Eine Woche nach der Amokfahrt in Münster
„Wir lassen uns nicht vertreiben“

Münster -

Die Stadt ist eine Woche nach der Amokfahrt am Kiepenkerl voll. Manche Besucher vermissen die gewohnte Fröhlichkeit, spüren immer noch eine bedrückende Stimmung. Viele Menschen, die in der Sonne vor den Cafés sitzen, betonen ausdrücklich: „Wir lassen uns nicht vertreiben.“

Montag, 16.04.2018, 06:06 Uhr aktualisiert: 16.04.2018, 07:58 Uhr
Die Gäste in der Außengastronomie vom Restaurant Stuhlmacher am Prinzipalmarkt wollen sich nicht vertreiben lassen. „Jetzt erst recht“, sagen sie nach den schrecklichen Ereignissen vor einer Woche am Kiepenkerl. Foto: Matthias Ahlke

Die Innenstadt ist am Samstag voller Menschen. Eigentlich sieht es so aus wie immer an den Wochenenden: Die Straßencafés sind vor allem am Nachmittag gut besucht, viele Touristen schauen sich die Stadt an – und doch ist Münster eine Woche nach der schrecklichen Tat am Kiepenkerl stiller geworden. Immer noch legen viele Menschen dort Blumen nieder und zünden Kerzen an. Viele halten kurz inne.

„Das Leben geht weiter“

„Ich bin heute das erste Mal in der Stadt“, sagt Eva-Maria Bruns, die eines der Todesopfer persönlich kannte. „Der 65-jährige Ahauser war ein Kartellbruder meines Mannes“, sagt sie und fügt hinzu: „Aber das Leben geht weiter.“ Das meint auch Reinhard Fehige: „Egal wo, ich würde nach wie vor ein Bier trinken gehen.“ Es mache keinen Sinn, sich jetzt Gedanken zu machen, sagen zwei Gäste, die in der ersten Reihe vor dem Marktcafé am Domplatz sitzen, das an diesem Samstagmittag noch einige Plätze frei hat. Wie gesagt: „Das Leben geht weiter“, betont Christian Niehoff.

Auch vor der Gaststätte Stuhlmacher auf dem Prinzipalmarkt füllen sich mittags die Tische der Außengastronomie. „Ich lasse mich nicht vertreiben“, meint ein 74-jähriger Münsteraner. Nebenan sitzt eine Volleyballmannschaft von Borkum. Irgendwie ist das Team aber doch froh, erst eine Woche später hier zu sein. Aber den Kopf in den Sand stecken, das möchte niemand. „Das schöne Unberührte von Münster ist verloren, das Unschuldige ist weg“, fasst ein Stuhlmacher-Gast seine Gefühle zusammen.

Erleichterung nach Schweigeminute

Die Menschen gehen unterschiedlich mit der Tat um. „Nach der Schweigeminute am vergangenen Mittwoch spüre ich so etwas wie Erleichterung“, sagt Agathe Dopp aus einem Modehaus am Spiekerhof. Sie steht am Samstag gemeinsam mit Sabine Bühring im Laden – wie vor einer Woche.

Sie sollen mitbekommen, ihr seid nicht alleine, wir sind bei Euch.

Peter Schlüter

Die Lebenshilfe aus Hameln besucht Münster. „Es ist so beklemmend“, so Brigitte Wallbaum. Eine Gruppe, die mit Gunnar Weiper durch die Stadt spaziert, ist nur gekommen, um Münster kennenzulernen. Die ehrenamtlichen Helfer aus Zürich, Chemnitz, Neumarkt und Köln wollen beim Katholikentag mitwirken – in einer Stadt, die einige von ihnen schon anders kennengelernt haben. „Eigentlich passt die bedrückende Stimmung nicht in die heile Welt von Münster“, sagen Gäste.

Chronologie der Amokfahrt in Bildern

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  • Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Samstag, 7. April, 15.27: Ein silberfarbener Camping-Bus rast auf den Platz am Kiepenkerl. Am ersten schönen Frühlingstag sitzen zahlreiche Menschen auf dem Platz vor der Gaststätte Kiepenkerl. Die Amokfahrt eines Mannes macht aus dem gutbürgerlichen Idyll eine grauenvolle Szenerie: Zwei Menschen kommen ums Leben, über 20 werden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschießt sich nach der Tat selbst.

    Foto: Stephan R./dpa
  • Kurz nach der Tat herrscht Chaos auf dem Platz. Passanten leisten den Verletzten Erste Hilfe.

    Foto: privat
  • Schnell sind die Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr vor Ort. Die Erstversorgung läuft wenige Minuten nach der Tat an. Weil fast zeitgleich eine Demonstration von 1500 Kurden in Münster beginnen soll, befinden sich zahlreiche Polizeikräfte in der Stadt, die zum Einsatzort am Kiepenkerl eilen.

