Nicoline van Harskamp in der Kunsthalle Münster Reden im Steinbruch der Sprache

Münster -

Diese Sprache führt ein Schattendasein in der Hochkultur. Kein Roman von Weltrang. Keine preisgekrönte Lyrik. In der Regel wird nicht einmal Journalismus mit solchen Worten betrieben. Dabei ist diese Verkehrssprache weltweit in fast aller Munde.

Von Gerhard H. Kock
Im Video „PDGN“, das nicht von ungefähr nach der kolonialen, leicht abfällig „Pidgin-English“ benannten Behelfssprache klingt, tauschen sich Frauen über Gemeinsinn, eine utopische Gesellschaft und die Freiheit aus, sich selbst einen Namen geben zu dürfen.
Im Video „PDGN“, das nicht von ungefähr nach der kolonialen, leicht abfällig „Pidgin-English“ benannten Behelfssprache klingt, tauschen sich Frauen über Gemeinsinn, eine utopische Gesellschaft und die Freiheit aus, sich selbst einen Namen geben zu dürfen. Foto: Nicoline von Harskamp

Diese Sprache führt ein Schattendasein in der Hochkultur. Kein Roman von Weltrang. Keine preisgekrönte Lyrik. In der Regel wird nicht einmal Journalismus mit solchen Worten betrieben. Dabei ist diese Verkehrssprache weltweit in fast aller Munde, geklaubt aus dem Steinbruch der Hochsprache Englisch. Nicoline van Harskamp hat auf den Sprachglobus geblickt und dem universalen Wortschatz den passend gebeugt englischen Namen gegeben: „Englishes“. Die niederländische Künstlerin hat die Frage „Do you speak English?“ in ihrem facettenreichen Werk thematisiert.

Die Professorin für Performative Kunst an der Kunstakademie Münster nimmt ihre erste Einzelausstellung in Deutschland zum Anlass, um in der Kunsthalle Münster fünf filmische Werke der fortlaufenden Video-Reihe „Englishes“ zu präsentieren – durchaus unterhaltsame und zugleich nachdenklich stimmende Anregungen auf die Frage: Was bedeutet es, wenn ein Großteil der weltweiten Bevölkerung, dessen Muttersprache nicht Englisch ist, sich verpflichtet fühlt, die Frage – wenn auch zögerlich – mit „Yes“ zu beantworten?

Davon kann der „Forscher“ einer „rumänischen Universität“ ein Lied singen, der im Video „Portrait of an Eng­lishes Collector“ (2015) Leute aus aller Welt anruft, um in gebrochenem Englisch nach deren gebrochenen Englisch zu forschen. Es gibt welche, die wie jeder vernünftige Mensch bei seltsamen Anrufern auflegen, noch „wrong number“ sagen oder in die Dudel-Warteschleife umleiten. Einige aber geben aufschlussreiche Antworten. So lernte ein Mann, dessen Muttersprache das indische „Urdu“ ist, sein „Englisch“ durch Songs von Metallica und Eminem, aber immerhin auch durch BBC und CNN. Sehr schön ebenfalls der Anruf bei jenem Mann, der als Muttersprache Französisch angibt; woraufhin dem „Collector“ ein „Bonjour“ entfleucht, woraufhin der Franzose wiederum fortan nur noch französisch spricht . . .

In „Her Production“ (2014) hat die Künstlerin, was sie verbal an Englisch produziert, einigen Sprach-Experten vorgelegt. Die mokieren sich über ihr „th“ (sprich: ti äitsch) und vermissen die „Emotionen“ in ihrer Aussprache. Zu sehen ist das Gesprochene ausschließlich handschriftlich im „Internationalen Phonetischen Alphabet“, mit dem menschliche Laute als Zeichen notiert werden können. So stellt von Harskamp wieder Gleichheit her. Am Ende geben alle Menschen lediglich Laute von sich. Immerhin.

Die Lust der Sprachverwirrung springt dem Betrachter im Video „Wer Mae Hao“ (2015) entgegen. Kinder unterschiedlichster Muttersprachen zerschneiden Wörterbücher und fertigen aus diesen Schredder-Streifen einen chinesischen Drachen, mit dem sie lustvoll durch den Raum tanzen. Und sie erzählen in Kinderkauderwelsch-Englisch Geschichten.

Hat das Babylonische in kindlicher Unbefangenheit noch etwas Anrührendes, wendet „Darling Good Night“ (2016) die Sprachverwirrung ins Labyrinthische. Es ist ein ruhig daliegender See zu sehen, und zu hören sind Flüchtlinge, die über ihre Kommunikationserfahrungen auf ihrer Flucht durch Staaten und Welten berichten. So wird in einer Heimat „langsam und freundlich“, in Europa dagegen schnell und harsch gesprochen.

Der Video-Titel „PDGN“ (2016) klingt nicht von ungefähr nach der kolonialen, leicht abfällig „Pidgin-English“ bezeichneten Behelfssprache. Der Film zeigt aber eine von Frauen dominierte Welt, in der eine utopische Gesellschaft frei von sozialem und ökonomischem Druck zu herrschen scheint. „Wer den Namen vergibt, herrscht.“ Stellt eine Frau fest, daher gibt sie sich selbst einen – je nach Lebensphase. Eine Frau überstand ihren ersten Herzschmerz, in dem sie sich „Großmütiger Stern“ nannte. Da merkt die alte Frau an, dass man in seiner Pubertät durch einen Namen pro Woche geht . . .

Wenn es um Sprache geht und Gesellschaftsschichten, darf „Pygmalion“ („My Fair Lady“) von George Bernard Shaw nicht fehlen. Von Harskamp thematisiert dies in „Romance in Five Acts and „Twenty-one Englishes“ (2015).

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Die Ausstellung wird Donnerstag (29. März) um 19.30 Uhr in der Kunsthalle, Hafenweg 28, eröffnet.

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