Wolfgang-Borchert-Theater zeigt zum ersten Mal in Münster „Ghetto“ von Joshua Sobol „Man muss das heute machen“

Münster -

Man mag angesichts des Themas nicht in Gigantismus verfallen. Aber mit der Inszenierung von Joshua Sobols „Ghetto“ leistet das Wolfgang-Borchert-Theater Enormes und mutetet dem Publikum eben solches zu. Das Ensemble selbst meint: „Noch nie haben wir ein Stück gespielt, dass so unter die Haut geht“, berichtet Meinhard Zanger. Der Intendant des WBT inszeniert das Schauspiel mit Musik und vier Dutzend Spielern.

Von Gerhard Heinrich Kock
Widersprüchliche Gefühle quälen die Bewohner im „Ghetto“. Das Borchert-Theater zeigt ab Donnerstag das Stück von Joshua Sobol.
Widersprüchliche Gefühle quälen die Bewohner im „Ghetto“. Das Borchert-Theater zeigt ab Donnerstag das Stück von Joshua Sobol. Foto: TWeidner

Schwerer Stoff. Schweres Stück. „Aber in heutigen Zeiten unbedingt notwendig“, befindet Zanger: „Man muss das einfach heute machen. In dem Stück kann man sehen, wohin Rechtsradikalismus führt.“ Ghetto sei eine Parabel für die heutige Zeit.

Die Geschichte mit wahrem Hintergrund: 1942 im jüdischen Ghetto von Wilna. Jakob Gens (Chef der jüdischen Ghettopolizei) arrangiert sich mit dem SS-Führer Kittel. Nach der Devise „Arbeiten, um zu überleben“ gilt es zu versuchen, Leben zu verlängern, zu retten. Das Stück zeigt, wie die Bewohner dieses lebensfeindlichen Wahnsinns reagieren – menschlich: Sie arrangieren sich; sie kollaborieren, sie leisten Widerstand. Unter den zynischen Augen des SS-Offiziers Kittel: ein Sadist, der jüdischen Humor, Jazz und Gershwin liebt – und ein gnadenloser Killer ist.

Für Zanger zeigt sich in dem Stück das „Ringen um die menschliche Würde“. Um den Überlebenswillen zu stärken, spielen die Ghetto-Bewohner Theater. „Wenn die gemeinsame Kultur aufkommt, sind alle eins, das gibt ihnen Kraft, ans Überleben zu glauben.“ Im Stück gibt es viele jiddische Lieder, und Zangers Inszenierung behält die Sprache dieser Lieder bei.

Ein Akkordeon und eine Klarinette werden für den richtigen Klezmer-Klang sorgen. Gesungen wird unter anderem vom Extrachor des Gymnasiums Paulinum unter der Leitung von Margarete Sandhäger und Susanne Schmitz. Und das Jiddische wurde bereits von kompetenter Seite begutachtet: „Wir haben wunderbare Beratung von der jüdischen Gemeinde bekommen“, so Zanger.

Das Stück dauert an die 170 Minuten. Der erste Teil spielt vor, der zweite nach dem Fall von Stalingrad. Das Stück wurde 1984 an der Freien Volksbühne Berlin uraufgeführt. In Münster wird die durch Sobol verschärfte „Essener Fassung“ von 1992 zu sehen sein, in der auch Zanger mitspielte, der das Stück bereits zwei Mal inszenierte (Gießen und Rostock). In Münster ist das Stück „Ghetto“ zum ersten Mal zu sehen. Das Ensemble umfasst 17 Personen, so dass mit dem Chor an die 50 Darsteller die Bühne bevölkern. Erste Reaktionen nach den Proben: „Das haut aber rein.“

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Die Premiere am Donnerstag (25. Januar) ist ausverkauft. Für die nächsten Vorstellungen am Samstag und Sonntag (27. und 28. Januar) gibt es noch wenige Restkarten: ' 40019. Weitere Vorstellungen ab 20. Februar.

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