Theater Münster: George Orwells „1984“ im digitalen Zeitalter „Big Brother“ ist längst Realität

Münster -

Als Georg Orwell vor 70 Jahren seinen Roman „1984“ schrieb, dachte noch niemand an eine digitale Revolution. Deshalb nimmt sich die Arbeit von Winston Smith, der im „Ministerium für Wahrheit“ alternative Fakten schafft, für heutige Verhältnisse relativ altmodisch und beamtenhaft aus. In der Bühnenfassung von Robert Icke und Duncan Macmillan, die am Freitag im Kleinen Haus Premiere hatte, geht es da schon zeitgemäßer zu. Statt mit Aktenordnern zu hantieren, wischt Winston auf Touchscreens herum, dass es eine Freude ist.

Von unseremMitarbeiterHelmut Jasny
Im Glaskubus gefangen: Szene aus „1984“ mit (v.l.) Christoph Rinke, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Linn Sanders, Benedikt Thönes und Gerhard Mohr.
Im Glaskubus gefangen: Szene aus „1984“ mit (v.l.) Christoph Rinke, Jonas Riemer, Claudia Hübschmann, Linn Sanders, Benedikt Thönes und Gerhard Mohr. Foto: Oliver Berg

Überhaupt inszeniert Moritz Peters recht aktuell und in dieser Aktualität stimmig. Agiert wird in einem riesigen Glaskubus (Bühne: Bernhard Niechotz), dessen Interieur eher an Silicon Valley als an karges England erinnert. Die Protagonisten konsumieren Designer-Nahrung und verbringen ihre Freizeit im Fitnessstudio, wo sie auch Big Brother huldigen, den man sich als eine Art Computernetzwerk vorstellen kann. Eine zwischengeschaltete Partei wie bei Orwell ist hier nicht mehr nötig.

Ansonsten folgt die Handlung weitgehend dem Roman. Winstons Versuche, der allgegenwärtigen Überwachung zu entkommen, scheitern an genau dieser Überwachung. Ebenso verhält es sich mit seiner Liebe zu Julia, die er später unter Folter verrät. Gut ins Konzept passt, dass die Folter hier mit Hilfe virtueller Realität ausgeführt wird. Ebenfalls ein schönes Detail ist das Stück Isolierband, das Winston und Julia im geheimen Zimmer über ihre Kopfmikrofone kleben, ähnlich wie man die Linse seines Smartphones abklebt. Und dass die Überwachungsmonitore an smarte Lautsprecher erinnern, ist wohl auch kein Zufall.

Orwell zeichnet in „1984“ das Bild einer Welt, in der es keine Privatsphäre mehr gibt und die Menschen mit falschen Informationen manipuliert werden. In Peters’ Inszenierung schlägt sich das in einer bewusst künstlich gehaltenen Atmosphäre nieder. Jonas Riemer und Claudia Hübschmann lassen als Winston und Julia so etwas wie Leidenschaft höchstens einmal kurz aufblitzen. Ähnlich auf mechanisches Verhalten reduziert sind Linn Sanders, Benedikt Thönes, Gerhard Mohr und Christoph Rinke in diversen Nebenrollen.

Die einzige organisch wirkende Figur in der Inszenierung in Münster ist ausgerechnet der Verräter O’Brien, von Frank-Peter Dettmann mit aalglatter Präzision gespielt. 

http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5582941?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F