Versuchsabteilung von Mercedes Benz neben einem LKW mit einem Abbiegeassistenten. Zusammenstöße zwischen Lastwagen und Radfahrern enden für die Radler oft tödlich, Abbiege-Assistenten könnten viele Unfälle verhindern. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Ein Müllwagen überrollt beim Rechtsabbiegen einen kleinen Jungen, der mit seinem Fahrrad unterwegs ist - der Siebenjährige kommt ums Leben. Der Unfall Ende Mai in Köln sorgte überregional für Entsetzen. Kein Einzelfall: Immer wieder werden Radfahrer bei Zusammenstößen mit rechts abbiegenden Lastwagen getötet. Oft geraten sie in den tückischen „toten Winkel“, so dass die Lkw-Fahrer sie nicht rechtzeitig sehen.

Allein in diesem Jahr sind nach einer Auflistung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) bundesweit bereits mindestens 19 Radfahrer bei solchen Unfällen gestorben, davon sechs in Nordrhein-Westfalen. „Abbiegende Lkw sind eine Todesfalle für Radfahrende“, sagt ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork. Er verlangt, dass Abbiege-Assistenten für Lkw verpflichtend vorgeschrieben werden. Eine Forderung, die auch in Politik und Wirtschaft breite Unterstützung findet.

Unfälle könnten verhindert werden

Nach Angaben der Unfallforschung der Versicherer (UDV) könnten in Deutschland durch elektronische Abbiege-Assistenten jährlich fast 200 Unfälle mit getöteten oder schwer verletzten Radfahrern verhindert werden. Das Assistenzsystem warnt den Lkw-Fahrer mit einem Signalton, wenn sich ein Radfahrer oder Fußgänger neben dem Fahrzeug befindet. Im Idealfall würde es bei Gefahr sogar eine Notbremsung einleiten.

Problem: Deutschland kann nicht im Alleingang Gesetze über die Ausrüstung von Lkw erlassen, sondern dafür ist eine EU-weite Regelung erforderlich. Die Bundesregierung hat schon im vorigen Jahr einen entsprechenden Vorschlag bei der zuständigen Europa-Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen (UNECE) eingereicht. Dieser werde auch von den deutschen Nutzfahrzeugherstellern unterstützt, betont der Verband der Automobilindustrie (VDA).

NRW macht Druck

„Ich habe kein Verständnis dafür, dass es auf internationaler Ebene immer noch keine verpflichtenden Abbiege-Assistenten gibt“, teilt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) auf Anfrage mit. „Es kann nicht schnell genug gehen.“

Die Bundesländer machen ebenfalls Druck. Der Bundesrat sprach sich jüngst zudem für eine Nachrüstpflicht für ältere Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen aus. Auch NRW stimmte für den Entschluss. „Jede Chance, die Verkehrssicherheit zu erhöhen, muss genutzt werden“, heißt es aus dem Verkehrsministerium in Düsseldorf.

Speditionen scheuen Kosten für Umrüstung

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung UDV, schätzt, dass eine EU-Regelung für Neufahrzeuge bestenfalls in etwa fünf Jahren in Kraft treten könnte. Bis dann letztlich fast alle Lkw, die auf den Straßen unterwegs sind, mit Assistenzsystemen ausgestattet sind, würden weitere fünf Jahre vergehen.

Bis dahin sind Übergangslösungen gefragt - unter Beteiligung aller Seiten. Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) sieht - wie der UDV und der ADFC - die Hersteller in der Pflicht, schnell serienreife Abbiege-Assistenten zu entwickeln. Bislang biete nur ein Hersteller für einen Teil seines Sortiments radargestützte Abbiege-Assistenten an, kritisiert der BGL.

Kommunen sollen als gutes Beispiel vorangehen

Umgekehrt scheuen wohl viele Speditionen die Kosten für eine Nachrüstung ihrer Flotte. Das Bundesverkehrsministerium fördert bereits den Einbau von Abbiege- sowie Kamera-Systemen, um Radfahrer und Fußgänger zu schützen. Der Bundesrat hat sich zudem dafür ausgesprochen, dass die Versicherer den Unternehmen Rabatte für Nutzfahrzeuge mit Abbiege-Assistenten gewähren sollten.

Nach Auffassung des ADFC Nordrhein-Westfalen sollte das Land die Kommunen bei der vorzeitigen Umrüstung ihrer Müllwagen und Baufahrzeuge unterstützen, denn an vielen schweren Lkw-Unfällen seien städtische Fahrzeuge beteiligt. Die wenigsten Kommunen könnten sich die Nachrüstungskosten von etwa 2500 Euro pro Fahrzeug leisten, sagt der NRW-Vorsitzende Thomas Semmelmann. Deshalb müsse ein „landesweiter Fördertopf“ her.

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