Meyer macht‘s: Ein Tag unter Punks Für eine Handvoll Kleingeld

Münster -

Im zweiten Teil unserer Serie „Meyer macht‘s“ hat sich unser Autor einen Tag auf die Straße gesetzt – nicht alleine, sondern mit den Punks der Windthorststraße.

Von Björn Meyer
„Haste mal nen Euro“. Für Meyer macht´s stellte sich unser Autor einen Tag mit einigen Punks, hier mit Rebecca, in die Fußgängerzone und schnorrte. Was sich wie ein sonniger Spaß rausstellte, entpuppte sich als harter Arbeitstag.
„Haste mal nen Euro“. Für Meyer macht´s stellte sich unser Autor einen Tag mit einigen Punks, hier mit Rebecca, in die Fußgängerzone und schnorrte. Was sich wie ein sonniger Spaß rausstellte, entpuppte sich als harter Arbeitstag. Foto: Oliver Werner

Eilig habe ich es an diesem Vormittag nicht. Um ehrlich zu sein, ich gehe insgeheim davon aus, erst einmal niemandem am Treffpunkt vorzufinden – und liege damit komplett daneben. Bereits am bahnhofsnahen Ende der Windthorststraße sitzen gegen 10.30 Uhr zwei Punks, einige Meter weiter treffe ich Pascal, Rebecca und Kevin. Eine Woche zuvor bin ich bei der Gruppe vorstellig geworden. Ob sie sich vorstellen könnten, mich mal einen Tag mitzunehmen, habe ich gefragt und eigentlich nicht wirklich mit großer Begeisterung gerechnet. Umso erstaunter war ich, als man mich ziemlich unkompliziert in die Runde einlud. „Komm einfach vorbei, wir sind bestimmt da“, hieß es.

 „Wenn du kiffen willst, dann bitte einmal um die Ecke“

Und so finde ich mich an diesem warmen Frühlingstag tatsächlich in der Fußgängerzone wieder. „Kannst deine Sachen hier hinlegen“, zeigt mir Pascal, ein bulliger 36-Jähriger, einen Platz an der Sparkassen-Mauer. „Wenn du kiffen willst, dann bitte einmal um die Ecke“, schiebt er nach. Der Mann vom nahe gelegenen Handy-Reparaturdienst sehe das nicht so gerne vor seinem Laden, erklärt Pascal. „Na, dann hätten wir das ja geklärt“, sage ich verlegen. Dennoch muss ich lachen, und auch Pascals Grinsen verrät mir, dass er längst weiß, dass weitere Informationen in diesem Fall wohl überflüssig sind.

„Siehst ganz anders aus“, sagt Rebecca, eine 21-Jährige mit grünen Rasterlocken, wohl in Anspielung darauf, dass ich mich eine Woche zuvor noch in Hemd und Jeans vorgestellt hatte, nun aber das trage, was ich in meinem Kleiderschrank am ehesten als Punk-taugliches Outfit identifiziert habe. Schließlich bin ich an diesem Tag nicht nur als Beobachter gekommen, sondern möchte erfahren, wie es sich anfühlt, den Tag auf der Straße zu verbringen. Wie es ist, mir unbekannte Menschen um Geld zu bitten. Die Überwindung, die Scham – im Vorfeld habe ich mir da einiges ausgemalt. In ein paar Stunden werde ich erkannt haben, dass ich abermals völlig daneben liege.

Plötzlich ein Fremdkörper

Einen Kaltstart jedenfalls wage ich nicht. Erst einmal lasse ich die Situation und die an mir vorbeiziehenden Menschen auf mich wirken. Ein seltsames Gefühl überkommt mich. Dutzende, vielleicht Hunderte Male bin ich die kleine Fußgängerzone schon entlanggelaufen. Früher als Student, später als Redakteur, manchmal als Feiernder oder schlicht als Spaziergänger. Zum ersten Mal aber habe ich das Gefühl, hier ein Fremdkörper zu sein. Nur jemand zu sein, auf den die Gesellschaft herabblickt. Dabei macht sie genau genommen gerade das nicht. Jedenfalls nicht offensichtlich, denn ein ganz überwiegender Teil der Passanten ignoriert mich und auch die anderen völlig. Wegen der Hektik des Alltags vielleicht, aus Abscheu möglicherweise oder Furcht vor dem Unbekannten.

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Eine Spende gegen die Globalisierung.

