Smartphones auf Konzerten Handy runter, Show genießen!

Münster -

Live dabei und doch nicht mittendrin: Der Ärger vieler Besucher ist groß, wenn Hobbyknipser das Smartphone dauerhaft in die Höhe halten und andere zwingen, das Konzert auf den vielen kleinen Handydisplays zu verfolgen. Die Unsitte ist längst Normalität. Doch der Widerstand wächst - vor und auf der Bühne.   

Von Pjer Biederstädt
Smartphones auf Konzerten: Handy runter, Show genießen!
Bild im Bild: Smartphones versperren heutzutage häufig die Sicht auf die Bühne. Foto: Marc Müller/dpa

Jack White hat die Schnauze voll. Der amerikanische Sänger, Songschreiber und Gitarrist will nicht mehr für Leute spielen, die auf ihre Displays starren, um zu fotografieren oder zu filmen. Wenn der Raconteurs-Frontmann im April auf Solo-Tournee geht, lässt er die Mobiltelefone der Konzertbesucher wegsperren.

Ein Start-Up namens Yondr macht's möglich. Die Silicon-Valley-Firma hat verschließbare Handytaschen konzipiert, in die der Konzertbesucher sein Mobiltelefon vor der Show eintüten muss. Beim Betreten der Halle wird es per GPS verschlossen. Nur an speziellen Unlock-Stationen außerhalb des Konzertsaals können die Taschen wieder geöffnet werden.

Adele teilt aus

Jack White ist bei weitem nicht der einzige, den die Dauerfilmerei nervt. Sängerin Alicia Keys, Komiker Dave Chapelle und die Band Guns'n'Roses haben bei ihren Shows schon Gebrauch gemacht von Yondr. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Video-Schnipseln, auf denen Künstler während der Show ihre Fans darauf aufmerksam, für wie unhöflich sie das Glotzen aufs Display halten. Adele hat ihrem Ärger beispielsweise während eines Gigs in Verona mit deutlichen Worten Luft gemacht: "Könntest Du bitte aufhören, mich zu filmen. Ich bin doch hier, in echt", sprach die Sängerin einen Fan direkt an.

Dass die Handynutzung bei Konzerten längst Normalität und nicht mehr die Ausnahme ist, belegt eine Studie des Konzertkarten-Anbieters Ticketfly  aus dem Jahr 2015. Demnach benutzt ein Drittel der zwischen 18- bis 34-Jährigen über 50 Prozent der Konzertdauer das Handy. Fünf Prozent der Befragten gaben an, sogar das ganze Events über mit dem Handy zu hantieren. Weibliche Konzertbesucher seien mit 35 Prozent eher dazu geneigt, die Inhalte später in sozialen Medien zu teilen. 22 Prozent der Männer gaben an, die Fotos und Filmchen später zu posten.

Und genau darin steckt die Motivation der Handyfilmer: Anhand des festgehaltenen und geposteten Live-Erlebnisses sollen andere sehen, wie aufregend das eigene Leben ist. "Es geht dabei um die Selbstinszenierung im Netz", erklärt der münsterische Psychologie-Professor Alfred Gebert. Anstatt Freunden davon zu erzählen, wird heute für den sozialen Mehrwert einfach geknipst, gepostet und geteilt. 

Psychologe Prof. Dr. Alfred Gebert Foto: privat

Die nach oben gereckten Displays müssten eigentlich nicht nur Künstler und Handy-Gegner im Publikum ärgern, sondern auch die Hobbyknipser selbst. "Denn das Paradoxe ist ja, dass sie durch ihr Filmen gar nichts mitkriegen von dem, was auf der Bühne passiert. Sie schaden sich dadurch selbst", sagt Gebert.

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Wie die Neandertaler beim ersten Grillfest

Prof. Dr. Gebert

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Die These des 74-jährigen Psychologen wird untermauert durch die Studie einer Kollegin. Die Psychologin Linda Henkel, Professorin der US-amerikanischen Fairfield University, hat 2017 die Auswirkungen des Fotografierens auf das Gedächtnis untersucht. Sie bat Probanden bestimmte Objekte zu fotografieren und andere nur anzusehen. Als die Testpersonen Tage später zu Details der Objekte befragt wurden, erinnerten sie bei den nicht fotografierten Objekten deutlich mehr Details als bei den fotografierten Objekten. Ihre Schlussfolgerung: „Wenn wir einen externen Speicher verwenden, zählen wir geistig auf die Kamera, dass sie sich für uns erinnert“, schreibt Linda Henkel.

Ist Filmen erlaubt?

Das Mitfilmen von Konzerten stellt dem Urheberrechtsgesetz zufolge ganz grundsätzlich eine Urheberrechtsverletzung dar, weil es sich um Vervielfältigungen einer Darbietung handelt, die dem Künstler vorbehalten sind. „Bei Konzerten ist häufig noch nicht mal eine "Privatkopie" zu eigenen Zwecken erlaubt, weil der Veranstalter im Rahmen des Hausrechts solche Aufnahmen verbieten kann - was die meisten auch tun. Insofern verstoßen selbst die vielen Handys, die bei Konzerten zu Aufnahmen hochgehalten werden, in der Regel gegen geltendes Urheberrecht“, schreibt die Verbraucherzentrale NRW. Die Filmchen auf Plattformen wie Facebook oder YouTube hochzuladen, ist ebenso illegal. Dass auf den Plattformen trotz eingebauter Filter zahlreiche urheberrechtsverletzende Video-Schnipsel kursieren, ist der oft großen Anzahl geschuldet. Außerdem verzichten manche Künstler aus Werbezwecken absichtlich auf die Verfolgung solcher Urheberrechtsverletzungen.

Gebert wünscht sich, dass die Leute ihren gesunden Menschenverstand einschalten und sich auf das Event konzentrieren. "Eigentlich gebietet es schon die Höflichkeitsform, dieses Verhalten zu unterlassen", findet der Psychologie-Professor. Weil es keine Regularien für den Umgang mit dem Handy gebe, verhielten sich manche "wie die Neandertaler beim ersten Grillfest".

Kommentar: Handy runter!

Das dauerhafte Filmen und Fotografieren mit dem Handy in Konzertsälen wird immer mehr zur Seuche des digitalen Zeitalters. Ein kurzes Foto als Erinnerung - kein Problem. Aber anderen Gästen mit durchgehend nach oben gereckten Armen die Sicht zu nehmen, oder sie zu zwingen, die Wirklichkeit durch lauter Zehn-Zentimeter-Displays zu konsumieren, ist Ausdruck von dreister Egomanie. Ganz zu schweigen von der maßlosen Unhöflichkeit, die dadurch den Künstlern entgegengebracht wird. Die Kritik richtet sich dabei keineswegs gegen die Technik an sich. Smartphones sind ein Segen. Apropos, wenn schon Papst Franziskus, wie neulich auf dem Petersplatz in Rom, während einer Messe Gläubige und sogar Bischöfe darum bitten muss, die Handys wegzustecken, dann drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass mit den steigenden technischen Möglichkeiten schwindende Reflexionsfähigkeit der Nutzer einhergeht. Deshalb der dringliche Appell: Kopf an, Handy runter und genießen. Pjer Biederstädt

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