Friedrun Vollmer hat als Direktorin der Westfälischen Schule für Musik viel vor „Musik umfasst das ganze Leben“

Münster -

Friedrun Vollmer ist bald schon ein halbes Jahr als neue Leiterin der Westfälischen Schule für Musik in Münster in Amt und Würden. Im Gespräch blickt die Thüringerin auf ihre Startphase im Amt, ihre Pläne für Münster, nimmt den Musik-Campus in den Blick, weist auf ein großes Musik-Jubiläum in Münster 2019 hin und wirbt zugleich für die gesellschaftliche, kulturelle und auch integrative Kraft der Musik.

Von unseremRedaktionsmitgliedJohannes Loy
Eine Thüringerin im Münsterland: Friedrun Vollmer (49) ist seit dem 1. Februar Direktorin der Westfälischen Schule für Musik in Münster.
Eine Thüringerin im Münsterland: Friedrun Vollmer (49) ist seit dem 1. Februar Direktorin der Westfälischen Schule für Musik in Münster. Foto: Loy

Aus Thüringen ins Münsterland. Sind Sie, wie man so schön sagt, mittlerweile „angekommen“?

Friedrun Vollmer: Von einer Pause zwischen Jena und Münster oder einer „Phase des Ankommens“ konnte eigentlich keine Rede sein. Ich bin gleich „in die Vollen“ gegangen, sozusagen von einem fahrenden Zug auf den anderen gesprungen. Am 1. Februar bekam ich den Generalschlüssel, und am 3. Februar stand schon das Jahreskonzert mit rund 350 Mitwirkenden im Großen Haus des Theaters an. Ich wollte von Anfang an auch viel Präsenz im Hause zeigen und alle Mitarbeiter kennenlernen.

Mit den kommunalen und auch von Vereinen getragenen Musikschulen geht seit einiger Zeit auch immer die Frage einher, warum sich viele Musiklehrer in prekären Beschäftigungsverhältnissen und mageren Gehaltskonditionen befinden ...

Musikschuldirektorin Friedrun Vollmer

Friedrun Vollmer (49) studierte an den Musikhochschulen in Leipzig, Dresden und Weimar Violine, Kammermusik und Pädagogik. Als Geigerin war sie an der Oper Erfurt und der Staatskapelle Weimar sowie im Salonorchester Weimar engagiert. Sie ist bis heute solistisch und zudem als Kammermusikerin tätig. Im Jahre 1997 begann Vollmer ihre pädagogische Tätigkeit an der Musik- und Kunstschule Jena in den Fächern Violine und Ensemble­leitung. 2006 übernahm sie dann die Leitung der Musikschule. Friedrun Vollmer war Vorsitzende des Thüringer Landesverbandes und ist heute Mitglied im Bundesvorstand des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM).Zum 1. Febuar 2018 übernahm sie die Leitung der Westfälischen Schule für Musik in Münster und folgte damit auf Prof. Ulrich Rademacher, der in den Ruhestand ging. Friedrun Vollmer ist Mutter von fünf Kindern.

Vollmer: In den vergangenen 15 Jahren sind die Gehälter bei fest angestellten Musiklehrern um rund 38 Prozent, die der frei arbeitenden Kollegen aber nur um 8 Prozent gestiegen. Bei vielen Musiklehrern droht mit Eintritt in die Rente Altersarmut. Deshalb ist jetzt hier in Münster eine Ratsvorlage auf den Weg gebracht worden. Bislang hatten wir 67 Lehrer mit Festanstellungen und 116 freie Musikpädagogen. Künftig wollen wir – auch für eine kontinuierlichere Musikschularbeit - 80 Prozent der Lehrer in Festverträgen beschäftigen und nur 20 Prozent in freien Verträgen. Das bedeutet auch, dass wir 2019 und 2020 jeweils im Umfang von acht vollen Stellen Honorarverträge in Festanstellungen umwandeln möchten. Das bedeutet Mehrkosten für die Stadt Münster von rund 500 000 Euro jährlich.

Sie kennen sicher die Frage, warum die Arbeit von Musikern und Musiklehrern schlechter honoriert wird als die von Klempnern, und das, obwohl Musiklehrer 20 Jahre ein Instrument lernen und dann auch noch ein anspruchsvolles Studium abschließen...

