Das Stück „Ghetto“ im Borchert-Theater thematisiert eindrucksvoll ein moralisches Dilemma Ein Pakt mit dem Teufel

Münster -

„Auf dem Friedhof spielt man kein Theater“ – das wirft der Bibliothekar dem Leiter des Ghettos von Wilna, Jakob Gens, vor. „Du willst dir nur die Finger nicht schmutzig machen“, kontert dieser und formuliert damit ein Kernproblem in Joshua Sobols Schauspiel „Ghetto“, das jetzt im Borchert-Theater Premiere hatte. Ist eine Kollaboration mit den Nazis gerechtfertigt, wenn man damit Leben retten kann? Oder macht man sich selbst zum Werkzeug der Barbarei?

Von unseremMitarbeiterHelmut Jasny
Nazi-Offizier Kittel gibt sich jovial gegenüber den jüdischen Schauspielern, die im Grunde um ihr Leben spielen: Szene mit Bernd Reheuser, Johannes Langer, Rosana Cleve und Florian Bender (v.l.).
Nazi-Offizier Kittel gibt sich jovial gegenüber den jüdischen Schauspielern, die im Grunde um ihr Leben spielen: Szene mit Bernd Reheuser, Johannes Langer, Rosana Cleve und Florian Bender (v.l.). Foto: Klaus Lefebvre

Die Geschichte ist historisch verbürgt. Auf Anregung des kunstliebenden Nazi-Offiziers Kittel gründet der jüdische Ghettoleiter Gens ein Theater. Damit stellen die Schauspieler einen Nutzen für die Nazis dar und werden nicht umgebracht. In die gleiche Richtung geht eine Schneiderei, in der jüdische Frauen Uniformen für deutsche Soldaten nähen. Tatsächlich kann Gens auf diese Weise viele Menschen retten. Gleichzeitig muss er Alte und Kranke opfern und wird so selbst zum Werkzeug der Nazis. Er könne sich kein Gewissen leisten, sagt er einmal.

Sobols Stück arbeitet viel mit Musik und Gesang, Klezmer hauptsächlich, denn Kittel erweist sich als Liebhaber der jüdischen Kultur. In einer Szene träumt er von einer „Befruchtung“ der deutschen Seele durch den jüdischen Geist. Was ihn aber nicht hindert, ein Blutbad anzurichten, als eine Sängerin aus dem Ghetto flieht. Spätestens hier wird klar, dass die geistige Befruchtung eine Vergewaltigung seitens der Nazis darstellt. Und eine solche findet dann auch körperlich statt.

Intendant Meinhard Zanger inszeniert mit beachtlichem Aufwand und bringt damit großes Theater ins kleine Borchert. Mit Bernd Reheuser als Kittel steht ein Nazi-Offizier auf der Bühne, der seinen menschenverachtenden Zynismus durch joviales Auftreten kaschiert. Jürgen Lorenzen legt als Gens zunächst erfrischenden Witz und Kreativität an den Tag, verliert aber zunehmend an Sympathie, je mehr er Werkzeug von Kittel wird. Ähnlich verläuft die Kurve bei Johannes Langer, der sich als Leiter der Schneiderei zum ausbeuterischen Kapitalisten entwickelt.

Sowohl musikalisch als auch darstellerisch überzeugt Jannike Schubert als Sängerin Chaja. Florian Bender als Puppenspieler und Rosana Cleve als dessen vorlaute Marionette bringen Komik ins böse Spiel, während Heiko Grosche als Bibliothekar ein moralisches Prinzip verkörpert, das hier durchaus hinterfragt werden kann. Ebenso tragen die zahlreichen Nebenrollen zu einer sehenswerten Inszenierung im Wolfgang-Borchert-Theater bei, die in die Tiefe geht und die Zuschauer über die knapp drei Stunden Aufführungsdauer bei der Stange hält. 

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