Fritz Pleitgen beim Theatergespräch über Heinrich Böll Unter russischen Freunden

Münster -

„Für Böll kann ich immer ein gutes Wort einlegen“, beteuerte Pleitgen am Ende des erinnernden Gesprächs mit dem Journalistenkollegen Stephan Lohr im Rahmen der Theatergespräche über Heinrich Böll. Am Montag ging es um dessen Verhältnis zur Sowjetunion.

Von Maria Conlan
Fritz Pleitgen (ARD-Korrespondent in der Sowjetunion,1970–1977, Ehrenvorsitzender des Lew Kopelew-Forums Köln) im Gespräch mit Stephan Lohr (Leiter der NDR Kultur – Literaturredaktion, Hannover, 2008–2014) .
Fritz Pleitgen (ARD-Korrespondent in der Sowjetunion,1970–1977, Ehrenvorsitzender des Lew Kopelew-Forums Köln) im Gespräch mit Stephan Lohr (Leiter der NDR Kultur – Literaturredaktion, Hannover, 2008–2014) . Foto: Maria Conlan

Einleitend erwähnte Wolfgang Türk als Initiator der Reihe, dass Böll 1962 zum ersten Mal in Moskau war, nicht als Tourist oder Literat, sondern vor allem als Mensch, der Antworten auf ihn tief bewegende Fragen suchte. Der Literat stieß auf großes Interesse der Intelligenzia und fand neue Freunde wie Lew Kopelew und Alexander Solschenizyn.

Pleitgens Redefluss über das Thema war kaum zu bremsen. Er schöpfte aus seinem Erfahrungsschatz als Russlandkenner, persönlicher Freund Bölls und Liebhaber der Werke des Nobelpreisträgers. Pleitgens Nervenstärke war Voraussetzung, um mit den widrigen Umständen als Auslandskorrespondent in der Sowjetunion nach dem Kalten Krieg und in Zeiten des geteilten Europas klar zu kommen: in der Mangelwirtschaft, ohne eigenes Kamerateam, mit dem Verbot, Moskau zu verlassen, und ohne Gelegenheit, mit Normalbürgern ins Gespräch zu kommen. Doch die Intelligenzia war sehr kontaktfreudig und interessiert. „Kopelew war der wichtigste Mann.“

Die große Bedeutung von Literatur in der Sowjetunion sah Pleitgen in der Langeweile der Propagandamedien begründet. Die Menschen hielten nicht nur ihre Dichter in Ehren, sondern viele konnten Goethe und Heine deklamieren. Die Bewunderung für Böll begründete Pleitgen mit seinen Romanen: „Er hat den Alltag zum Star gemacht.“ Mehrfach erinnerte Pleitgen an die miese Behandlung Bölls durch westliche Medien, denn dessen Meinung entsprach nicht dem Mainstream. Bei sowjetischen Funktionären eckte er an, als er einen Film über Petersburg drehte und Hinterhöfe zeigte, weil er so die Stadt erlebte. „Wo Böll war, war die Wahrheit. Nichts schönte er, machte kein Kompromisse … ein Nonkonformist mit unpolierten Antworten“, beschrieb Pleitgen den Autor mit ständigem Einsatz für Menschenrechte, genau wie dessen Freund Kopelew.

Pleitgen gab am Ende des (laut Türk „fulminanten Gesprächs“) seine kurze Einschätzung aktueller Politik in Bezug auf Putin und Europa. Er betonte, dass es sich lohne, einen Blick zurück zu werfen darauf, wie es war und wie sich die Geschichte entwickelt habe.

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Am 28. Mai um 20 Uhr geht es im Theatertreff um Heinrich Böll in der DDR mit Pfarrer Dr. h.c. Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg.

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