Vollmer: Schon Haydn musste beim Fürsten Esterhazy seine Musiker entlassen, irgendwie haftet dem Beruf ein „Nice to have“-Image an. Aber man sieht vielleicht nicht immer unmittelbar die Notwendigkeit dieses Berufsstandes wie beim Klempner, der etwas sofort reparieren muss. Der Beruf des Musikers ist nach vielen Jahren des Instrumentenstudiums und des Musikpädagogik-Studiums eine Lebensgrundlage und eine Lebensaufgabe zugleich. Viele Musiklehrer leben in beruflichen Patchwork-Situationen, aber sie können sich das vielfach auch gar nicht vorstellen, ihren Dienst zu tun nach dem Motto „Freitag um eins macht jeder seins“. Musik umfasst das ganze Leben. Diesen Beruf muss man mit Leidenschaft ausüben.

Schauen wir einmal auf das gesamte Bildungsgefüge unserer Zeit: Man hatte den Eindruck, dass die Musikschulen besonders auch unter der Lernverdichtung von G 8 gelitten haben ...

Vollmer: Für alle Beteiligten, die jetzt wieder auf G 9 zurückschwenken ist das eine Chance. Es könnte wieder mehr Raum für Musik und kreative Freiräume geben. Druck und Leistungsstress haben zwischenzeitlich fast eine ganze Schülergeneration geprägt. Wir müssen doch begreifen: Bildung ist viel mehr als nur das rein Kognitive.

Was steht nun für Sie in den nächsten Monaten und Jahren an?

Vollmer: Zwei große Vorhaben. Zunächst einmal feiern Sinfonieorchester, Musikhochschule und Westfälische Schule für Musik gemeinsam ihr 100-jähriges Bestehen. Pfingsten 2019 wollen wir das mit einem Open-Air-Wochenende aller Institutionen auf dem Lambertikirchplatz feiern. Im November steht dann eine Festwoche auf dem Programm. Unsere Westfälische Musikschule hat übrigens über Münster verteilt 55 Außenstellen nach dem Motto „Kurze Beine, kurze Wege“. Auch diese werden in das Geburtstagsprogramm einbezogen und werden unser musikalisches Bildungsprogramm in seiner ganzen Vielfalt zeigen.

Und zweitens...?

Vollmer: Zweitens: Musik-Campus. Dieser wird nur Wirklichkeit, wenn alle Institutionen an einem Strang ziehen und große Bevölkerungskreise der Stadt Münster eingebunden sind. Es geht dabei nicht um etwas Elitäres. Die münsterische Bevölkerung mit ihren musizierenden Laien und der Freien Szene muss mitwirken und einen solchen Musik-Campus nutzen können. Letztlich ist dann auch der Standort zweitrangig. Für uns als Musikschule ist das Raumkonzept von entscheidender Bedeutung. Es muss akustisch stimmen, es braucht Barrierefreiheit, die wir hier im Haus am Alten Zoo nicht haben. Es werden ferner Räume für Chor-, Band- und Orchesterproben benötigt. Wir wollen als Flaggschiff der musikalischen Ausbildung in Münster mit 7500 Schülerinnen und Schülern dort gut unterkommen und präsent sein.

Wie hat sich der Musikunterricht in den vergangenen Jahren verändert, wie wird er sich entwickeln?

Vollmer: Wir müssen uns inhaltlich, musikpädagogisch und technisch auf den neuesten Stand bringen. Es wird also künftig zum Beispiel Online-Tutorials geben. Eine Schülerin hat jetzt angemerkt, dass sie auch während ihres FSJ-Jahres in Fernost gerne per Skype unterrichtet werden möchte. Und die Kernfrage guten Unterrichts ist: Geht es da um das Erreichen bestimmter Leistungs-Level, oder brauchen wir einen pädagogischen Ansatz, der auch das individuelle Lebens- und Lernumfeld des Schülers in den Blick nimmt? Nicht zuletzt ist kommunal getragene Musikschularbeit immer auch Förderung von Kindern und Familien, die sich Musik nicht ohne weiteres leisten können. Unser Förderverein kann mit Sozialstipendien helfen. Musik ist über Gesang und Sprache auch ein Motor für Integration. Darauf möchte ich in Zeiten von Flucht und Migration auch mein ganz besonderes Augenmerk legen.

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