Ulla Hahn gastiert zum Abschluss der Theatergespräche zu Heinrich Böll Als politische Figur eine Rolle gespielt

Münster -

„Was machen wir jetzt immer montags?“, fragte schelmisch Wolfgang Türk (Pressesprecher des Theaters) zum Finale „seiner“ Heinrich-Böll­-Vortragsreihe im Theatertreff. Das Niveau und der Umfang (31 Abende) waren zum Böll-Jahr in Deutschland einmalig. Gleichsam stellvertretend für alle treuen Zuhörer dankte Prof. Ernst Ribbat (Germanist aus Münster) Wolfgang Türk für sein Engagement.

Von Arndt Zinkant
Die Autorin Ulla Hahn und der Germanist Ralf Schnell schlossen die 31-teiligen Theatergespräche zu Heinrich Böll ab.
Die Autorin Ulla Hahn und der Germanist Ralf Schnell schlossen die 31-teiligen Theatergespräche zu Heinrich Böll ab. Foto: Arndt Zinkant

Prof. Ralf Schnell (Germanist an der Uni Siegen und Herausgeber der Böll-Gesamtausgabe) hatte im November die Reihe eröffnet. Nun befragte er zum Abschluss die Schriftstellerin Ulla Hahn, die ihre Studienjahre in Köln in der Roman-Tetralogie um „Hilla Palm“ verarbeitet und dabei auch Bölls Auftritte der wilden 68er-Jahre eingeflochten hat. Mit Ulla Hahn war keine schwärmerische Apologetin, eher eine kritische Bewunderin Bölls eingeladen worden. Vorbild sei der große Romancier ihr schon deshalb nicht gewesen, weil sie ursprünglich von der Lyrik kam, sagte sie. Aber: „Er hat als politische Figur eine Rolle für mich gespielt.“

Heinrich Böll, der Kirchen- und Gesellschaftskritiker also – er initiierte auch beim Essener Katholikentag 1968 ein „Politisches Nachtgebet“, wo Bibelpassagen mit aktuellen Kriegsbildern aus Vietnam konfrontiert wurden. Dorothee Sölle gehörte ebenfalls zu den Veranstaltern (bei der wiederum Prof. Ralf Schnell noch als Erstsemester studierte).

Ulla Hahn zitierte Böll in ihrem dritten Hilla-Palm-Roman wörtlich zum Thema der Notstandsgesetze: „Schweigen wir also vom Staat, bis er sich wieder blicken lässt. In diesem Augenblick von ihm zu sprechen, wäre Leichenfledderei oder Nekrophilie.“ Böll-Kenner Schnell wandte ein, dass der Schriftsteller diesen Satz bereits zwei Jahre vorher an ganz anderer Stelle gesagt habe. „Darf die Literatur das?“ – „Jo“, lächelte Ulla Hahn.

Von Böll habe sie als Schülerin gelernt, kritisch „gegen den Strich“ zu lesen. Mit Bölls Ich-Erzähler Hans Schnier (dem „Unternehmer-Söhnchen“ aus „Ansichten eines Clowns“) habe sie, das Arbeiterkind, sich so gar nicht anfreunden können. Als sie am Ende aber Bölls Gedicht „Meine Muse“ vortrug, kam die Lyrikerin Ulla Hahn sofort zum Vorschein. Da wirkte die Intellektuelle plötzlich doch höchst schwärmerisch.

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