Gelungenes Vexierspiel des Theater en face Nur zwei Prozent anders als die Affen

Münster -

Bei 98 Prozent Übereinstimmung scheint ein fast perfektes Ergebnis vorzuliegen. Andererseits könnte man sagen: Knapp daneben ist auch vorbei. Die kleine Abweichung im Erbgut von Menschen und Primaten wie Schimpansen birgt enormes dramatisches Potenzial. Das zeigt die schillernde „Safari in die Zivilisation“ des Theater en face in der Halle B am Hawerkamp.

Von Wolfgang A. Müller
Kann Bücherauflegen Sprache erzeugen? Sarah Giese (links) und Anne Rolfes bei einer Performance.
Kann Bücherauflegen Sprache erzeugen? Sarah Giese (links) und Anne Rolfes bei einer Performance. Foto: wam

Die Exkursionen des zweiteiligen Theaterabends gruppieren sich um zwei literarische Affenfiguren. Mit Gustave Flauberts „Quidquid volueris“, einer bitterbösen Parabel auf den Kolonialismus, vermag das Ensemble unter der Regie von Xenia Multmeier das Publikum in der Gartenmöbelbestuhlung unmittelbar zu fesseln. Im Mittelpunkt steht Djalioh, ein die Pariser Gesellschaft befremdendes Wesen, das der zynische Rationalist Paul aus den Kolonien mitgebracht hat. Djalioh ist die Frucht eines barbarischen Experiments: eine Kreuzung von Orang-Utan und Mensch. Sprechen kann er nicht, doch die Ausdrucksmöglichkeit des Tanzes, die Bruno de Carvalho der Rolle gibt, ist an fulminanter Eleganz unwiderstehlich. So entspinnt sich zwischen ihm und Pauls Gattin Adèle eine irritierende Beziehung, die in der Katastrophe enden wird. Den packenden, klassischen Grusel der Inszenierung, zu düster brummenden Cello-Klängen, bizarren Geigen- und Gitarrenmelodien, verstärkt der morbide Charme der Industriehalle.

Während bei „Affe I: Weltinnenraum des Monsters“ die Verständigung zwischen den Charakteren versagt, gibt Franz Kafkas Affe Rotpeter im zweiten Teil seinen „Bericht für eine Akademie“ in lebhaft elaborierter, klarer Form ab. Ganz unäffisch stellt Alexander Rolfes eine Person vor, die die Assimilation als existenzielle Chance begreifen will: „Ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte.“ Zwischendurch und über die Halle verteilt, in der eine Installation von Gilsuk Ko ins Obskure morphende Videos zeigt, performen Sarah Giese und Anne Rolfes kurze Episoden, die auch zur Frage verleiten, ob die zwei Prozent Fremde vielleicht im Vermögen zu Kommunikation liegen. Mehr als nur ein Schluck aus der Flasche, etikettiert „conditio humana“, rüstet Theater en face mit seinem großartig gelungenen Vexierspiel für Begegnungen, ob im Zoo, in Wald und Flur, im eigenen Kopf oder an der nächsten Straßenecke.

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