    Foto: Oliver Werner
  • Auf dieser Straße fuhr der Täter am Samstag mit seinem Campingbus bis zum Kiepenkerl-Denkmal. Foto: imago stock&people (Archiv) / Grafik Jürgen Christ
  • Nach der Erstversorgung werden die Verletzten in die Krankenhäuser der Stadt gebracht.

    Foto: Oliver Werner
  • Zunächst ist nur der unmittelbare Bereich um den Tatort abgesperrt...

    Foto: Oliver Werner
  • ... doch nach und nach macht die Polizei die gesamte Innenstadt zur Sperrzone. Denn die Hintergründe der Tat sind noch völlig unklar.

    Foto: Oliver Werner
  • War es ein islamistischer Anschlag? Sind weitere Täter auf der Flucht? Die Gerüchte schießen eine Stunde nach der Tat ins Kraut.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Weil die Einsatzlage zunächst unklar ist, mobilisiert die Polizei mehrere Hundertschaften, die sich vor dem Polizeipräsidium am Friesenring sammeln.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Domplatz wird zum Sammelpunkt der Einsatzkräfte. Auch schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei sind vor Ort.

    Foto: Bernd Thissen/dpa
  • Was schnell klar ist: Die meisten Schwerverletzten der Amokfahrt kommen nach Angaben der Uniklinik Münster (UKM) aus dem Münsterland, aber auch aus Hamm, dem niedersächsischen Vechta und den Niederlanden.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auf dem Schlossplatz sind derweil einige Rettungshubschrauber gelandet. In den ersten Stunden nach der Tat sind laufend Hubschraubermotoren zu hören.

    Foto: Jürgen Grimmelt
  • Ein Inder hält sich in der Sperrzone auf und versteht die Anweisungen der Polizei nicht. Da die Gefahrenlage zu dem Zeitpunkt nicht geklärt ist, fordern die in alle Richtungen ermittelnden Beamten den Mann auf, sich auf den Boden zu legen, wie in einem Video zu sehen ist, das kurz nach der Tat im Netz kursiert. Schnell stellt sich heraus: Der Mann aus Indien hat nichts mit der Sache zu tun.

    Foto: Screenshot/privat
  • Schlange stehen, um zu helfen: Das Uniklinikum ruft am frühen Samstagabend zur Blutspende für die Verletzten auf. Prompt kommen 300 Münsteraner an die Domagkstraße. Bis nach Mitternacht wird schließlich 175 Freiwilligen Blut abgenommen. Überwältigt von der Solidarität bedankt sich das UKM später bei den Helfern.

    Foto: Maren Baars
  • Noch am Samstag ist die Identität des Amokfahrers geklärt: Jens R., wohnhaft in Münster, 48 Jahre alt, Industriedesigner, geboren in Olsberg (Sauerland). Im Laufe des Abends verdichten sich die Anzeichen, dass der von der Polizei als psychisch labil eingestufte Mann allein gehandelt hat. Das Motiv bleibt jedoch zunächst unklar.

    Foto: Privat
  • Polizisten durchsuchen bereits am Samstagabend die Wohnung des Täters in der Zumbroockstraße. Am Sonntag setzen sie die Suche fort. Dabei entdeckten die Ermittler mehrere Gasflaschen, Kanister mit Bioethanol und Benzin sowie eine Deko-Waffe und Polen-Böller. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat werden nicht entdeckt.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Die Spurensicherung ist auch am späten Samstagabend noch am Tatort. Die Beamten haben außerdem Sprengstoffexperten hinzugezogen. In dem Fahrzeug befindet sich ein verdächtiger Gegenstand...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... der sich aber als ungefährlich herausstellt. Das Fahrzeug des Täters wird erst in der Nacht zu Sonntag abgeschleppt.

    Foto: David Young/dpa
  • Sichtlich mitgenommen sieht Oberbürgermeister Markus Lewe am späten Samstagabend aus. In Interviews drückt er sein Beileid aus, zeigt sich tief betroffen und lobt die Solidarität der Münsteraner.

    Foto: Oliver Werner
  • Am Aasee trafen sich nach einem Aufruf in sozialen Netzwerken am Abend spontan einige Menschen, um Kerzen für die Opfer niederzulegen. Foto: dpa
  • Am Tag danach dominiert Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Platz am Kiepenkerl ist am Sonntagmorgen zunächst noch abgesperrt,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...der Rest der Innenstadt ist aber wieder frei zugänglich.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Als der Kiepenkerl-Platz freigegeben wird, hinterlegen die ersten Passanten Blumen. Viele können das Geschehene immer noch nicht fassen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagmittag kommt Politikprominenz zur Gedenkminute an den Tatort: (v.l.) Münsters Oberbürgermeister, Markus Lewe, NRW-Innenminister Herbert Reul, Bundesinnenminister Horst Seehofer und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet gedenken der Opfer...