Der Meyer

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Schnorren nach Regeln

Natürlich bin ich aber auch für die Punks keiner von ihnen, sie geben sich jedoch merklich und mit viel Herzlichkeit Mühe, mir ihre Welt näherzubringen. Zum Schnorren etwa gehören Regeln, erklärt mir Rebecca. Sie fällt nicht nur durch ihre Frisur auf, sondern auch durch das Diabolo, das sie immer wieder meterhoch in die Luft feuert. Kinder, Schwangere und Passanten mit Kindern werden nicht angeschnorrt, trichtert sie mir ein. Auch Menschen mit Behinderungen führten viele Punks auf dieser Liste. „Das halte ich persönlich aber für Quatsch“, sagt Rebecca und begründet: „Wenn jemand im Rollstuhl sitzt, dann fühlt er sich viel eher diskriminiert, wenn er von mir nicht ganz normal behandelt wird.“

Geschnorrt wird an diesem Tag per sogenannter „Klingelrunde“. Dass bedeutet, dass nach jedem „Wurf“, also jedes Mal, wenn jemand Geld gibt, die Sammeldose von einem Punk zum nächsten wandert. Prinzip verstanden – und dann bin ich auch schon dran. Die Sprüche, die mir Rebecca als Hilfe mit auf den Weg gegeben hat, habe ich prompt alle vergessen. Also rede ich frei heraus. „Eine Spende gegen die Globalisierung“, entlockt vielen Passanten ein Lächeln – aber kein Kleingeld. „Ein bisschen lauter, musst du schon sein“, sagt Kevin. Nach fast zehn Minuten ohne einen Wurf, wird es hinter mir unruhig. „Wir brauchen Einnahmen“, sagt Kevin mit einem Grinsen. „Dürften wir an Ihrem Wohlstand teilhaben“, versuche ich es mit einem neuen Spruch. Pascal lacht: „Der ist gut.“

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Jetzt geht es mir wieder besser.

Norbert

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Doch mein erstes Geld kommt nicht als Reaktion, sondern als Überraschung. Eine junge Frau mit Kind, die ich bis dato gar nicht wahrgenommen hatte, wirft mir ein paar Cents in die Dose. Da ich sie nicht aktiv angeschnorrt habe, ist das okay. Und auch wenn das „Braungeld“, wie es die Punks nennen, weniger gern gesehen ist, die Dose wechselt erstmal.

Abgesehen vom mäßigen Erfolg – Scheu oder gar Scham verspüre ich nicht. Kurz wundert mich das, dann gelange ich zu der Erkenntnis, dass mich zahllose Straßenumfragen wohl schon zu häufig beruflich zum Bittsteller gemacht haben. Zudem geht mir das Gefühl ab, wirklich auf das Geld angewiesen zu sein.

3,50 Euro nach über einer Stunde

Ich muss erkennen, das Ganze bleibt für mich ein Spaß. Auch bei meinen nächsten Runden, bei denen es silbern in der Dose klingelt. Erst ein Ein-Euro-, dann sogar ein Zwei-Euro-Stück. Ein erhebendes Gefühl, das aber schnell wieder abebbt. Aufgrund mehrfach wechselnder Besetzung wird das Geld häufiger aufgeteilt. Nach über einer Stunde verzeichnet meine Einnahmenseite 3,50 Euro. Für die Runde Bier und die Bratwurst von nebenan bin ich dagegen bereits fünf Euro losgeworden.

Mir schwant, dass nicht nur das Schnorren, sondern auch der Verzicht die Kasse füllt. Meine Mitstreiter sind da – wohl gezwungenermaßen – geübter. Einige sind ohne Obdach, andere wohnen in Wohngemeinschaften oder kommen bei Freunden unter. Wo und wie auch immer, alle brauchen Geld. Essen, Bier, aber manchmal auch Drogen, wollen finanziert werden. „Jeder hat seinen Schnitt, den er machen möchte“, verrät die 35-jährige Ramona. Bei Pascal etwa sind das an diesem Tag 20 Euro. Und so sitzt er mit 18,50 Euro noch in der Fußgängerzone, als viele andere den Nachmittag schon im Park verbringen.

