Ehemaliges Kochlöffel-Domizil Brillengeschäft wird neuer Mieter

Münster -

Kochlöffel geht, ein Brillenhandel kommt. Doch diejenigen, die im Zuge des Mieterwechsels gehofft hatten, das Haus mit dem Flachdach werde den Nachbargebäuden angeglichen, werden enttäuscht.

Von Björn Meyer
Über weniger Stockwerke und vor allem keinen Giebel verfügt das Haus an der Rothenburg 52, wo derzeit „Mister Spex“ die Vorbereitungen für einen Einzug trifft.
Über weniger Stockwerke und vor allem keinen Giebel verfügt das Haus an der Rothenburg 52, wo derzeit „Mister Spex“ die Vorbereitungen für einen Einzug trifft. Foto: Oliver Werner

Zwischen Rathaus und Lamberti – und auch noch ein bisschen weiter auf der Rothenburg – stehen in Münster bekanntlich die schönen alten Giebelhäuser. Ein Gebäude aber fällt aus dem Rahmen. Denn in der Rothenburg 52, wo bis vor einigen Tagen noch der Schnellimbiss Kochlöffel als Mieter residierte, ist nicht nur nach zwei Stockwerken Schluss, anstelle eines stilgebenden Giebels schließt zudem ein Flachdach das Gebäude ab. Und das gefällt nicht jedem in der Stadt.

Das Haus ohne Giebel

Anlässlich des Auszugs des bisherigen Mieters hatte etwa Nico Osthues, Inhaber des Juweliergeschäfts J.C. Osthues, in einem Leserbrief den Eigentümer des Gebäudes an seine städtebauliche Verantwortung erinnert. Der Eigentümer, so Osthues, solle nachholen, was bereits seit 70 Jahren ausstehe – das Haus wieder komplett aufzubauen.

Genau das aber wird erstmal nicht passieren – aus verschiedenen Gründen. Einerseits hege man Zweifel an der unbedingten Wirtschaftlichkeit eines solchen Projekts, andererseits sei es auch eine Frage der Kraft, denn die Erbengemeinschaft, die das Haus verwaltet, sei bereits in einem gesetzten Alter, erzählt Paul Overberg, einer der Erben. „Vielleicht hätten wir das vor zwei Jahrzehnten machen sollen, aber hinterher ist man immer schlauer“, fügt Overberg an. Er stellt aber in Aussicht: „Irgendwann wird das Haus sicherlich mal aufgebaut, aber wohl eher durch unsere Kinder als durch uns.“

Neuer Mieter: „Mister Spex“

Ein neuer Mieter für das Untergeschoss steht derweil fest. Der vor allem aus dem Internet bekannte Brillenhandel „Mister Spex“ wird in Münster seine deutschlandweit achte Filiale eröffnen. Dafür werde innerhalb des Gebäudes umgebaut, teilt die Erbengemeinschaft mit. An der Außenfront wolle man es dagegen mit einem neuen Anstrich belassen.

Aus Sicht der städtischen Denkmalpflege ist sogar dieser Anstrich bereits mit der Behörde abzusprechen. Dabei betont Mechthild Mennebröcker, dass auch vor dem Krieg kein besonderes Haus an dem Platz gestanden habe. Bilder lägen ihr zwar nicht vor, sie wisse aber, dass dort ein anspruchsloses, fünfachsiges Haus mit einer Putzfront gestanden habe. Etwaige Pläne, den seit 1952 existierenden Status quo zu verändern, würde die städtische Denkmalpflege zwar begrüßen – „ein Giebel wäre schon schön“ –, Mennebröcker verweist aber auch darauf, wie schwierig eine Umsetzung wäre. Wenn, dann müsse dort eine eigenständige Architektur geschaffen werden, die sich sowohl an die Vergangenheit als auch an die heutige Zeit anlehne, so Mennebröcker. Sie stellt aber klar, dass es eine derartige Forderung seitens der städtischen Denkmalpflege weder geben könne noch werde. Und auch oder gerade weil das Haus schon seit 70 Jahren anders aussehe, als die Gebäude in der Nachbarschaft, sei die Rothenburg 52 eben ein „Zeitdokument“.

Kochlöffel sucht in Münster nach einem neuen Domizil

Der neue Mieter „Mister Spex“ wird frühestens im April, eher aber im Mai einziehen. Wegen der Umbauarbeiten, die bereits begonnen haben, hat die Filiale des Bekleidungsgeschäfts Medusa, die im ersten Stock ansässig ist, ihre Pforten derzeit geschlossen. Die Fastfood-Kette Kochlöffel, deren Mietvertrag nach 30 Jahren nicht verlängert wurde, sucht derweil in Münster nach einem neuen Domizil.


Pro & Contra

Der „Kochlöffel“ zieht aus – und plötzlich fällt auf, dass das Haus an der Rothenburg ein Nachkriegsprovisorium ist. Sollte es nicht besser als schickes Giebelhaus wiederaufgebaut werden?

Pro: Der stilgebende Giebel fehlt

Von Ralf Repöhler

Die städtische Denkmalpflege übt sich in vorsichtiger Diplomatie. Schon vor dem Krieg habe an dem Platz kein besonderes Haus gestanden, heißt es bei der Stadt. Ach so! Unter diesem Gesichtspunkt wäre der Wiederaufbau an der Rothenburg 52 gelungen. Seit Jahrzehnten fehlt dem schäbigen Gebäude der stilgebende Giebel. Kaum zu glauben angesichts der schönen Flaniermeile ringsherum, die sich mit den exklusivsten Einkaufsstraßen messen kann. Von St. Lamberti über Prinzipalmarkt und Rothenburg bis zum Aegidiimarkt ist ein Giebelhaus herausgeputzter als das andere. Mittendrin indes fehlen der alten „Kochlöffel“-Bude mindestens zwei Stockwerke.

Zwei Geschosse, Flachdach – das war‘s in bester Lage. Daran können Altstadtsatzung, Gestaltungsbeirat und alle anderen wichtigen Gremien, die die architektonischen Standards in Münster hoch halten, nichts ändern. An dieser Stelle ist seit 70 Jahren kaum etwas passiert – wie schade, wie einfallslos. Und das, obwohl sich die Mieten für das halbe Haus sicherlich den horrenden Preisen in der schönen Nachbarschaft angepasst haben.

Contra: Nicht übertreiben

Von Lukas Speckmann

Wer heute durch Münsters Altstadt streift, vergisst leicht, dass diese Stadt vor 72 Jahren ausgelöscht war. Für den Wiederaufbau in alter Form können die heutigen Münsteraner der älteren Generation nur dankbar sein – Hauptsache, sie vergessen ihn nicht ganz und gar. Die schmucken Giebel am Prinzipalmarkt und an der Rothenburg sind gediegene Nachempfindungen aus der Nachkriegszeit, nicht die Zeugen einer jahrhundertealten Stadtgeschichte.

Die letzten markanten Baulücken des Krieges (Stadtbücherei, Stubengasse, Königsstraße) sind in den vergangenen Jahrzehnten geschlossen worden; es wäre schlicht übertrieben, jetzt jedem verbliebenen Provisorium noch ein adrettes Giebelchen zu verpassen. Hand aufs Herz: Wem ist der fehlende Giebel in den vergangenen Jahren wirklich aufgefallen? Wenn es stimmt, dass auch der im Krieg zerstörte Vorgängerbau kein Schmuckstück war, sollte die Stadt erst recht mit einem unauffälligen Flachdach leben können, ohne an ihrem Selbstwertgefühl Schaden zu nehmen. Münster ist schließlich eine lebendige Stadt – und kein Museum.

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