    Foto: Marius Becker/dpa
  • ... und tragen sich ins Kondolenzbuch im Rathaus ein.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Unter dem Spruch "In stiller Trauer" sieht man die Unterschriften der Politiker.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Die Amokfahrt ruft zahlreiche Medienvertreter auf den Plan. Hier ist Bundesinnenminister Horst Seehofer umringt von Kameras und Mikrofonen.

    Foto: Marius Becker/dpa
  • Am Sonntagabend nehmen 1500 Menschen an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Paulus-Dom teil.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Der Andrang ist riesig: Im Dom müssen die meisten Gottesdienstbesucher stehen.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Zu den zahlreichen prominenten Besuchern gehören auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (2.v.l.) und Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (r.)

    Foto: Oliver Werner
  • Bischof Felix Genn (2.v.r.) und Münsters Superintendent Ulf Schlien entzünden während des Gottesdienstes Kerzen.

    Foto: Oliver Werner
  • Viele weitere Gottesdienstbesucher entzünden Kerzen und stellen sie vor dem Dom ab.

    Foto: Friso Gentsch/dpa
  • Auch vor dem Kiepenkerl-Denkmal werden Kerzen angezündet und Blumen abgelegt.

    Foto: Ina Fassbender/dpa
  • Am Montagmorgen hält Oberbürgermeister Markus Lewe noch einmal vor dem Meer aus Blumen und Kerzen vor dem Kiepenkerl inne.

    Foto: Guido Kirchner
  • Karl Hans-Joachim Kunze steht, nachdem das SEK in der Nacht zum Sonntag seine Wohnung in Pirna gestürmt hat, mit den Teilen des Türschlosses vor seiner Wohnungstür. Jens R. hatte einst dort gewohnt. In einer anderen Wohnung des Täters, ebenfalls bei Dresden, finden Ermittler am Sonntag ein 18-seitiges Schreiben. Dabei handelt es sich um eine Art „Lebensbeichte“, die Hinweise auf suizidale Gedanken von Jens R. geben.

    Foto: Daniel Förster
  • Thomas van den Hooven (Pflegedirektor UKM, v.l.), Prof. Dr. Robert Nitsch (Ärztlicher Direktor UKM) und Prof. Dr. Michael Raschke (stellvertretender Ärztlicher Direktor UKM) informieren während einer Pressekonferenz am Sonntag über die Patienten. Drei Schwerstverletzte werden zu dem Zeitpunkt im UKM behandelt, zwei weitere im Clemenshospital. Später am Tag wird bekannt, dass auch Chiara Hoenhorst, eine Volleyballspielerin des USC Münster, durch die Amokfahrt schwer verletzt wurde.

    Foto: Oliver Werner
  • Auch am Dienstag sind vor dem Kiepenkerl Trauerbekundungen zu sehen. Die Gaststätte kündigt an, auf Wunsch der Belegschaft am Mittwoch wieder zu öffnen.

    Foto: Oliver Werner
  • Passanten halten am Dienstag am Tatort inne und gedenken der Opfer.

    Foto: Oliver Werner
  • Vor der Bezirksregierung hängen die Flaggen weiter auf Halbmast.

    Foto: Oliver Werner
  • Eine Stadt steht zusammen: Auch drei Tage nach der Amokfahrt drücken die Münsteraner an vielen Orten und auf verschiedene Arten ihr Mitgefühl gegenüber den Betroffenen aus.

    Foto: Oliver Werner
  • Hätte die Amokfahrt von Münster verhindert werden können? Hätten die Gesundheitsbehörden eingreifen müssen? Nein, sagt Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (2.v.l.) entschieden auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag. Die Amokfahrt von Münster hätte nach Einschätzung von Lewe nicht verhindert werden können.

    Foto: Oliver Werner

Auch Peter Schlüter ist am Samstag in die Innenstadt zurückgekehrt. Der 66-Jährige saß am Tag der Amokfahrt ganz vorne auf der Außenterrasse vom Großen Kiepenkerl und wollte einfach nur die Sonne genießen. Er sei dann aber früher gegangen, weil er noch schnell zum Markt wollte. Jetzt steht er vor dem Blumenmeer und hat selbst eine Kerze angezündet. Diese sind für ihn ein Zeichen an die Verletzten in den Krankenhäusern. „Sie sollen mitbekommen: Ihr seid nicht alleine, wir sind bei euch.“

„Wir lassen uns nicht beeindrucken“

Ein Freundeskreis steht etwas abseits und schaut zum Platz. Wilfried Parkner fragt sich: „In gut einem halben Jahr findet hier der Weihnachtsmarkt statt, geht das noch?“ Stefanie Bültel: „Das zeigt aber auch, wie schnell etwas zerstört werden kann.“

„Die 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht“, meint Behzat Azamat. Er schlägt jede Woche mittwochs und samstags seinen Kaffeestand „Café e più“ am Marktrand auf. Ein sensibler Ort, trotzdem lässt sich der Gastronom nicht vertreiben. Er sei nur froh, sagt er, dass der Täter kein Ausländer, kein Perser, kein Moslem gewesen sei.

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