Opferbetreuung nach der Amokfahrt Wenn nachts Horrorbilder aufleben

Münster -

Die Amokfahrt im Kiepenkerlviertel hat bei vielen Menschen seelische Wunden hinterlassen. Das Team vom Polizeikommissariat Kriminalprävention und Opferschutz arbeitet derzeit im Ausnahmezustand. Täglich rufen weitere Menschen an, die dringend Hilfe benötigen.

Von Karin Höller
Die Bilder vom vergangenen Sonntag sind schwer wieder aus dem Kopf zu bekommen.
Die Bilder vom vergangenen Sonntag sind schwer wieder aus dem Kopf zu bekommen. Foto: Matthias Ahlke

Die seelischen Wunden nach der Amokfahrt im Kiepenkerl-Viertel sind tief und werden bei vielen Menschen lange Zeit brauchen, um zu verheilen. „Und dies nicht nur bei jenen, die unmittelbar an dem schrecklichen Vorfall beteiligt waren“, sagt Ute Stehr, die das Polizeikommissariat Kriminalprävention und Opferschutz leitet. Dort arbeite man immer noch im Ausnahmemodus. „Das Alltagsgeschäft muss derzeit auf ein Mindestmaß zurückgefahren werden.“ Vorrang habe die Begleitung und Beratung von 26 Opfern der Amokfahrt. Und täglich riefen weitere Menschen an, die Probleme mit der Aufarbeitung hätten. Einige Menschen würden unter Schlafstörungen leiden, bei anderen löse das Rattern von Autoreifen auf Kopfsteinpflaster Panikattacken aus. Stehr: „Die Menschen sind ganz unterschiedlich betroffen und traumatisiert.“

Unkomplizierte Hilfe habe beispielsweise ein Mann erhalten, der es derzeit nicht ertrage, seinen Parkplatz zu nutzen, weil er jedes Mal mit seinem Wagen über den Kiepenkerlplatz fahren müsse. In Kooperation mit dem Weißen Ring, der bei dieser Amokfahrt laut Stehr sämtliche Entschädigungsfälle übernimmt, werde dem Mann vorübergehend ein Autoparkplatz in einem Parkhaus finanziert.

Sofortige Hilfe ist sehr wichtig

Schwer traumatisiert sei zudem eine Ersthelferin, die derzeit nicht ihrer selbstständigen Arbeit nachgehen könne. Fälle, in denen die Mitarbeiter vom Kommissariat für Kriminalprävention und Opferschutz Trost sowie Beratung auch in rechtlichen Fragen bieten und schnell und unbürokratisch weiter an Fachstellen wie die Traumaambulanz in der Uniklinik vermitteln. Stehr: „Einige Betroffene haben dort noch am selben Tag einen Termin bekommen.“

Direkt nach der Amokfahrt waren zwei Betreuungsstellen im Clemens-Wallrath-Haus an der Josefstraße und im Theaterfoyer eingerichtet worden. Heute scheint es fast wie eine glückliche Fügung, dass eine Gruppe von Notfallseelsorgern aus Paderborn, die sich während eines Münster-Ausflugs zufällig in der Nähe des Kiepenkerls aufhielt, sofort Hilfe anbot.

Unkompliziert, so Stehr, sei zudem in Kooperation mit Notfallbegleitern, der Polizei und der Stadt Münster nach der Tat für Unterkünfte von Angehörigen der Verletzten gesorgt worden.

Die Schreckenstat lässt die Menschen nicht zur Ruhe kommen. Einige Angehörige, die den Tatort zur Verarbeitung besuchen wollen, nehmen derzeit dankbar die Begleitung von Polizeibeamten an, berichtet Stehr.

Analog zum Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin gebe es auf Landesebene Bestrebungen, Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz zu zahlen. Anträge – beispielsweise für Reha-Maßnahmen – müssen laut Stehr an den Landschaftsverband Westfalen-Lippe gerichtet werden. Polizei-Sprecherin Antonia Klein macht zudem darauf aufmerksam, dass Menschen, die im Nachgang der Tat Hilfe brauchen, sich auch an jede Polizeidienststelle wenden können und dann an Experten weitervermittelt werden. 

Telefonische Sprechstunde

Anlässlich der Amokfahrt am 7. April in der münsterschen Innenstadt bietet die Traumaambulanz der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) eine telefonische Sprechstunde für Betroffene an. Die Psychotherapeutin Dr. Antje Krüger-Gottschalk und der Psychotherapeut Prof. Nexhmedin Morina sind täglich zwischen 12 und 13 Uhr unter der Telefonnummer 02 51/8 33 41 32 erreichbar. Das Angebot besteht bis Ende April.

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