Zu der Zeit kommt mein bester Freund durch die Windthorststraße. Ich sehe ihn nicht, bis er mir einen Euro zusteckt. Ich bin irritiert, denn ich kann mich nicht erinnern, ihm von meinem Vorhaben erzählt zu haben. „Hast du auch nicht“, bestätigt er mir später am Telefon. Aber er habe angenommen, dass es sich um „Meyer macht‘s“ handele. Angenommen? Ich frage mich, ob ich mir wohl Gedanken um meinen Ruf machen muss.

Die Geschichten der Punks

Doch zurück zu realen Schicksalen: Rebeccas etwa, die aus Bergheim stammt. Mit acht Jahren sei sie ins Heim gekommen, später habe sie dann in einer Mädchen-Wohngruppe gewohnt. An ihren Armen und Beinen zeugt Narbengewebe von Kämpfern, die sie ganz offenbar heftig gegen sich selbst ausgefochten hat. Sie geht offen mit ihrer Schwäche um, genau wie viele andere. Robert zum Beispiel, der einst als Metallbauer arbeitete. Der 30-Jährige hat merklich Humor und stets einen lockeren Spruch auf Lager. Vor einiger Zeit hat er sich einen senkrechten Strich durch sein Gesicht tätowieren lassen. Die viele Arbeit und familiäre Probleme hätten ihn seinerzeit zu einer Therapie und schließlich zum Ausstieg aus seinem bis dato vermeintlich geregelten Leben bewegt. „Jetzt geht es mir wieder besser“, erzählt er. Nur wenn er in seine Heimat nach Niedersachsen fahre, dann schüttele es ihn regelrecht. „Da halte ich es nicht länger als einen Tag aus“, erzählt er.

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Was man dann eben so macht: Dealen, Diebstahl, Urkundenfälschung.

Ramona

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Ramona dagegen kommt aus dem Ruhrpott. Mit 13 sei sie ins Heim „gegangen“, wie sie sagt. Ob sie zu Hause weg wollte? „Ja, das war besser so“, findet sie. Doch auch das Heim habe ihr keine Geborgenheit geben können. „Es lag direkt neben der Szene“, sagt Ramona. Die Subkultur der Punks sei damals faszinierend für sie gewesen. Sie habe Freiheit bedeutet, doch damit sei es schnell vorbei gewesen. Mit 14 sei sie auf Shore, also Heroin gewesen. „Wenn die Sucht kommt, bist du nicht mehr frei.“ 13 Jahre habe sie das Zeug genommen. Kriminalität sei damit einhergegangen. „Was man dann eben so macht. Dealen, Diebstahl, Urkundenfälschung.“ Fünf Jahre habe sie dafür insgesamt gesessen. „Heute fühle ich mich freier, auch wenn ich nicht sagen würde, dass ich keine Sorgen mehr habe.“ Was sie jungen Punks raten würde? „Die können ja Punks werden, wenn sie unbedingt wollen. Aber sie sollten die Schule zu Ende machen.“

Pascal, eigentlich Typ Alphatier, hört das nicht mehr. Er ist nach dem Schnorren noch anderweitig verabredet. Feiern sei sowieso nicht mehr so sein Ding. Wenn er sich etwas wünschen dürfe? „Dass ich vielleicht mal einfach nur einen Tag zu Hause bleiben kann“, sagt er nach kurzem Überlegen und schiebt nach: „Ganz schön armselig irgendwie, oder?“ Was seine Zukunft betrifft, gibt er sich keinen Hoffnungen hin. „Ich glaube nicht, dass noch mal aus mir etwas wird“, orakelt er leise.

Ich bin da längst zum Beobachter geworden. Jemand, der dankbar ist für den offenen Einblick, der aber nach ein paar Stunden auf der Straße mit weniger Geld geht, als er gekommen ist, der später zu Hause beim Blick vom Balkon über seinen harten Tag in der Sonne klagt. Der früh einschläft und unruhig träumt – und der am nächsten Morgen ganz schön froh ist, sich ein Hemd anziehen zu dürfen. Die nächste Straßenumfrage kommt bestimmt.

Selber mitmachen

Kennen Sie etwas, das unser Redakteur Björn Meyer mal ausprobieren sollte? Dann schlagen Sie es ihm doch einfach vor. Egal ob Verein, Privatrunde oder öffentliche Einrichtung – für „Meyer macht‘s“ sind kaum Grenzen gesetzt. Wir freuen uns über eine kurze Beschreibung ihres Vorschlags unter redaktion.ms@zeitungsgruppe.ms unter dem Betreff „Meyer macht‘s“.

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