Münsterische Glasmaler-Dynastie Die Welt in farbigem Licht

Münster -

Zahlreiche Kirchen in Münster und im Münsterland enthalten bunte Fenster, die in der „Glasmalerei von der Forst“ angefertigt wurden. Gegründet in einer Zeit konfessioneller Spannungen, war die Firma in der ganzen Region und weit darüber hinaus bekannt. Endgültig nach dem Zweiten Weltkrieg war sie überkonfessionell tätig und schuf auch viele repräsentative Fenster für öffentliche Gebäude. Der letzte Inhaber, Victor von der Forst, wäre vor Kurzem 120 Jahre alt geworden – Anlass für einen Rückblick.

Von Lukas Speckmann
Das Treppenhaus der Paul-Gerhardt-Realschule 
Das Treppenhaus der Paul-Gerhardt-Realschule  Foto: Matthias Ahlke

Der Aufstieg vom Keller ins Obergeschoss führt vom Grund des Meeres in die Weite des Alls. Unten sind filigrane Fische zu erkennen; ein Stockwerk höher wachsen zartgrüne Pflanzen, und Vögel ziehen ihre Bahn. Auf dem nächsten Treppenabsatz rückt die blaue Erde ins Blickfeld. Und oben, wo das elegante 50er-Jahre-Treppenhaus ausläuft, erhebt sich das Firmament: Der Glasmaler Victor von der Forst hat auf den Fenstern im Treppenhaus der Paul-Gerhardt-Realschule, der heutigen Gesamtschule Münster-Mitte, nicht weniger als die ganze Welt abzubilden versucht.

„Mein Vater war tiefgläubig und philosophisch gebildet“, sagt Elisabeth von der Forst, „es ging ihm um ein Gesamtbild der Schöpfung.“ Als der Meister das monumentale Fensterbild schuf, zwischen 1955 und 1958, erlebte die Glasmalerei auch in Münster eine späte Blüte: Im Krieg waren viele kostbare Fenster in Kirchen und öffentlichen Gebäuden zerstört worden – und in den 50er- und 60er-Jahren wurden beispiellos viele neue Kirchen gebaut. Die traditionreiche Glasmalerei von der Forst an der Kellermannstraße hatte viel zu tun. Um die 20 Mitarbeiter beschäftigten Victor und sein Vetter Paul von der Forst in jener Zeit, erinnert sich Tochter Elisabeth.

Doch es war ein letztes Aufbäumen: Im Jahr 1978 wurde die Firma aufgelöst; Victor von der Forst als letzter Chef starb fünf Jahre später im Alter von 86 Jahren. Vor Kurzem wäre er 120 Jahre alt geworden – für Elisabeth von der Forst ein Anlass, an die stattliche Familientradition zu erinnern: „Es wäre schade, wenn das alles sang- und klanglos verschwindet.“

Die Tradition begann 1860 auf Anregung von Bischof Johann Georg Müller. Seit Gründung der Firma wirkten sieben namhafte Künstler und Kunsthandwerker aus drei Generationen der Familie von der Forst vor allem in Münster und im Münsterland. Ob in Wolbeck oder Nottuln, in Heilig Kreuz oder in St. Lamberti: Überall hat die münsterische Glasmalerei dank des beispiellosen Gründerzeit-Baubooms ihre Spuren hinterlassen.

In der Werkstatt wurden auch fremde Entwürfe umgesetzt – doch die Glasmalermeister waren künstlerisch versiert und entwarfen viele Glasbilder selbst. Zunächst entstanden farbige Skizzen im reduzierten Maßstab, die dann auf einen Karton im Maßstab eins zu eins übertragen wurden. Das kostbare farbige Glas aus dem großen Lager wurde passend geschnitten, eventuell zusätzlich bemalt und gebrannt, schließlich verbleit und eingesetzt. Um 1860 war der romantische Nazarener-Stil vorherrschend; nach dem Krieg wandte sich Victor von der Forst der Moderne zu.

„Vieles ist nicht mehr erhalten“, bedauert Elisabeth von der Forst. Als prominenteste Werke in Münster gelten heute die „Schöpfungsgeschichte“ sowie die Fenster der Synagoge an der Klosterstraße, 1961 fertiggestellt.

Die Firma von der Forst

Die „Glasmalerei-Anstalt Victor von der Forst“ wurde 1860 an der Schillerstraße 4 gegründet. Der Firmengründer (1834-1892) war ein auf Sakralkunst spezialisierter Bildhauer, Sohn des Stadtweinhaus-Gastwirts. Die Firma wurde von Victors Söhnen Ignatz (1866-1947) und Paul (1871-1954) bis zum Weltkrieg fortgeführt und nach neunjähriger Pause 1925 von Victor (1897-1983), dem Enkel des Firmengründers, am Hoppendamm neugegründet. Victors Vetter Paul (1898-1978) war zeitweise Mitinhaber – von ihm stammen besonders viele Entwürfe von Fenstern münsterischer Kirchen. Etliche Arbeiten wurden von der „Forschungsstelle Glasmalerei“ dokumentiert. www.glasmalerei-ev.de

http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5403291?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F