Sardische Musica Sacra Geistliches von Bauern und Hirten

Münster -

Geistliche Musik aus Sardinien – wer hätte gedacht, dass es sie gibt? In Münster und im Münsterland jedenfalls wird sie in den letzten Jahrzehnten gewiss niemand gehört haben. Nun machte das Festival „Musica Sacra“ am Sonntag in Münsters Aegidiikirche mit dieser Tradition sardischer Musik bekannt. Musik religiöser Bruderschaften, die sich im 17. Jahrhundert entwickelt hat und bis heute in dem kleinen Dorf Orosei gepflegt wird.

Von Chr. Schulte im Walde
Das Ensemble „Cuncordo e Tenore“ in der Aegidiikirche
Das Ensemble „Cuncordo e Tenore“ in der Aegidiikirche

Aus diesem „Nest“ an der nördlichen Ostküste Sardiniens kommt das Ensemble „Cuncordo e Tenore“. Fünf bodenständige Herren jüngeren und mittleren Alters, denen eines gemeinsam ist: Sie haben bemerkenswerte Naturstimmen. Und was für welche! Mühelos könnte deren Klang eine riesige Kathedrale füllen. Weshalb die ersten zwei, drei Minuten ihres Konzertes in der eher überschaubar großen Aegidiikirche für manchen im Publikum womöglich noch etwas gewöhnungsbedürftig waren. Sehr intensiv und markig, dabei immer „geradeaus“ und ohne jedwede dynamische Abstufungen zelebrierten die Herren, die in ihrem „normalen“ Leben als Bauern oder Hirten arbeiten, das eröffnende „Miserere“ als kleine Prozession vom Kirchenportal bis hinein in den Chorraum.

Man muss sich auf diesen Stil liturgischer Musik einlassen, sich hineinfallen lassen in deren grundsätzlich meditativen Gestus, der aber keinen Moment lang narkotisierend wirkt. Im Gegenteil. Urwüchsigkeit und Kraft sprudeln aus den sowohl auf lateinisch als auch auf sardisch transportierten Texten, in denen es um das Geschehen der Karwoche geht.

Interessant, dass sich diese Musik gewöhnlicher Harmonik bedient, sich fast ausnahmslos im Dur-Tongeschlecht aufhält – und dennoch eine mitunter sehr archaische Wirkung ausübt. Höchst selten schleichen sich Akkorde in Moll in den Gesang, auch wird er sehr sparsam verziert, wenn überhaupt, dann allenfalls durch kleine Triller. Primat bekommt der Text und seine klare Deklamation, ob in einem „Kyrie“ oder einem „Stabat mater“. Und dazu bilden die Sänger stets einen geschlossenen Kreis, die Gesichter einander zugewandt. Und alles wird aus dem Gedächtnis heraus gesungen. Das ist Tradition in reinster Form. Vielleicht etwas aus der Zeit gefallen, aber das fasziniert und adelt sie angesichts einer Gegenwart, die ihre beängstigende Beschleunigung offenbar gar nicht mehr zu bremsen in der Lage ist.

http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5620896?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F